Zu einem Gebets- und Solidaritätstag für die Christen im Heiligen Land hatten „Kirche in Not“ (ACN) und das Bistum Augsburg am Sonntag ins Haus Sankt Ulrich nach Augsburg eingeladen. Hauptredner war Bernard Poggi, Regens des Priesterseminars in Beit Jala nahe Jerusalem. Er berichtete über die aktuelle Situation der Kirche in Israel und den palästinensischen Gebieten.
Herr Regens, können Sie die Situation der Christen im Heiligen Land schildern?
Nach den Angriffen der Hamas vor drei Jahren wurden durch das israelische Militär mehr als 70 000 Menschen im Gazastreifen getötet – was zu einer massiven Vertreibung der Bevölkerung geführt hat. Insbesondere hat sich die christliche Gemeinschaft enorm verkleinert: Heute leben im Gazastreifen noch etwa 540 Christen – nur halb so viele wie zu Beginn der Hamas-Angriffe. Keine andere Gemeinschaft im Gazastreifen hat so viele Mitglieder verloren.
Kritisch ist auch die Lage in anderen Regionen in Palästina und Israel: Die Gewalt durch Siedler macht Land unzugänglich, allein im Jahr 2025 stieg die Gewalt im gesamten Westjordanland um 27 Prozent. Weiterhin werden durch Genehmigungen und Kontrollpunkte an den Grenzen die Arbeitsmöglichkeiten immer schwieriger. Von den 925 Checkpoints dürfen die Palästinenser nur drei Grenzübergänge nutzen – und auch nur, wenn sie die Erlaubnis haben, nach Jerusalem einzureisen. Für die Christen ist der Verlust des Zugangs zu Jerusalem besonders schmerzlich. Zudem liegt der Tourismus brach. Schulen, Kliniken und Pfarreien müssen unter permanenten Notbedingungen funktionieren. Und jeder Druck löst größeren Druck aus.
Es gibt bereits Stimmen, die von einem „Christozid“ im Heiligen Land sprechen. Können Sie das bestätigen?
Ich bin eher vorsichtig mit solchen Begriffen. Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, hat kürzlich einen Hirtenbrief über die Bedeutung Jerusalems und seinen zentralen Stellenwert für die Christen im Heiligen Land veröffentlicht. Darin ruft er zu Vergebung und zu einer Haltung der Offenheit gegenüber anderen auf – trotz des Krieges, der die Gefahr birgt, dass wir uns in uns selbst zurückziehen und abschotten. Wir als christliche Gemeinschaft dienen weiterhin der größeren Gemeinschaft und wir werden damit nicht aufhören. Unsere Schulen, unsere Krankenhäuser und unsere Einrichtungen stehen allen offen – unabhängig von ihrer Religion oder ihrer politischen Einstellung. Auf diese Weise kann die christliche Gemeinschaft weiterhin gute Früchte hervorbringen und die Arbeit der Kirche fortsetzen, solange das Christentum im Heiligen Land präsent ist. Ich denke, dass dieser Einsatz dazu beiträgt, dass man nicht von einem „Christozid“ sprechen kann.
Sie erwähnten eben das Ausbleiben von christlichen Pilgern aus dem Ausland. Welche Auswirkungen hat das auf die Christen in der Region?
Die Einwohner von Bethlehem leiden am meisten darunter. Wirtschaftlich ist die Stadt auf Pilgerreisen und Tourismus ausgerichtet. Die meisten Hotels, Geschäfte, Souvenirläden und Restaurants werden von Christen in Bethlehem betrieben. Und diese Menschen sind jetzt seit fast drei Jahren ohne Arbeit. Schaut man sich die Situation im Westjordanland insgesamt an, dann liegt die Arbeitslosenquote bei 25 Prozent. In der christlichen Gemeinschaft liegt die Arbeitslosenquote jedoch bei über 50 Prozent, weil eben viele Christen im Tourismussektor arbeiten. Die Folge ist, dass viele Menschen auswandern – insbesondere diejenigen, die über gewisse finanzielle Mittel verfügen und in der Lage sind zu reisen. Andere hingegen, die arm sind oder gesundheitliche Probleme haben, können nicht weggehen.
Sollten wir aus dem Westen es wagen, wieder häufiger nach Israel zu pilgern und christliche Präsenz zu zeigen?
Ich bin amerikanischer Staatsbürger und lebe seit acht Jahren ununterbrochen im Heiligen Land. Während der Kriege war es mitunter sehr schwierig. Aber, ganz ehrlich, wir haben inzwischen eine gewisse Stabilität vor Ort und trotz allem, was geschieht, gibt es ein gewisses Maß an Normalität. Meiner Meinung nach können Pilgerreisen wieder stattfinden. In den vergangenen Jahren kamen einige wenige Menschen aus Solidarität zu uns. Aus einer christlichen Pflicht der Nächstenliebe heraus, um ihre Verbundenheit mit der christlichen Gemeinschaft im Heiligen Land zu zeigen. Und das war eine wirklich starke Botschaft: Dass Brüder und Schwestern aus dem Westen kommen, um in dieser schwierigen Zeit bei uns zu sein. Es ist wie eine der Barmherzigkeitstaten, von denen Jesus spricht: „Ich war krank, und ihr habt mich besucht.“
Stichwort Arme. Versuchen Sie aber auch die Auswanderungswilligen vom Bleiben zu überzeugen?
Ja. Die Kirche unternimmt alle Anstrengungen, um die Menschen dabei zu unterstützen, zu bleiben. Wir Christen machen weniger als ein Prozent der Bevölkerung in Palästina und Israel aus, verfügen aber gleichzeitig über 27 Prozent der Einrichtungen, die Menschen in besonders schwierigen Lebenslagen versorgen und diejenigen unterstützen, die am dringendsten Hilfe benötigen. Zu diesen Einrichtungen gehören Schulen, Waisenhäuser, Krankenhäuser und weitere soziale Einrichtungen. Sie versorgen insbesondere Menschen mit Behinderungen und solche, die weniger privilegiert sind. Insgesamt stellen diese Einrichtungen 35 Prozent der Arbeitsplätze zur Verfügung. Die katholische Kirche ist nach der palästinensischen Regierung der zweitgrößte Arbeitgeber im Westjordanland. Ohne die Kirche wäre die Situation hinsichtlich der Auswanderung noch viel dramatischer. Dann hätten wir wahrscheinlich eine Arbeitslosenquote von 80 oder 85 Prozent. Die Arbeit der Kirche ist also sehr, sehr sichtbar. Jeder sieht sie, und jeder profitiert in der Region davon.
Wo benötigen Sie am meisten Hilfe?
Ein wichtiger Punkt ist die Schaffung von Arbeitsplätzen. Insgesamt haben wir 160 000 Arbeitsgenehmigungen verloren. „Kirche in Not“ unterstützt uns dabei, neue Programme zur Schaffung von Arbeitsplätzen aufzubauen. Dabei geht es darum, lokale Unternehmen und Handwerker zu unterstützen, die Landwirtschaft zu fördern und einen verantwortungsvollen Pilgertourismus zu entwickeln. Das sind Arbeitsplätze, die es den Familien ermöglichen, zu bleiben und sich eine Zukunft aufzubauen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Ausbildung: Wir müssen Lehrer ausbilden, aber auch Geistliche und junge Führungskräfte im Laienbereich. Unsere Bitte an Sie: Erheben Sie Ihre Stimme! Wir fordern Religionsfreiheit. Wir fordern Bewegungsfreiheit. Wir fordern Zugang zu Wohnraum und zu unserem Eigentum, zu unseren Ackerflächen. Und wir fordern Schutz vor Gewalt.
Setzen wir Europäer uns zu wenig für die dortigen Christen ein, weil wir zögern, etwas gegen die Israelis zu unternehmen, deren Lebensumstände sich auch in vielen Ländern verschlechtert haben?
Die Unterstützung der Christen im Heiligen Land richtet sich nicht gegen Israel. Es geht nicht darum, die christliche Gemeinschaft auf Kosten Israels zu stärken – das entspricht in keiner Weise unserer Realität. Die christliche Gemeinschaft war bereits vor der Gründung des Staates Israel im Heiligen Land verwurzelt. Sie hat auch die Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 miterlebt und ist bis heute dort präsent. Wir werden weiterhin mit allen Seiten zusammenarbeiten, um die Christen zu unterstützen und jene Menschen, die am dringendsten auf Hilfe angewiesen sind.
Die Interviewerin ist freie Journalistin und Buchautorin.
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