Spätestens seit dem versuchten Drohnenanschlag auf den Flughafen Leipzig ist eine Erkenntnis, die in Polen und im Baltikum längst Allgemeingut ist, auch in Deutschland angekommen: „Wir befinden uns seit Jahren in einer Bedrohungslage, aber die Gefahr hat zugenommen.“ So formuliert es Verena Jackson, Expertin für den Schutz kritischer Infrastruktur, Weltraumrecht und Cyberwar an der Universität der Bundeswehr in München.
Attackiert werde Europa auf hybride Weise, aber unterhalb der Schwelle, wo „Panzer auffahren und Raketen fliegen“. Im Fokus des Angreifers stünden militärische Anlagen, aber auch Flughäfen und Krankenhäuser. „Alles, was mit dem Internet verbunden ist, kann ein Einfallstor für den Aggressor sein – das kann ein Smartphone sein oder ein Auto.“ Mit Desinformation und Fakenews versuche Russland zudem gezielt, das Vertrauen in Sicherheitsbehörden und Regierungen zu untergraben, bestimmte Parteien zu fördern und die Spaltung der Gesellschaft voranzutreiben.
Im Cyberkrieg mit Russland
„Wir sind schon längst in einem Cyberkrieg mit Russland, der aber einseitig geführt wird“, meint auch Cornelius Granig, Publizist und Unternehmensberater im Bereich der Cybersecurity. Russland sei weltweit führend im Bereich von Spionage und hybrider Kriegsführung, beeinflusse Wahlen in Europa und destabilisiere die westlichen Gesellschaften mit gezielter Desinformation. Die neuen Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz machten all das immer einfacher, so Granig beim „Salzburg Europe Summit“ des Instituts der Regionen Europas (IRE) am Montag in der Mozartstadt. Seine zweite schlechte Nachricht lautet: „Wir sind nicht besonders gut vorbereitet auf große Angriffe.“ Als Beispiel nennt der Cybersicherheitsexperte den Datendiebstahl in Berlin und den damit verbundenen Erpressungsversuch.
Wie verwundbar die europäischen Gesellschaften sind, zeigt sich, sobald der Strom länger als nur ein paar Minuten ausfällt. Ein solcher Blackout kann technische Ursachen haben, doch hat die Wahrscheinlichkeit von gezielten, politisch motivierten Sabotageakten seit 2022 zugenommen. Bisher habe man in Europa Störfälle immer relativ schnell in den Griff bekommen, sagte der Vorstandsvorsitzende des österreichischen Energieversorgers „Verbund AG“, Michael Strugl, beim IRE-Kongress in Salzburg. „Wir tun viel, um einen Blackout zu verhindern, und wir üben auch jedes Jahr.“ Hinsichtlich der Energiesicherheit könne man von der Ukraine, wo Russland die Energieinfrastruktur seit Jahren gezielt attackiert, viel lernen. 2022 wurde das ukrainische an das europäische Stromnetz angeschlossen. Strugl preist das „unglaubliche Ingenieurswissen und Techniker auf höchstem Niveau in der Ukraine“. Wörtlich: „Die Ukraine gehört technisch zu den fähigsten Nationen in Europa: bei der kritischen Infrastruktur wie in der Drohnentechnologie. Da gibt es Fähigkeiten, die für Europa durchaus relevant sind.“
Die Ukraine lernt dynamisch dazu
Der Mathematiker und Ökonom Ivan Yuryk, Vorstand des überregionalen ukrainischen Energieversorgers UKR-ENERGO, schildert, „dass der Aggressor Russland Engpässe provoziert, wo der Schaden die größte Wirkung zeitigt“. Die Angriffe würden präziser, die Resilienz müsse sich entsprechend dynamisch anpassen: Mittlerweile gebe es robuste Betonstrukturen, um Atomkraftwerke gegen Drohnen zu schützen. Die Hälfte des ukrainischen Stroms stammt aus Atomenergie, die andere aus erneuerbaren Quellen wie Wasserkraft. Ukrainische Reparaturteams müssten jeweils schnell vor Ort sein, es brauche Unterstützung bei der Technologie, beim Equipment und bei der Finanzierung. „Im Bereich der Hochspannung zerstört Russland unsere Geräte schneller, als wir sie ersetzen können“, sagt Yuryk. Aber die Ukraine lerne auch dynamisch dazu und wolle in Zukunft ihr Personal anderen europäischen Staaten zur Verfügung stellen, um die ukrainischen Erfahrungen mit ihnen zu teilen.
Tatsächlich seien mutwillige Sabotage und hybride Kriegsführung für die europäische Versorgungssicherheit eine neue Dimension, bestätigte in Salzburg Michael Baminger, Vorstandsvorsitzender des Energie- und Infrastrukturdienstleisters „Salzburg AG“. Gegen einen großen staatlichen Akteur hätten kleine Unternehmen jedenfalls Schwierigkeiten. „Was gemacht werden kann, wird gemacht – aber wir reden nicht öffentlich darüber“, sagt Baminger.
Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.









