Schon 1957 wusste Ludwig Erhard: „Es gibt in unserem Volk noch zu viele Menschen (…) denen der Gedanke des Sparens in Aktien und Wertpapieren heute noch fremd ist, ja, vielleicht sogar als anrüchig gilt.“ Seine Idee, diese Mentalität durch „Volksaktien“ zu verändern, wie etwa durch die Teilprivatisierung von VW, fruchtete aber nur bedingt und fand im Börsengang der Telekom in den 1990er-Jahren ihren negativen Höhepunkt. Hier wurde einer ganzen Generation mit vollmundigen Versprechen von sicherem Wachstum und übergenerationaler Sicherheit im Sinne einer vererbbaren Zusatzrente die sogenannte T-Aktie monetär-heilsbringend verkauft. Fast zwei Millionen Privatpersonen investierten und strichen im Zuge der geplatzten Dotcom-Blase Anfang der 2000er-Jahre dramatische Verluste ein.
Anrüchiger Aktienhandel
Diese Erfahrungen, in Kombination mit großen Hürden, die aus Bankangestellten bestanden, die als Gatekeeper agierten und zum Teil hohe Bearbeitungsgebühren kassierten, sowie der aufwendigen Einrichtung eines Depots, ketteten eine ganze Generation mental an schwache Sparbücher, schlechte Bausparverträge und die Überzeugung, dass Aktien etwas für Experten oder unvernünftige Draufgänger seien.
„Die Katholische Soziallehre kann
den Deutschen helfen, ihr Trauma zu bewältigen“
Die heutige Welt ist eine andere, und Katholiken sollten die Zeichen der Zeit erkennen. Wer seine Bibel gelesen hat, weiß, dass derjenige, der aus Angst seine Talente lediglich vergräbt und ungenutzt lässt, nicht tugendhaft handelt (Mt 25, 14–30). In Zeiten von wachsenden Energiepreisen, hoher Inflation und ungebrochen hoher Steuerlast ist es geboten, eine sozialethische Haltung zu entwickeln, die auch Aktienanlagen positiv im Sinne des Gemeinwohls bewertet. Die Gatekeeper sind nicht verschwunden, aber irrelevant geworden. Jeder kann mit seinem Smartphone eine Broker-App herunterladen, einfach sein Depot erstellen und in wenigen Minuten anfangen zu handeln. Im Internet findet man gut verständliche Erklärvideos, und börsengehandelte Indexfonds (ETFs) bilden zum Teil weit über 1. 000 Aktien ab und machen so ein kontinuierliches Sparen an der Börse bei breiter Risikostreuung möglich.
Die Katholische Soziallehre kann den Deutschen helfen, ihr Trauma zu bewältigen, und über die Betonung der persönlichen Verantwortung dazu beitragen, eine positive Haltung zum Aktienmarkt zu gewinnen. Davon profitieren ganz besonders Menschen aus sozial schwachen Schichten, denn gerade hier gibt es häufig nur geringe Mittel, die zurückgelegt werden können, sodass eine Optimierung der eigenen Ressourcen besonders wichtig ist. Wer früh selbst mit Kleinstbeträgen breit anlegt, kann eigenverantwortlich zum Beispiel seinen Lebensabend würdig gestalten. Gerade hier braucht es eine Finanzbildung, die unter christlichen Vorzeichen ermutigend für eine autonome monetäre Verantwortung wirbt – ganz im Sinne des Aufrufs Jesu: „Fürchtet euch nicht!“ (Mt 28 ,10).
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