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Kippende Düfte

Gerüche betören und stoßen ab. Ein Parfüm kann zuweilen auch zum Zeichen des stillen Widerstands werden, wie im Fall von Marie-Antoinette.
Kippende Düfte
Foto: IMAGO/imageBROKER/Daniel Schoenen | Werkstatt der Düfte: Innenansicht der Parfümerie Molinard im südfanzösischen Grasse.

Überraschend schnell kann Macht in Ohnmacht umschlagen oder das Leben aus den Höhen des Glücks in den Abgrund des Unglücks stürzen. Nicht anders verhält es sich mit betörendem Duft und ekelerregendem Gestank. Ob die schweren Oud-Düfte, die seit Jahren die Straßen überfrachten, verzaubern oder abschrecken, liegt nicht zuletzt an der Qualität des Adlerholzes, das für deren Herstellung verwendet wird. Hinzu kommen zahlreiche Dupes, billige Duftkopien, die den großen Parfümmarken Konkurrenz machen, empfindsame Nasen jedoch in den Niesexzess stürzen.

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Die Auswahl von Düften ist stets ein Vabanquespiel, eine heikle Wahl, denn Düfte steigen direkt in das Gefühlszentrum des Gehirns auf. Während Seheindrücke und Geräusche erst in der Schaltzentrale verarbeitet werden, wandern Duftmoleküle über den Riechkolben direkt ins limbische System. Schneller, als man denkt, sagt man sich dann: „Den kann ich nicht riechen!“ Das aber kann sich weder ein bis über beide Ohren verliebter Jüngling noch ein gewiefter Politiker leisten. Düfte markieren nicht nur den Unterschied zwischen subtilen und robusten Riechorganen, sie lügen und betrügen, verlocken und vereinnahmen. Kurzum: Am Duft erkennt man, woher der Wind weht.

Der Duft einer untergegangenen Epoche

Wer die Nase zu keck in den Himmel reckt und allzu sorglos an der Wirklichkeit vorbeischnuppert, dem kann es schnell an Kopf und Kragen gehen. Als Marie-Antoinette, die letzte Königin des vorrevolutionären Frankreichs, die Guillotine bestieg, lag der stechende Geruch von Blut in der Luft. Lediglich dezent parfümierter Puder war der zum Tode verurteilten Feindin der Republik vergönnt. Der Duft der Revolution roch nach Eisen und verwestem Fleisch, nach der Bitternis des Hasses und der Glut der Selbstgerechtigkeit.

Bis zum letzten Atemzug versuchte Marie-Antoinette den Duft glorioser Zeiten zu bewahren. Mit weiblicher Koketterie und adliger Verschwendungssucht allein lässt sich dieser Wunsch nicht erklären. Vielmehr war es der Hauch einer untergegangenen Epoche, der sie umgab, das Symbol einer Würde, die sie sich nicht rauben ließ. Als sich Marie-Antoinette bereits in Haft befand, schmuggelte Jean-Louis Fargeon, Hoflieferant und Parfümeur der Königin, als letzte Gaben Lavendelwasser und nach Orangenblüten duftende Pomaden in den Großen Turm des Temple-Gefängnisses.

Versteckt in dem verbotenen Präsent war die jüngste Kreation Fargeons: das Parfum du Trianon. Ein bestrickendes Bouquet aus edelsten Essenzen, darunter Veilchen, Iris, Zedernholz und Galbanum, sollte der Königin olfaktorischen Trost spenden. Gekrönt ward das Parfum durch die Tuberose, eine seit dem 17. Jahrhundert in Europa begehrte, aus Mexiko stammende Agavenart. Marie-Antoinette war besessen vom Duft der exotischen Pflanze: „Die Tuberose wirkt auf mich eine seltsame Macht aus“, soll sie Fargeon gestanden haben.

Für einen Moment dem revolutionären Verhängnis entronnen

Der Duft aber barg auch ihr Schicksal. Bei seinem letzten Besuch im Trianon in Versailles hatte Fargeon ihr erstmals eine Probe seiner Kreation offeriert. Überraschend schnell aber war die aus empfindlichen Blüten destillierte Essenz verdorben und die berauschende Fragrance hatte sich in den Gestank von Fäulnis und Verwesung verwandelt. Fargeons feine Nase hatte die ersten Indizien der Zersetzung sofort erkannt, Marie-Antoinette aber trug den Duft mit stoischer Haltung – unbeirrt loyal gegenüber ihrem Parfümeur, treu der ihr eigenen Höflichkeit.

Fargeon aber hütete sich vor einem erneuten Fauxpas und optimierte die Rezeptur, als er der gefangenen Königin eine letzte Hommage erwies. Marie-Antoinette bedeutete dieses Parfüm weit mehr als ein sinnliches Pläsier: Der Duft war ihr Eskapismus. Für einen Moment glaubte sie sich dem revolutionären Verhängnis entronnen. Am Vorabend ihres Todes tat sie ihrem Leibarzt ihr Gottvertrauen und ihre Schicksalsergebenheit kund: „Ich werfe mich in die Arme der Vorsehung, sie ist der einzige unsichtbare Halt, der uns stützt. Der Gedanke daran ist tröstlich. Ich liebe die Einfachheit meiner Religion sehr, ich verehre sie, ich hasse alles, was nach Fanatismus riecht.“

Ein Wohlgeruch riecht nach Dekadenz

Der schicksalhafte Flakon war nicht nur ein Versuch, die Terreur, die Schreckensherrschaft der Jakobiner, zu übertünchen, er verschloss die Erinnerung an Freiheit und bedeutete eine Vorahnung auf das Ende. Am 16. Oktober 1793 wurde Marie-Antoinette enthauptet. Maximilien de Robespierre, der ihr Schicksal besiegelte, läutete ein duftloses Zeitalter ein. Auf Mord und Totschlag folgte die Apologie der Tugend und Reinheit. Mit einer weißen Rose in der Hand ließ sich Robespierre, Mastermind des Schreckens, als Inkarnation der Unschuld porträtieren. Auf Eau de Toilette jedoch verzichtete er gänzlich, zu sehr war Parfüm mit der Verschwendungssucht der alten Eliten konnotiert.

Wie schnell der Duft der Zeit kippen kann, erweist sich nicht nur am Schicksal der französischen Königin. Geschichten über Exzesse und Säuberungsrituale gibt es zuhauf in der Geschichte. Nicht zuletzt im 20. Jahrhundert, als in der Sowjetunion der Wohlgeruch der Bourgeoisie zum Zeichen des Verrats wurde. „Sag mir, welchen Duft du trägst, und ich sage dir, wes Geistes Kind du bist“, lautete die sowjetische Devise. Die Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken, wurde zur Pflicht des Sowjetbürgers. Der Neue Mensch bedurfte einer neuen Geruchswelt, einer Aura, die sich abhob vom Ruch der Dekadenz und Verweichlichung. Durch die Straßen wehte fortan der Geruch von Kohle und Benzin. Der Bourgeois wurde einer „Entduftung“ unterzogen. Er wurde zur Drecksarbeit verdonnert, Adlige sollten mit Leichen- und Blutgeruch für die Ausbeutung der Arbeiterklasse büßen.

Duft als Kommunikationsmedium zwischen Mensch und Gott

Dass Düfte aber auch einen schönen Traum verheißen, ohne an Bodenhaftung zu verlieren, zeigt sich in der Heiligen Schrift. In der Bibel fungiert Duft als sinnliches Kommunikationsmedium zwischen Mensch und Gott. Weihrauch, Salböl und Opferrauch symbolisieren nicht nur Hingabe und Reinheit, sondern stellen die Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits her. Der Duft steigt auf, hinan zum Göttlichen, ist Zeichen der Anerkennung und des Wohlgefallens. „Zum angenehmen Duft für den Herrn“ (Lev 1,9) dient die olfaktorische Opfergabe, den „Duft der Erkenntnis Christi“ (2 Kor 2,14) tragen die Apostel in die Welt.

Die biblische Olfaktorik aber beschränkt sich nicht auf eine geistlich-symbolische Lesart, sondern dringt tief in menschliches Verlangen ein: „Ein Lustgarten sproßt aus dir, / Granatbäume mit köstlichen Früchten, / Hennadolden, Nardenblüten, Narde, Krokus, Gewürzrohr und Zimt, / alle Weihrauchbäume, Myrrhe und Aloe, / allerbester Balsam“, heißt es im Hohelied Salomos. Ein köstlicher Duft entsteigt der Heiligen Schrift, sinnlich und spirituell zugleich ist er, heilig, ohne lustvoller Körperlichkeit zu entbehren. Immer aber ist er verbunden mit Präzision und Maß, mit Respekt vor göttlicher Weisung: „Nimm dir Balsam von bester Sorte“, lautet des Herrn Auftrag an Moses im Buch Exodus, „fünfhundert Schekel erstarrte Tropfenmyrrhe, halb so viel, also zweihundertfünfzig Schekel, wohlriechenden Zimt, zweihundertfünfzig Schekel Gewürzrohr.“

Die Bibel bejaht das sinnliche Erleben, feiert Düfte, Schönheit, Geschmack und Erotik, verurteilt jedoch den Exzess, da er den Menschen von sich selbst, der Gemeinschaft und Gott entfremdet. Weit entfernt von Schreckensherrschaft und stalinistischer Entduftung ist die Heilige Schrift. Stattdessen schärft sie den Sinn für das Maß und ruft uns in Erinnerung, dass der rechte Ruf die Welt ganz anders duften lässt: „Nordwind, erwache! Südwind, herbei! / Durchweht meinen Garten, / laßt strömen die Balsamdüfte!“ Die Verfasserin ist Journalistin, Essayistin und Romanautorin. Sie lebt in Berlin.

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