Eine Antwort von „What the Fuck?!“ kommt schnell. Das Berliner Bündnis, das gegen den „Marsch für das Leben“ mobilisiert, will nicht mit der Tagespost sprechen. Der Grund: Die Zeitung berichte über den Marsch zu unkritisch. Seit vielen Jahren, so heißt es in der Antwort, liefen dort „Personen aus dem extrem rechten Milieu“ mit. Deshalb glaube man nicht daran, dass die Kritik des Bündnisses fair dargestellt werde. Der Vorwurf steht im Raum, als sich der Zug in Bewegung setzt.
Ein achtjähriger Junge läuft mit etwas Abstand ganz vorne. In seinen ausgestreckten Armen hält er ein Schild der Kaleb-Stiftung: „Stolz darauf, Vater zu sein“. Auf dem Schild und seiner Kleidung kleben bunte Sticker. Zeitweise läuft er zwischen Polizeibeamten und Einsatzfahrzeugen, hinter ihm das Reichstagsgebäude mit den Deutschlandflaggen. Für einen Moment sieht es aus, als würde er die mehreren tausend Menschen hinter sich anführen. Hinter ihm ziehen Familien vorbei, ältere Ehepaare und junge Erwachsene. Priester laufen mit, Schwestern und Brüder verschiedener Ordensgemeinschaften, Pfadfinder und Mitglieder der Jugend für das Leben. Orthodoxe Christen und Vertreter von Freikirchen sind dabei, Menschen im Rollstuhl und internationale Gäste. Die religiösen Bezüge sind unübersehbar. Manche tragen Ikonen, andere eine Marienstatue. Einige beten den Rosenkranz. Gleichzeitig läuft weltliche Musik. Christliche Musik gehört nicht zum offiziellen Programm.
„Es ist eine politische Demonstration, keine religiöse Prozession“, sagt Alexandra Linder, Vorsitzende des Bundesverbands Lebensrecht (BVL). Auch der 22. Berliner „Marsch für das Leben“ ist politisch. Seine Forderungen reichen über die Abtreibungsdebatte hinaus: Der BVL fordert ein weltweites Verbot der Leihmutterschaft, ein Verbot des assistierten Suizids und eine enge Zustimmungslösung bei der Organspende. Auch Abtreibungsgesetze und Schwangerschaftsberatungsstellen sollen überprüft werden. Doch zugleich betont Linder, dass das Christentum für viele Lebensschützer eine wichtige und wertvolle Grundlage ihres Engagements sei – und dass sie diese christliche Prägung ausdrücklich begrüße.
Vor Ort bleibt die Gegenbewegung überschaubar
Vor allem die Leihmutterschaft beschäftigt Susanne Wenzel, Bundesvorsitzende der Christdemokraten für das Leben (CDL). Der Marsch habe ein „ungeheures Aktivierungspotenzial“. Deutschland könne bei einer internationalen Regelung eine wichtige Rolle spielen: „Deutschland könnte dafür ein ganz guter Motor sein.“ Auch die AfD kommt zur Sprache. Wenzel weist den Vorwurf einer Verbindung des Marsches zur rechtsextremen Szene entschieden zurück. „Ich halte das für an den Haaren herbeigezogen. Es gibt keinerlei Verbindung zur rechtsextremen Szene. Das ist eine Unterstellung, um den Marsch zu diffamieren“, sagt sie. Parteien liefen nicht als Parteien mit. Zugleich sagt sie über die AfD: „Sie ist keine Lebensschutzpartei.“ Die Partei springe allerdings in Lücken, die andere Parteien, insbesondere die CDU, hinterließen. Auf der Straße sind an diesem Tag keine Parteifunktionäre als Teil des Zuges zu sehen.
Stattdessen fallen fünf Bischöfe auf: der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, der Passauer Bischof Stefan Oster, der emeritierte Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke sowie die Weihbischöfe Florian Wörner aus Augsburg und Dr. Josef Graf aus Regensburg. Am Kollar und dem Bischofskreuz sind sie leicht zu erkennen. Der BVL spricht von rund 4000 Teilnehmern, die Polizei zählt etwas mehr als 2000. Angemeldet waren rund 5000. Auf der Gegenseite sind drei Demonstrationen angemeldet. Mehrere Hundertschaften Polizei sichern die Strecke.
Der Zug zieht durch Berlin. Familien laufen nebeneinander, Menschen beten, viele tragen Fahnen. Bis zur Charité bleibt es, abgesehen von vereinzelten Rufen, ruhig. Dann hält der Zug an. Einige Gegendemonstranten haben sich Zugang zu einem Übergang verschafft. Ein Transparent soll aufgehängt werden, doch die Polizei greift ein. Wenig später setzt sich der Marsch wieder in Bewegung.
Dabei war gegen die Veranstaltung im Vorfeld intensiv mobilisiert worden. Pro-Choice-Gruppen hatten vor einer Veranstaltung „christlicher Fundamentalist*innen und rechter Gruppen“ gewarnt und für sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung geworben. Vor Ort bleibt die Gegenbewegung überschaubar. Eine kleine Gruppe junger Pro-Choice-Aktivisten steht am Rand: junge Frauen und Männer, bunt und unterschiedlich gekleidet. Auf die Ansprache reagieren sie zunächst zurückhaltend. Einige meiden den Blickkontakt, zunächst möchte niemand mit der Tagespost sprechen. Erst nach einer Weile beginnt ein junger Mann ein Gespräch und stellt eine Frage. Nach und nach beteiligen sich weitere. Sie verbinden die Lebensschutzbewegung mit konservativen und aus ihrer Sicht nichtliberalen Milieus. Es geht um Abtreibung, Religion und die Rolle des Staates beim Schutz ungeborenen Lebens. Die Positionen liegen weit auseinander. Trotzdem werden Fragen gestellt und Argumente ausgetauscht. Für einige Minuten wird aus dem Aufeinandertreffen zweier Demonstrationen ein Gespräch.
Fünf Bischöfe beim Marsch
Ein paar Meter weiter hat ein Mann an seinem Fahrrad ein selbst gebasteltes Schild angebracht: „Jesu Kreuz hat kein Haken.“ Er will damit gerade eine Verbindung von Christentum und Rechtsextremismus zurückweisen. Ein anderer Mann quert den Marsch und ruft den Demonstrierenden entgegen: „Verpisst euch auf eure Dörfer, wo ihr hingehört.“ Dann zieht der Zug weiter. Am Rand sprechen auch die Bischöfe über ihre Sicht auf den Marsch. Voderholzer betont die Würde jedes Menschen. Lebensschutz sei „von Urzeiten ein christliches Thema“. Zugleich könne man ihn auch anders begründen: Auch das Grundgesetz schütze die Würde des Menschen. „Jedes Leben hat eine unantastbare Würde.“ Oster erzählt, dass er die Form des Marsches früher skeptischer betrachtet habe. Briefe von Teilnehmern hätten ihn überzeugt, dass die Bischöfe die Lebensschutzbewegung nicht allein lassen sollten. Wenn AfD-Politiker „ehrlichen Herzens“ für den Schutz des Lebens einträten und ihn nicht instrumentalisieren, dann sei das wunderbar. Dann sagt er: „Aber wir sind das Original.“ Wörner beschäftigt die parteipolitische Vereinnahmung. „Wir dürfen uns dieses Thema nicht abnehmen lassen“, sagt er. „Das Eintreten für den Lebensschutz und den Marsch für das Leben gibt es schon lange, und zwar parteiübergreifend. Das Problem ist nicht, dass sich eine Partei dieses Themas in jüngerer Zeit besonders annimmt, sondern dass viele andere Parteien es gar nicht mehr oder nur halbherzig auf dem Schirm haben.“
Roxane Köhler von der Jugend für das Leben Deutschland spricht über ihre Motivation. Schon früh habe sie Abtreibung als Ungerechtigkeit empfunden. „Wenn du etwas als Wahrheit erkannt hast, musst du dich dafür einsetzen.“ Ihre zentrale Forderung lautet: „Mehr Bildung!“ Dazu zählt sie Aufklärung über die vorgeburtliche Entwicklung, Unterstützung für Familien und eine kinderfreundlichere Gesellschaft.
Ziel ist es, dass der Marsch irgendwann nicht mehr nötig ist
Bernhard Weiskirch von der Stiftung „Ja zum Leben“ lacht während des Gesprächs viel. Beim Vorwurf einer Verbindung zu rechtsextremen Strömungen wird er ernst. Eine solche Verbindung sei „abstrus“, sagt er. Die Stiftung stehe auf dem Boden des Grundgesetzes. Wichtig ist ihm vor allem die konkrete Arbeit für Frauen und Familien. Seit 1988 unterstützt die Stiftung nach eigenen Angaben Schwangerenberatungsstellen, Notunterkünfte und Wohnungen für Alleinerziehende. Ein mitlaufender Priester lenkt den Blick zurück auf das Thema der Abtreibung. Er erzählt von Frauen, die er nach einer Abtreibung in der Beichte erlebt habe. Manche sagten: „Ich habe mein Kind umgebracht.“ Für ihn gehört die Unterstützung von Frauen deshalb zum Kern des Lebensschutzes.
Vor der Bühne wird ein letztes Lied gesungen. Die Trommeln der Gegendemonstranten sind inzwischen verstummt. Polizisten lösen Absperrungen, Menschen verabschieden sich. Alexandra Linder und Susanne Wenzel sagen, ihr Wunsch sei es, dass ein Marsch für das Leben eines Tages nicht mehr nötig sei. Für diesen Samstag sind dennoch mehrere tausend Menschen nach Berlin gekommen, um für ihre Anliegen zu demonstrieren.
Die Autorin ist Redakteurin beim katholischen Fernsehsender EWTN.
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