Seit Jahren warnen einzelne Wissenschaftler immer wieder vor einem Konflikt der Generationen. Viele Ältere wollen und können mit der Geschwindigkeit des Fortschritts insbesondere in der digitalen Welt nicht mitgehen. Jüngere wiederum fühlen sich „lost“ und übergangen und ihre Generationen werden mit den letzten Buchstaben des Alphabets bezeichnet: X, Y und Z. An Themen wie der Klimapolitik, Corona und der Diskussion um die Wiedereinführung der Wehrpflicht zeigt sich dies besonders.
Viele Jugendliche glauben, dass sie die Verlierer der Pandemie waren und nun für die Alten in den Krieg ziehen sollen. Auch am Wahlverhalten lässt sich ablesen, dass junge Menschen zu Extremen tendieren, da sie unzufrieden sind und Veränderungen wünschen. In Sachsen-Anhalt haben 44 Prozent der unter Dreißigjährigen AfD gewählt gegenüber 36 Prozent der über Sechzigjährigen. In Berlin waren es 47 Prozent der unter Dreißigjährigen, die Die Linke gewählt haben, gegenüber 13 Prozent der über Sechzigjährigen. Eine Gesellschaft, die auf individuelle Verwirklichung setzt, statt auf Familie mit mehreren Generationen, auf staatliche Kitas und Pflege, statt auf familiären Zusammenhalt, wird ökonomisch und soziologisch scheitern.
Hinzu kommt in der heutigen Zeit eine digitale Scheinwelt, die für jeden ein Leben von Superstars propagiert und gleichsam dem Einzelnen, mit seinen natürlichen Grenzen, als letzter Anker in der Einsamkeit erscheint. Ist das weitere Sich-Entfernen der Generationen somit unausweichlich? Nein, denn auch Gesellschaften des digitalen Zeitalters sind auf Zusammenhalt angewiesen. Eine „Revolution der Jungen“ gehört zur kontinuierlichen Erneuerung dazu.
Auch wenn manche Gefühle, insbesondere der unter Achtzehnjährigen, objektiv falsch sind, da sie nicht die Verlierer sind, drücken sie doch ein klassisches Gefühl des Nichtverstandenwerdens aus. Dies muss eine Gesellschaft und auch zum Beispiel die Kirche ernst nehmen. Bei den heutigen Partizipationsmöglichkeiten könnten Meinungen, Wünsche und Interessen der jüngeren Generationen viel stärker eingebunden werden.
Politik müsste nicht Generationengerechtigkeit, sondern Generationenzusammenhalt in den Mittelpunkt stellen. Wenn wir die jetzt kommenden Generationen wieder mit A, B und C bezeichnen, kann das auch bedeuten, dass dies die Zukunftsgenerationen in Europa sind, auf die vier Generationen gemeinsam ihre Politik ausrichten.
Die Familie der mehreren Generationen ist die Antwort auf Gräben zwischen Generationen, die auch in sich schnell verändernden Zeiten nicht sein müssten. Gesamtgesellschaftlich braucht es gerade jetzt eine zivilgesellschaftliche Kultur des Miteinanders und nicht des Gegeneinanders, damit sich Fronten nicht verhärten, sondern wir uns auf die wesentlichen Dinge der Zukunft konzentrieren können: Eine Zukunft der Chancengerechtigkeit in einem Europa der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts.
Jetzt die „Tagespost“ abonnieren und nichts mehr verpassen.










