Auch die Kulinarik spaltet nach 36 Jahren weiter die Republik. Überquert man bei Lauenburg die auf Erinnerungstafeln markierte innerdeutsche Grenze, ändern sich sofort die Rezepturen. Wer dann in Schwerin beim Altstadtbrauhaus „Zum Stadtkrug“ einkehrt und zum Bier ein Jägerschnitzel bestellt, bekommt eine panierte Scheibe Jagdwurst serviert – die Gäste sind zufrieden. Das DDR-Traditionsgericht kostet mit der obligatorischen, aus Tomatenmark angerührten Sauce und Pommes frites nur 9,90 Euro, ist aber deutlich von dem panierten und gebratenen Stück Schwein zu unterscheiden, das im Westen als Jägerschnitzel den Weg auf den Teller findet.
Auf die Mitte kommt es an
Und weil Liebe eben oft durch den Magen geht, hatte sich die CDU in Mecklenburg-Vorpommern für ihren Landtagswahlkampf etwas besonders Ausgefuchstes überlegt: das Fischbrötchen als politische Imbiss-Analogie. Mit Hering und Zwiebeln mittig eingeklemmt zwischen zwei Hälften ist es in West wie Ost beliebt – und führt die Menschen niedrigschwellig an der Bude zusammen. Der dazugehörige Slogan „Auf die Mitte kommt es an“ übersetzte die schlichte Architektur des Fischbrötchens in die entscheidende politische Botschaft.
Genau da in der Mitte sollte CDU-Spitzenkandidat Daniel Petes als genussfertiger Hering liegen, man braucht nur noch zuzubeißen. Ein bisschen hätte es im Fischbrötchen auch Kanzler Friedrich Merz sein können, der dann sogar auf Wahlkampftour in Heringsdorf für die Fotografen herzhaft in die Mitte biss. So hatten es sich die Christdemokraten und ihre Werber gedacht. Doch als es zur Entscheidung kam, war den Wählern der Appetit gründlich vergangen. Nur 4,9 Prozent mochten zubeißen. Die traditionsreiche CDU ist im Nordosten in Zukunft außerparlamentarische Opposition. Die Mitte, auf die es doch eigentlich laut Plakatwerbung ankommt, sie wird in Mecklenburg-Vorpommern nicht mehr gemocht. Der Hering ist weggeflutscht.
Ein Schloss als Verheißung
Vor dem Schweriner Schloss haben am Nachmittag des Wahlsonntags Angler ihre Köderfische ausgelegt. Raubfische wie Hecht und Zander bevölkern neben verschiedenen Friedfischarten den Burgsee, eine Bucht des Schweriner Sees. Für Politik interessieren sich die Petrijünger nach eigenen Angaben kaum, zur Wahl sind sie nicht gegangen: „Ein Ergebnis gibt es auch ohne uns!“ Doch die Nichtwähler wie diese Angler – sie sind es eigentlich gewesen, die diesmal in Scharen zur Wahl gegangen sind und der Rechtspartei zum Traumergebnis verholfen haben. Politisch Desinteressierte haben an der Urne weitreichende Entscheidungen getroffen, die die Politiker ins Grübeln bringen.
Im warmen Herbstlicht wirkt das Schloss wie die Verheißung einer besseren, einer „großen“ Zeit mit fester Ordnung, mit Herrscher und Volk. Nicht zu Unrecht wird der historistische Bau als das Neuschwanstein des Nordens tituliert. Das Schloss gehört zum Residenzensemble Schwerin, das 2024 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Hier hat der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern seinen Sitz.
Wahlparty ohne Partystimmung
Aber auch Touristen können einen Teil der Anlage besichtigen, die Prunkräume sind als Museum begehbar. Das Kaffeetrinken im Schloss zur Marzipan-Nusstorte fällt am Wahlsonntag allerdings aus, die Gastronomie in der kunstvoll verglasten Orangerie bereitet sich auf die Wahlparty der SPD vor, die schon hoffnungsvoll vor Schließung der Wahllokale begonnen hat. Die tief stehende Sonne lässt die filigrane Rahmung der Orangerie-Verglasung wie einen Scherenschnitt erscheinen.
Doch dafür haben die Genossen nach 18 Uhr keinen Blick. Angesichts von über 38 Prozent für die AfD sind die 35 Prozent für SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig nur ein schwacher Trost. Auch Schwesig wurde auf der Zielgeraden zur Populistin und steuerte einen Kurs gegen die dringend notwendige Reformpolitik der Koalition in der Berliner Hauptstadt, etwa für eine Rente nach 45 Beitragsjahren. In Sachen Russland und Nordstream hielt sie jedoch Kurs.
Zwar haben in Mecklenburg-Vorpommern über 60 Prozent nicht die AfD gewählt, aber die Mitte, sie ist futsch. In dem Bundesland, wo Angela Merkel einst ihre politische Heimat pflegte, hat die AfD den Heimatbegriff für sich gekapert. Der rechte Rand ist im Land an der Ostsee die neue Mitte.
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