Nach dem entspannten Sommer mit viel Familienzeit dreht sich ab September wieder das Karussell mit Schule und Freizeitaktivitäten der Kinder. Ich gehöre nicht zu den Eltern, die auf den Schulanfang warten, damit sie ihre Kinder in die Fremdbetreuung abgeben können. Im Gegenteil: Ich leide mit ihnen und zähle die Tage bis zu den nächsten Ferien. Die Sommerferien waren noch nicht vorbei, als uns die ersten E-Mails der Schule erreichten. Darunter ein Hinweis der Schulleitung, dass künftig alle Kinder schon um 7.45 Uhr in der Schule sein müssen. Die neue Hausordnung sehe vor, dass die Zeit bis zum Unterrichtsbeginn um 8 Uhr zum Lesen bestimmt sei, die Rede ist von einem „Leseband“. Dass die Kinder stattdessen in der „Teamzeit“ lesen könnten, die täglich als Unterrichtsstunde im Stundenplan steht und in der angeblich „soziale Kompetenzen vertieft werden“, fällt niemandem ein. Ob es vielleicht daran liegt, dass in dieser Stunde unter anderem aus Regenbogen-Literatur vorgelesen wird?
Mit dem Schulstart fangen wieder auch die Elternabende an. Bei uns sind das zwei Termine in der Schule und einer im Kindergarten. Ich bin jedes Mal versucht, mit meinem Mann „Stein-Papier-Schere“ zu spielen, um auszuknobeln, wer an den Terminen teilnehmen muss. Besprochen werden die Schließtage vom Hort in den Ferien oder die Anmeldung zum Weihnachtsbasteln, dann kommt der Hinweis, dass sich die Kinder und Eltern nach dem Abholen auf dem Schulhof nicht unterhalten und aufhalten sollen oder wie fast jedes Mal die wichtige Information, was alles in die Brotdose eingepackt werden darf und was nicht. Nicht zu vergessen ist der Hinweis, dass bei Veranstaltungen mit gemeinsamem Essen keine Produkte mit Gelatine zugelassen sind, da sie ja vom Schwein stammen. Lernanforderungen und Unterrichtsinhalte werden zu einer Nebensache, sofern sie überhaupt eine Rolle spielen. Meinem Mann ist einer der ersten Elternabende im Gedächtnis geblieben, als er sich danach erkundigte, ob es denn einen Grundwortschatz gebe, den die Kinder erlernen und beherrschen sollten. Der Lehrer war überrascht von seiner Aussage, dass es so etwas in manchen Bundesländern geben sollte.
Umerziehung statt Grundwortschatz
Kürzlich ist mir ein Buch von Christina Buchner unter dem Titel „Schulerfolg ist machbar“ in die Hände geraten. Geschrieben vor fast 25 Jahren, betont die Autorin im Buch immer wieder, wie wichtig das Vertrauen der Eltern in die Kompetenz der Lehrer sei und dass die Eltern zusammen mit den Lehrkräften an einem Strang ziehen müssten. Die Autorität der Schule und des Lehrers dürfe nicht infrage gestellt werden. Bei der Lektüre stellte ich mir immer wieder die Frage, ob die Autorin ihre Thesen auch noch heute verteidigen würde. Im Vordergrund steht nämlich nicht die Unterrichtung der Kinder, sondern ihre Umerziehung. Selbst da, wo es noch um schulische Inhalte geht, wird politisch korrekte Ideologie vermittelt: Beispielsweise, wenn im Deutschunterricht über die vermeintlichen Vorteile von Windrädern aufgeklärt wird oder wenn vor den Bundestagswahlen im Sachunterricht als „Kanzlerkandidaten“ ausschließlich Scholz und Habeck vorgestellt werden. Demnächst gibt es in unserer Grundschule „Wahlen für Kinder“: Die Kinder sollen über Kandidaten für die Landtags- und Kommunalwahlen in Berlin informiert werden und dann selbst abstimmen.
Ich gebe zu: Das deutsche Schulsystem frustriert mich ziemlich. Doch wegen der rigorosen Schulpflicht sehe ich keinen legalen Ausweg aus einer Situation, die meine Erziehungsfreiheit beschneidet. Dass die Schule meine Kinder von „woker“ Ideologie überzeugen möchte, macht mir da noch die wenigsten Sorgen. Ich weiß, dass ich bessere Argumente habe und hoffe, dass sich meine zusätzliche Mühe lohnen wird. Vielleicht werden wir uns an die Schulgeschichten in 20 Jahren wie an skurrile Episoden erinnern. Was bleibt, ist die Zuversicht, dass unsere Kinder dem Schulsystem nicht allein überlassen sind – auch wenn ihre Eltern dafür so manche Zumutung mit überstehen müssen.
Die Autorin hat Politikwissenschaften studiert, ist Mutter von drei kleinen Söhnen und lebt mit ihrer Familie in Berlin.
Jetzt die „Tagespost“ abonnieren und nichts mehr verpassen.









