Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung „Die soziale Revolution des Poverello“

Friedensstifter und früher Ökologe

Warum der heilige Franz von Assisi nach 800 Jahren eine Inspiration für die Zukunft ist – Teil 10.
„Die soziale Revolution des Poverello“, Teil 10
Foto: Imago/Aphonua | Franziskus und Bruder Wolf: Das Denkmal bei Gubbio erinnert an die wunderbare Zähmung der Bestie.

Klimawandel und digitale Revolution durch die Künstliche Intelligenz, globale Konflikte und soziale Spaltungen: Die moderne Welt sucht verzweifelt nach Orientierung. Die Antwort auf die Frage, warum die Faszination für Franziskus von Assisi heute – achthundert Jahre nach seinem Tode – weiterhin ungebrochen lebendig ist, liegt in der Besonderheit dieses Mannes, der zugleich Mensch, Bruder und Heiliger war und der eine radikale, doppelte Treue vorlebte: die Treue zur Botschaft Jesu und die bedingungslose Treue zum Menschen. Er fasziniert bis heute, weil er die Armen verteidigte, sich um die Schöpfung sorgte und Frieden stiftete.

Lesen Sie auch:

Die franziskanische Logik der Freiheit ist untrennbar mit der Geschwisterlichkeit verknüpft. Wo die moderne Gesellschaft wegschaut, suchte Franziskus die Umarmung. Der berühmte Kuss des Aussätzigen war kein bloßes Almosen, sondern ein Akt der Inklusion, der den anderen auf Augenhöhe willkommen hieß. Ebenso verhält es sich mit dem Wolf von Gubbio: Diese Bestie, die die Stadt terrorisierte, wurde von Franziskus nicht mit Gewalt bekämpft, sondern als „Bruder Wolf“ angesprochen, gezähmt und durch einen Friedenspakt in die Gemeinschaft integriert. Die Legende steht symbolisch für Vergebung und die Überwindung von Ausgrenzung.

Frieden zwischen Religionen bringt Frieden zwischen Völkern

Seine Haltung der radikalen Offenheit führte Franziskus im Sommer 1219 mitten in die Wirren des Fünften Kreuzzuges. Sein Zusammentreffen in Damiette mit dem Sultan von Ägypten, Malik al-Kamil, wurde zum Modell des interreligiösen Dialogs: Für Franz von Assisi war der Frieden zwischen den Religionen das entscheidende Instrument, um den Frieden zwischen Völkern und Nationen zu sichern. Er war damit ein Vorläufer von Hans Küng und dessen Projekt Weltethos, der genau in diesem interreligiösen Dialog und im Frieden zwischen den Religionen den Schlüssel für den Weltfrieden sah.

In einer kriegerischen Zeit waren Franziskus und seine treueste Gefährtin Klara von Assisi, die Gründerin des Klarissen-Ordens, Vorbilder für Demut und Frieden. Ihre radikale evangelische Lebensform wirkte hinein in die Städte und steckte unzählige Laien an. Franziskanische Frauen wie Rosa von Viterbo, Margareta von Cortona und Angela von Foligno wurden zu einflussreichen Ratgeberinnen, Lehrerinnen des Glaubens und charismatischen Anführerinnen, die den gesellschaftlichen Wandel ihrer Zeit aktiv mitgestalteten.

Ein Leben ohne Anspruch auf Herrschaft

Als Schutzpatron der Ökologie besang Franziskus im „Sonnengesang“ die Erde als „unsere Schwester, Mutter Erde“. Dies war keine Absage an den Fortschritt und auch kein Plädoyer für ein vortechnologisches Leben. Franziskus verteufelte weder die Wissenschaft noch die Technik – er forderte jedoch einen Umgang mit der Natur, der ganz frei von Gewalt sein sollte.

Die Wahl des franziskanischen Lebens in Armut und Minderbrüderlichkeit bedeutete ein Leben ohne den Anspruch auf Herrschaft. Diese Wahl verwies vielmehr auf die Idee, dass die Realität und das gesamte Sein ein zu hütendes Geschenk seien, was eine Haltung der Unentgeltlichkeit und der Dankbarkeit impliziere.

Bei Franz von Assisi stehen statt des individualistischen Ichs die Gemeinschaft und das „Wir“ im Mittelpunkt – eine kosmische Geschwisterlichkeit, verstanden als bedingungslose Öffnung gegenüber dem anderen, seien es Mitmenschen, unterschiedliche Sichtweisen, Kulturen, Sprachen oder Religionen. Eng damit verbunden ist die franziskanische perfecta laetitia („vollkommene Freude“):

Sie entspringt genau diesem Übergang von einer besitzorientierten, durch Logik dominierten Lebensweise zu einer hingebenden Lebensweise, die darin besteht, Leiden, Ungerechtigkeit und Zurückweisung mit Geduld und ohne Bitterkeit zu ertragen, um die Liebe Christi zu teilen.

Verantwortung und Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer

Diese Lebensweise findet ihr theologisches Fundament in der Gewissheit, dass der Mensch von Gott gewollt ist und ihm ein reiner Akt der Liebe vorausgeht. Franziskus verstand, dass wir alle Bewohner derselben Erde sind und Teil einer einzigen menschlichen Familie. In Zeiten von KI und digitalen Prozessen erinnert uns der franziskanische Geist daran, dass die Realität ein Raum ist, der bewohnt und nicht beherrscht werden soll.

Er ist ein Aufruf zu persönlicher Freiheit und Verantwortung: Nicht alles, was technisch machbar ist, diene dem Wohl des Ganzen. Der Primat gehöre dem verantwortungsvollen Willen und der Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer, den Menschen und allen anderen Geschöpfen.

Als Sohn des reichen Tuchhändlers Pietro di Bernardone vollzog Franziskus in seinem Leben einen radikalen Bruch. Er zeigte der Welt die Armut des Reichtums und den Reichtum der Armut. Sein Verzicht auf Geld war keine Dämonisierung des Handels, sondern eine Kritik an der zerstörerischen, ausgrenzenden Dynamik der Akkumulation.

Heilsökonomie und  „Heil der Wirtschaft“ gehören zusammen

Aus diesem Impuls heraus und dem Beispiel ihres Ordensgründers folgend veränderten die Franziskaner im Mittelalter die europäische Wirtschaftskonzeption grundlegend. Mit der Gründung der Monti di Pietà – den ersten Leihhäusern gegen Wucher – eröffneten sie den ärmeren Schichten den Zugang zu fairen Krediten. Der Markt wurde so zu einem sozialen Ort des Gemeinwohls umgedeutet. Die Franziskaner demonstrierten, dass die theologische Heilsökonomie untrennbar mit dem „Heil der Wirtschaft“ verbunden ist.

800 Jahre nach seinem Tod erteilt uns der Poverello immer noch eine wichtige Lehre: Eine Ethik ohne Wirtschaft ist leer, aber eine Wirtschaft ohne Ethik ist blind. Der utilitaristischen Vernunft wird damit eine Vision gegenübergestellt, die von kreativer Freiheit und von der Verantwortung für die Schöpfung und die Mitmenschen geleitet wird. Solidarität wird zur täglichen Praxis, und Fraternität bedeutet, dass die Hilfe für den Nächsten kein herablassender Akt der Nächstenliebe ist, sondern die konkrete Unterstützung eines Mitglieds der eigenen Familie.

Grundlagen einer Wirtschaftsethik

Gerade in unserer heutigen Ära der Globalisierung, in der Regierungen und internationale Institutionen kaum noch die Macht haben, Unternehmenspraktiken, die nicht nachhaltig sind, effizient zu beschränken und zu sanktionieren, rückt das persönliche Ethos des Einzelnen in den Fokus. Gesetze reichen nicht aus; es braucht Werte. Auch hier setzt die franziskanische Wirtschaftsethik an, indem sie moralische und soziale Ressourcen mobilisiert, die über rein ökonomische Kennzahlen hinausgehen. Sie fordert eine Humanisierung der Wirtschaft und eine Kultur des Vertrauens und der Gegenseitigkeit.

Die radikale franziskanische Revolution besteht darin, dass die Armut als eine echte Lebensform betrachtet wird: als bewusster Verzicht darauf, das Recht als Machtinstrument zu missbrauchen, um Dominanz oder Gewalt über die Dinge auszuüben. Stattdessen soll ein achtsamer, geschwisterlicher Umgang mit der gesamten Schöpfung, zu der auch die wirtschaftlichen Prozesse gehören, praktiziert werden. Auf diese Weise kann das Fundament für eine solidarische Wirtschaft entstehen mit einem Wohlstand, der konsequent auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist.

Diese Logik des Geschenks zieht sich, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten, durch das Lehramt der drei letzten Päpste. Benedikt XVI., Franziskus und Leo XIV. sind sich in der Kritik an einer rein instrumentellen Vernunft einig, die sich in Kalkulation und Effizienz erschöpft, ohne nach dem Sinn und dem „Warum“ zu fragen. Sie verteidigen alle drei die Würde des Menschen und den Markt, und sie kritisieren dessen Degeneration. Sie fordern unisono, den Markt wieder in den Dienst der Menschenwürde und der Politik für das Gemeinwohl zu stellen.

Verbal abrüsten und  menschlich bleiben

Wenn Franz von Assisi den Menschen begegnete, rief er ihnen zu: „Der Herr gebe dir Frieden!“ Dieser Gruß war kein Lippenbekenntnis, sondern ein radikaler Mentalitätswandel. Wahrer Friede verlangt, dass man innerlich abrüstet. Es reicht nicht, oberflächlich Frieden zu fordern, während man im Herzen eine kriegerische Logik der Gewalt und des Dominierens bewahrt. Der franziskanische Friede impliziert den Primat des Anderen gegenüber dem „Ich“ sowie eine scharfe Kritik an der Logik der Macht und der Selbstdurchsetzung.

Genau hier knüpft Papst Leo XIV. an. In seinem Brief an die Familie der Franziskaner zur Feier des 800. Todesjahres des Heiligen im vergangenen Januar betonte er, dass Friede alle Beziehungen betreffe, die zu Gott, zu den Mitmenschen und zur Schöpfung. Im gleichen Sinne betonte der Papst auch in seiner Abschlussansprache zum außerordentlichen Konsistorium am 27. Juni 2026: „Der Krieg ist nicht nur ein Konflikt zwischen Staaten. Er entsteht viel früher, aus einer Kultur der Macht, die unser Denken durchzieht, wie wir Beziehungen leben, Macht ausüben, die Wirtschaft, die Technologie und sogar die Religion nutzen“.

Es braucht eine Anthropologie der Hingabe

Die Bedeutung des Franz von Assisi liegt heutzutage vor allem darin, dass er an die existenzielle Bedeutung von Beziehungen und Verbundenheit erinnert. Mehr denn je braucht die Menschheit Zeugen und Propheten wie den heiligen Franziskus, die Werte wie Gastfreundschaft, Vergebung, die Sorge um die Armen und Ausgegrenzten sowie den Geist der Geschwisterlichkeit verkörpern.

Als Antwort auf die Gleichgültigkeit und den egoistischen Individualismus unserer Zeit setzen sie sich für die Abrüstung der Worte, die Notwendigkeit gesunder Institutionen und die Sorge um die transzendente Dimension des Menschen ein. Als Mittel gegen die Ich-Bezogenheit braucht die Welt eine kulturelle und spirituelle Revolution im Geiste des heiligen Franziskus.

In einer sich wandelnden Welt reichen keine Appelle, sondern es besteht eine fortwährende Pflicht, menschlich zu bleiben. Das gilt für Institutionen wie auch für jeden Einzelnen. Die menschliche Spezies ist verwundbar; dennoch muss sie den Übergang von einer Anthropologie der Beherrschung zu einer Anthropologie der Hingabe vollbringen, um Technik und Wirtschaft konsequent in den Dienst des Planeten, der Menschen und des Friedens stellen zu können.


Der Autor ist Privatdozent an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.
Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung-  Spenden

Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.

Themen & Autoren
Giuseppe Franco Evangelische Kirche Franz von Assisi Hans Küng Jesus Christus Leo XIV. Päpste Schwestern

Weitere Artikel

Faire Kredite als Integrationshilfe: Wie die franziskanische Wirtschaftsethik öffentliche Leihhäuser und Armutsgeist vereinbart – Teil 4.
16.08.2026, 11 Uhr
Giuseppe Franco
Geschwister weinen zusammen und halten zusammen. Diese brüderliche Nächstenliebe schenkte uns Jesus durch die Hingabe seines Lebens. Auf seinen Pfaden sollen wir ihm folgen.
12.11.2025, 14 Uhr
Leo XIV.

Kirche

Leo XIV. ruft in Lourdes eindringlich zur Umkehr auf. Und verteidigt die Stimme der Kirche im öffentlichen Diskurs des laizistischen Frankreichs.
27.09.2026, 13 Uhr
Regina Einig
Die Kirche in Frankreich erlebt einen Taufboom. Eine synodale Versammlung fragt nach den Gründen. Doch jetzt kommt erst mal der Papst und wird begeistert empfangen.
25.09.2026, 05 Uhr
Guido Horst
Bruder Augustin fährt mit jungen Menschen nach Paris, zum Papst. Mit der „Tagespost“ spricht er über Neutaufen, die marianische Dimension der Papstreise, Berufung und Robert Schuman.
25.09.2026, 08 Uhr
Elisabeth Hüffer