Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Inseln des Glaubens

Heilige Showtime

Von April bis Oktober werden auf Malta und der Nebeninsel Gozo rauschende Kirchenfeste gefeiert. Die tagelangen „Festas“ verbinden Glauben und weltliche Freuden.
Feuerwerk über der Marienkirche von Naxxar
Foto: Andreas Drouve

Das nennt sich gelebtes Kulturerbe! Wenn zwischen April und Oktober die Festas steigen, die tagelangen Kirchenfeste, gibt es auf Malta und der Nachbarinsel Gozo kein Halten mehr. Dann legen Städte und Dörfer in fast disneyländischem Anstrich farbenprächtige Festkleider an. Dann explodieren Freude und Dezibel, vereinen sich Heiliges und Profanes. Dann erbebt der Boden unter den donnernden Klängen von Kapellen und dem Abschuss von Feuerwerk. Bei Prozessionen regnet es manchmal Papierschnitzel.

Zunächst ein paar Zahlen. Über Malta und Gozo, gerne als „Inseln des Glaubens“ tituliert, verteilen sich 365 Kirchen – für jeden Tag des Jahres eine. Umgerechnet auf die Landesfläche von 316 km² bedeutet das: Auf einen Quadratkilometer entfallen im Schnitt 1,15 Kirchen, was nicht zuletzt der hohen Bevölkerungsdichte geschuldet ist. Mit diesem Konzentrat an Gotteshäusern dürfte es weltweit kaum ein anderes Land aufnehmen können. Zur genauen Anzahl der Feste finden sich schwankende Angaben, doch feststeht: Auch sie liegen im dreistelligen Bereich. Der Beginn ist der April und der Höhepunkt der Sommer; laut dem Malta-Reisebuchautor Hans E. Latzke sind allein im August 36 Festas terminiert. Damit erweisen die Bewohner seit alter Zeit vor allem dem jeweiligen Schutzpatron oder der Schutzpatronin die Ehre; an erster Stelle steht Maria. Die stille Andacht, wie man sie während des übrigen Jahres praktiziert, weicht einem ohrenbetäubenden Spektakel. Die Verehrung gerät zur Showtime. Orte verwandeln sich in Bühnen, Gassen in verschwenderisch geschmückte Prachtboulevards.

Lesen Sie auch:

Folgt man der Überlieferung, reicht auf Malta die tiefe Verbundenheit mit dem Christenglauben ins Jahr 60 zurück. Nach seinem Schiffbruch und einer dramatischen Rettungsaktion vor der Küste soll der Apostel Paulus drei Monate auf der Insel verbracht und das Christentum verbreitet haben; insofern zählen die Malteser zu den ältesten Christen der Welt. Später schrieben die Johanniterritter wichtige Kapitel der (Glaubens-) Geschichte. Um 1530 kam der Orden nach Malta, nachdem er von den Türken aus Rhodos vertrieben worden war; die Herrschaft der Johanniter dauerte über ein Vierteljahrtausend.

Zurück ins Getümmel der Festas. Wer sich bei einem Kirchenfest wie im Städtchen Naxxar durch die City treiben lässt, wird vom Strom der Feierfreudigen, der ausgelassenen Stimmung und den bunten Bildern mitgerissen. Blickbegleiter in den Straßen sind Girlanden, Flaggen und Skulpturen-Ensembles aus bemaltem Gips. Bei den Dekorationen und der Ausgestaltung der Festprogramme fallen den Vereinigungen der sogenannten „Band Clubs“ Schlüsselrollen zu. Hier in Naxxar pflegen zwei „Band Clubs“ eine gesunde Rivalität. Sie sind so etwas wie der Kitt, der die Gesellschaft das ganze Jahr über zusammenhält. Dazu muss man nicht aktiv gläubig sein, indem man allsonntäglich in die Kirche geht, versichert Regionalführerin Francesca Vincenti. Die Gewohnheiten bröckeln, auch wenn sich offiziell über 80 Prozent der Bevölkerung zum katholischen Glauben bekennen. Im Vordergrund des Brauchtums bei den Festas stehen traditionelle Spiritualität und lokale Identitätspflege. Ein Kirchenfest als Aushängeschild einer stolzen Gemeinschaft.

Engel und Geschichtssplitter

Die Grenzen zwischen Besinnlichkeit, Heiterkeit und Jahrmarkt-Atmosphäre verlaufen bei den Kirchenfesten fließend. Unter den Klängen von Blasmusik zieht bei Dunkelheit in Naxxar plötzlich eine kleine Prozession an Essensbuden und Festfreudigen vorbei: Männer in weißen Hemden und roten Krawatten, auf ihren Schultern der Aufbau mit dem Bildnis einer goldglänzenden Marienskulptur. Der synchrone Wiegeschritt ist einstudiert. Die Mienen sind ernst. Die Lautstärke geht durch Mark und Bein – doch es geht noch lauter. Da Malteser ein Faible für Feuerwerke pflegen und Gedanken an Feinstaub fremd sind, wird im Hintergrund gerade das nächste gezündet. Löst man sich von der Prozession und geht auf die Marienkirche zu, ertönt davor ein Platzkonzert. Über die Fassade des Gotteshauses zieht sich bis zu den obersten Turmspitzen ein bunter Mantel aus Glühbirnen. Im Innern herrscht selbst am späten Abend ein Kommen und Gehen. Die Smartphones stehen in Dauerbereitschaft. Ständig posieren Leute für ein Foto vor der wichtigsten Marienskulptur. Eigens aufgehängte Verkleidungen und Vorhänge bestehen aus wertvollem Damast, das Licht der Kristallleuchter sorgt für Tageshelle. Um Mitternacht lässt man es in Naxxar über der beleuchteten Kirche so richtig krachen. Glockengeläut vermischt sich mit abermaligem Feuerwerksdonner. Eine aufwendige pyrotechnische Inszenierung begeistert die Besucher.
Überall bieten sich während der Festas auf Malta und Gozo ähnliche Bilder und Schauplätze. Gäste von auswärts sind willkommen, aber die Einheimischen bleiben mehrheitlich unter sich. Sie putzen sich fein heraus, fiebern ihrem Event des Jahres entgegen und sparen an nichts, wenn es an Investitionen ins leibliche Wohl geht. Klassiker beim Streetfood sind „Pastizzi“, ein knuspriges Blätterteiggebäck mit diversen Füllungen, ob Erbsenpüree oder Ricotta-Frischkäse.

Lesen Sie auch:

Beim Schwenk von der Gastronomie zur Kunst zeigt sich, dass die Motive der bemalten Gipsskulpturen in den Straßen ganz unterschiedlich ausfallen. Mal sind es gelockte Engel mit Musikinstrumenten und fröhlichen Blicken, wie sie sich auf Gozo im September auf dem Platz vor der Basilika der Geburt Mariens in Xaghra vor dem Blau des Himmels abheben. Mal geht es bei szenischen Geschichtssplittern drastischer zu, wie zum Beispiel wenn, wie ebenfalls im September in Naxxar, Jean de la Valette (1494–1568), der Begründer und Namensgeber der maltesischen Hauptstadt Valletta und Großmeister des Johanniterordens, ein massiges Schwert in seiner Rechten hält und den linken Fuß triumphierend in Siegerpose auf den leblosen Körper eines Türken stützt. Historischer Hintergrund war die von Valette befehligte Abwehr der Großen Belagerung der Osmanen im Jahr 1565. Seinerzeit behielten 700 Ritter und 8 .000 Einheimische gegen eine Elitetruppe aus 40. 000 Streitern die Oberhand.

Tipps für ruhigere Zeiten

Wem der Trubel bei den Kirchenfesten zu groß ist, wählt ruhigere Zeiten, um Maltas reiches Kulturerbe zu erkunden. Höhepunkte sind der Großmeisterpalast der Johanniter in Valletta, die St. Paulus-Kathedrale in Mdina und das zugehörige Dommuseum, wo ein prächtiges Paulus-Retabel an den Apostel erinnert. Nicht zu vergessen die Basilika von Ta’ Pinu auf Gozo. Und im Inquisitionspalast in Birgu erfährt man, dass aus der Reihe der Inquisitoren zwei Päpste hervorgingen, nämlich Alexander VII. (Amtszeit 1655–1667) und Innozenz XII. (1691–1700). Zudem hat auch Malta einen offiziellen Abschnitt des Jakobswegs: 37 Kilometer von der Paulusgrotte in Rabat durchs Inland bis zum Hafen in Birgu, wo sich die Pilger einst nach Sizilien einschifften. Die besten Wanderzeiten dafür sind Frühjahr und Herbst – fernab von der Ausgelassenheit und dem Lärm der Festas.


Der Verfasser ist freier Autor und Journalist, der auf die Themen Reise, Religionen & Kulturen spezialisiert ist.

Jetzt die „Tagespost“ abonnieren und nichts mehr verpassen.

Themen & Autoren
Andreas Drouve Alexander VII. Apostel Christen Innozenz XII. Marienkirchen Osmanen Paulus von Tarsus Päpste

Weitere Artikel

Wie kann die Kirche ohne Spaltungen leben? Schon Paulus stand vor diesem Problem. Seine Antwort dazu lautet: Es gibt nur einen Christus, der für uns am Kreuz gestorben ist.
24.01.2026, 21 Uhr
Manfred Hauke
Er wurde in der Kirche erschossen: Der Priester Dario Acosta Zurita war mit nur 22 Jahren einer der jüngsten Märtyrer des mexikanischen Bürgerkrieges.
25.07.2026, 05 Uhr
Claudia Kock
Nicht nach dem Guten zu handeln, spielt dem Bösen in die Hand. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn steht der ältere Sohn symbolisch für diese Haltung.
26.09.2026, 21 Uhr
Justina Metzdorf

Kirche

Erntedank: Warum wir nicht nur einmal im Jahr für volle Erntekörbe danken sollten, sondern täglich auch für das, was anders kommt als geplant.
04.10.2026, 08 Uhr
Dorothea Schmidt
Der Vatikan hat den vierjährigen Reflexionsprozess der „Servi Jesu et Mariae“ abgeschlossen. Der Generalobere der Gemeinschaft, Pater Markus Christoph, zieht Bilanz.
03.10.2026, 14 Uhr
Regina Einig
Sie besucht einen Monat lang die Bistümer Augsburg, Freiburg und Limburg: Die Reliquienreise der heiligen Bernadette steht fest. Auf der Liste stehen 18 Klöster und Kirchen.
01.10.2026, 18 Uhr
Meldung
Gott wandelt Schlechtes zum Guten: Das ungehorsame Volk Israel vertreibt er aus dem Weinberg, um ihn seiner Kirche zu geben. Ähnlich greift er noch heute in der Welt ein.
03.10.2026, 21 Uhr
Martin Grichting
Zu Fuß von Köln zur Trösterin der Betrübten nach Kevelaer: Warum diese Pilgerfahrt junge Menschen anzieht.
02.10.2026, 13 Uhr
Isabel Wodatschek