Nicht jeder Mensch wird mit zunehmendem Alter unausweichlich reifer. Während die einen in ihrer Entwicklung steckenbleiben und selbst als Erwachsene noch ein adoleszentes Verhalten an den Tag legen, bestechen andere bereits im Jugendalter durch ihre innere Festigkeit, ihre Ausgeglichenheit und eine altersgemäße Urteilskraft. Was haben sie den Unreifen voraus? Das Potenzial dazu ist in jedem Menschen grundgelegt, doch seine Entfaltung ist Frucht des Entwicklungsprozesses, der nur innerhalb eines sicheren, geborgenen Bindungskontextes zu einer erwachsenen, fürsorglichen und verantwortlichen Bezugsperson – meist der Eltern – angeregt wird. Fehlt dieser Kontext, stockt der Prozess oder er steht völlig still. Wie kann diese Entwicklung also wirksam gefördert werden?
Professor Gordon Neufeld (Vancouver, B.C.) ist Bindungsforscher, Entwicklungspsychologe und Bestsellerautor. Auf der „International Conference on Attachment“ an der Frankfurter Goethe-Universität stellte er bereits 2007 sein bindungsbasiertes Entwicklungsmodell der internationalen Öffentlichkeit vor – in Anwesenheit von Sir Richard Bowlby, dem Sohn des britischen Bindungsforschers John Bowlby. Inspiriert von dessen Bindungstheorie sowie von den renommierten Verhaltens- und Entwicklungsforschern Konrad Lorenz und Harry Harlow, geht Neufelds Modell jedoch weit über die klassische Bindungstheorie hinaus. Auch belegt es den direkten Zusammenhang von Bindung und Reife – und zeigt, wie Reifeentwicklung gezielt unterstützt werden kann.
Bindung dient weitaus mehr als der Sicherung des Überlebens
Beziehung ist der entscheidende Faktor für Erziehung, Bildung und eine funktionierende Gesellschaft. Fehlt die richtige, geborgene Bindung des Kindes an seine Eltern, können sie ihre Erziehungsaufgabe nicht erfüllen, denn unreife Menschen folgen nur denen, an die sie gebunden sind, sie hören nur auf sie, und sie können auch nur von ihnen lernen. Das wusste schon Sokrates: Als Eltern sich einmal bei ihm beschwerten, weil ihr Sohn bei ihm nichts gelernt hatte, soll er gesagt haben: „Ich konnte ihm nichts beibringen, denn er liebte mich nicht.“ Bindung dient weitaus mehr als der Sicherung des Überlebens: Dort, wo genügend Bindungssicherheit erlebt wird, gelingt die Weitergabe der Werte und der Kultur zwischen den Generationen. Auch kommt innerhalb dieses Bindungskontextes der Prozess in Gang, welcher Reife – und damit Eigenständigkeit sowie all die Attribute eines starken Charakters – hervorbringt.
Wissenschaftlich betrachtet handelt es sich um drei miteinander verwobene und sich gegenseitig bedingende Wachstumsprozesse, ähnlich wie bei einem Mobile: den Emergenzprozess (auch Individuations- oder Differenzierungsprozess genannt), den Adaptions- und den Integrationsprozess. Durch den Emergenzprozess wird ein Kind immer mehr fähig, als eigenständiges Wesen zu leben. Das gilt auf allen Ebenen: alleine essen, sich anziehen, aber auch selber denken, seine eigenen Gedanken und Bindungen haben und selber am Lenkrad des Lebens sitzen. Er wird angestoßen, sobald sich ein Kind in tiefen, erfüllenden Bindungen sicher getragen fühlt. Sie bilden sozusagen den psychologischen Schoß der Reifeentwicklung. Sobald – bildlich gesprochen – der Bindungsmagen eines Kindes gestillt und sein Bedürfnis nach Nähe, Liebe und Zuneigung gesättigt ist, ist es frei, nach vorne zu gehen.
Der Emergenzprozess setzt eine Aufbruchsenergie frei, die wir in Ansätzen schon bei gut gebundenen Zweijährigen beobachten können. Da sie sich nicht um ihr Überleben kümmern müssen, steht ihnen alle Energie für die Entwicklung zur Verfügung. Ihre Neugier erwacht, und sie wollen die Welt entdecken. Sie haben einen sicheren Heimathafen – vor allem, wenn etwas schiefgelaufen ist –, wo sie wieder aufgerichtet werden. Neugier und Interesse sind Teil dieser Energie und Frucht erfüllter Bindung. In dem Maß, in dem sie vorhanden ist, schenkt ein Kind Dingen Aufmerksamkeit, die es noch nicht kennt, und entwickelt einen Sinn für die eigene Wirkmächtigkeit. Dann können wir das unreife Kind unterrichten, und es kann von uns lernen.
Vergeblichkeit muss gespürt werden
Der Adaptionsprozess ermöglicht uns, uns mit dem abzufinden, was wir nicht ändern können, und uns von Widrigkeiten, sogar von Trauma, zu erholen. Die Forschung fand heraus, dass dies ein sehr tiefer, emotionaler Prozess ist und dass man die Vergeblichkeit fühlen können muss – kognitive Einsicht allein reicht nicht. Die Amygdala, die Kommandozentrale des limbischen Systems, ist hierfür verantwortlich.
Erst wenn eine Vergeblichkeit auch emotional eingesunken ist, gibt es eine Reaktion, die das ganze Gehirn betrifft: Ein kleines benachbartes Organ sendet dann Signale zu den Tränendrüsen und die Augen werden feucht. Nicht zufällig sind Tränen seit jeher ein Symbol menschlicher Transformation und der Adaption, durch die wir mit dem Unabänderlichen versöhnt werden. Dazu braucht ein Kind die Erfahrung, innerhalb einer geborgenen Bindung im Kontext von Vergeblichkeit gehalten zu werden, in dem es betrauern kann, was nicht funktioniert und nicht funktionieren kann – wenn Mama „nein“ sagt oder eine Konsequenz zu tragen ist. Darum ist es so wichtig, Raum zu schaffen, in dem das Kind sich eingeladen fühlt, seine Gefühle auszudrücken, und ihm die Zeit zu geben, bis die Tränen kullern. Tränen der Traurigkeit sind Perlen der Reifeentwicklung. Ohne diese Erfahrung kann ein Kind nicht aus Fehlern oder Konsequenzen lernen.
Die Lerntheorie geht bis heute davon aus, dass Verhalten und Benehmen über Konsequenzen gesteuert werden können. Doch die Forschung zeigt: Das ist nur die halbe Wahrheit. Eine verhängte Konsequenz ist eine Konfrontation mit Vergeblichkeit, und nur das Kind, das die Enttäuschung darüber fühlen kann, lernt aus ihr. Immer mehr Kinder adaptieren sich nicht; ihnen fehlt ein sicherer Ort zum Weinen. Doch gerade in den ersten fünf Jahren müssen sie relativ häufig ihre Tränen finden über die vielen Vergeblichkeiten, damit sie adaptiv genug sind, um aus ihren Fehlern lernen zu können, wenn sie in die Schule kommen.
Der beste Tröster für unser Kind ist der Heimathafen, die Personen, an die es am tiefsten und geborgen gebunden ist. Bei Erwachsenen kann es der Ehepartner, der beste Freund, die beste Freundin sein. Früchte des Adaptionsprozesses sind Resilienz, Kreativität und die Fähigkeit, aus Scheitern, Fehlern und Konsequenzen zu lernen. Der Integrationsprozess, bei dem die Signale gemischt werden, wird von den Neurowissenschaften erforscht. Er läuft in jedem Bereich ab. Physiologisch etwa bei den Augen: Sobald sie ausreichend entwickelt sind, werden die Signale gemischt. Ab diesem Zeitpunkt gibt es Dissonanz und es entsteht Tiefenschärfe, weil das Kind jetzt mit beiden Augen gleichzeitig sehen kann. Der Philosoph und Pionier der Entwicklungspsychologie Jean Piaget studierte die kognitive Dissonanz: Erst wenn ein Kind innere Konflikte, miteinander konkurrierende Gedanken, Gefühle oder Ideen gleichzeitig haben kann, entsteht Perspektive.
Gemischte Gefühle simultan erleben
Die große Entdeckung des präfrontalen Cortex, dem Verbindungsstück zwischen den beiden Gehirnhälften, liegt darin, dass er uns ermöglicht, gemischte Gefühle simultan erleben zu können. Aktiviert wird er frühestens ab dem fünften Lebensjahr, da die biologische Hardware vorher noch nicht ausreichend ausgebildet ist. Bis dahin kann ein Kind das Konzept „Konsequenz“ nicht einmal denken. Da Emotionen der Motor der Reifwerdung sind, braucht ein Kind einen ungehinderten Zugang zu möglichst allen Gefühlen. Denn nur Gefühle, die gefühlt werden, können ihre Arbeit tun und uns zur Reife bewegen.
Urteilsvermögen, Selbstbeherrschung und soziale Integrität können sich nach und nach heranbilden, sobald widerstreitende Gefühle oder Gedanken gleichzeitig erlebt werden. Ist diese Fähigkeit einmal da, will sie trainiert werden wie ein Muskel, um sich ausbilden zu können. Das geschieht bei jedem inneren Konflikt, wenn widerstrebende Gefühle oder Gedanken gemischt und bewegt werden. Ein Beispiel: Erst wenn ein Kind, das wütend auf ein Geschwisterchen ist, zugleich seine Liebe zu ihm spürt, kann es weniger impulsiv reagieren – die Liebe wirkt dann als ausgleichendes Element, als zivilisierender Schmelztiegel.
Der Integrationsprozess macht den Menschen zudem ausgeglichen, fürsorglich und verantwortlich. So bildet er die Krönung der Reifeentwicklung, die ihn sozial und gesellschaftsfähig macht – fähig, Gemeinschaft zu leben, ohne seine Eigenständigkeit zu verlieren. „Richtige Beziehungen und weiche Herzen“ – so fasst Gordon Neufeld die erforderlichen Bedingungen für den Entwicklungsprozess knapp zusammen, der die menschliche Reife hervorbringt.
Nur im Kontext einer tragfähigen, erfüllten Bindung kann ein Kind jene menschliche Reife entwickeln, die es befähigt, unabhängig von dieser Bindung ein eigenständiges Leben zu führen. Pointiert könnte man es auch so ausdrücken: Die Erziehungsleistung der Eltern liegt am Ende darin, sich nach und nach überflüssig zu machen – nicht, weil die Bindung endet, sondern weil sie ihre Frucht getragen hat. Wer diesen Zusammenhang versteht, wird sein Kind nicht mehr gegen, sondern mit dem natürlichen Entwicklungsprozess erziehen.
Die Autorin ist zertifizierte Neufeld-Kursleiterin, Publizistin, Buchautorin und Gründerin der Initiative „Gipfel der Herzensbildung“.
Jetzt die „Tagespost“ abonnieren und nichts mehr verpassen.









