Ein Papst muss keine Wahlen gewinnen. Er braucht nicht darauf zu achten, ob ihn eine unbequeme Wahrheit Stimmen kosten könnte oder nicht. Im Idealfall ist er ein betender Mensch, der im Hinhören auf den Heiligen Geist die Kirche Christi leitet, ganz im Geiste der Worte des heiligen Paulus: „Verkünde das Wort, tritt auf, ob gelegen oder ungelegen, überführe, weise zurecht, ermahne, in aller Geduld und Belehrung! Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Begierden Lehrer sucht, um sich die Ohren zu kitzeln“ (2 Tim 4, 2–3).
Genau deshalb muss der Nachfolger Petri seine Stimme auch in der Gesellschaft erheben. Sein Blick umfasst einen längeren Zeithorizont als eine Wahlperiode von wenigen Jahren und richtet sich auf die gesamte Menschheit, nicht nur auf die Bevölkerung eines einzelnen Landes. Das hilft ihm, die „Zeichen der Zeit“ zu erkennen, auf das jeweils Dringliche hinzuweisen, ja wachzurütteln.
Das Ausmaß der stattfindenden kulturellen Veränderungen
So bewies Papst Leo XIV. ein feines Gespür für ein brandaktuelles Thema: die Künstliche Intelligenz mit ihren ethischen, sozialen und anthropologischen Herausforderungen. Nun aber lenkt er – wie schon so viele Päpste vor ihm – die Aufmerksamkeit auf eine der ältesten Institutionen überhaupt: die Familie. Zu Recht. Denn wie Gesellschaften und die Kirche mit Ehe und Familie umgehen, entscheidet mindestens ebenso über die Zukunft der Menschheit wie der technische Fortschritt.
Im Vorfeld des internationalen Treffens in Rom vom 7. bis 14. Oktober 2026 mit dem Titel „Zehn Jahre nach ‚Amoris laetitia‘: Das Evangelium heute gemeinsam mit den Familien verkünden“ verwies der Heilige Stuhl auf Herausforderungen, denen Familien in ihren Beziehungen und im Alltag gegenüberstehen, und auf Statistiken, die das Ausmaß der stattfindenden kulturellen Veränderungen verdeutlichen:
So sei in Polen die Zahl der kirchlichen Trauungen in den vergangenen fünf Jahren um 45 Prozent zurückgegangen, in Australien ihr Anteil zwischen 1970 und 2024 von 88 auf 16 Prozent. Dies seien Anzeichen, welche die dringende Notwendigkeit unterstrichen, die Entscheidung zur Eheschließung zu begleiten und die Weitergabe des Glaubens innerhalb der Familie entschlossener zu unterstützen.
Angst vor Familiengründung überwinden
Nicht nur innerkirchlich lenkt der Papst die Aufmerksamkeit auf die Familie, die Hauskirche, also den Ort, an dem Menschen aneinander reifen und einander auf dem Weg zur Heiligkeit begleiten dürfen. Seinem Auftrag gemäß legt er auch gegenüber Politik und Gesellschaft immer wieder die „Keimzelle der Gesellschaft“ ans Herz.
Bei einer Audienz für Mitglieder der Europäischen Volkspartei im April mahnte Leo beispielsweise: Eine christliche Perspektive in der Politik müsse den Menschen helfen, „die Angst vor der Familiengründung und vor dem Kinderkriegen zu überwinden“ – eine Angst, die in Europa besonders verbreitet scheine.
Die 2026 veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamtes verleihen seiner Mahnung Gewicht. Sie zeigen zugleich, dass Deutschland – wo 2025 so wenige Kinder geboren wurden wie seit 1946 nicht mehr und die Zahl der Geburten bereits das vierte Jahr in Folge zurückging – kein Sonderfall ist: 2024 sank die Geburtenziffer gegenüber dem Vorjahr in allen 27 EU-Mitgliedstaaten.
Viele Politiker scheinen die Dringlichkeit der Unterstützung der Familie immer noch nicht erkannt zu haben. Sie täten gut daran, regelmäßig ihren Blick nach Rom zu wenden und zu fragen, welche Konsequenzen sich aus den dort gesetzten Themen für das eigene politische Handeln ergeben. Familien sind kein Klotz am Bein. Sie sind die Zukunft.
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