„Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.“ (Matthäus 5,5). „Der Tiefsinn gehört der Jugend, der Klarsinn dem Alter zu: wenn trotzdem alte Männer mitunter in der Art der Tiefsinnigen reden und schreiben, so tun sie es aus Eitelkeit, in dem Glauben, dass sie damit den Reiz des Jugendlichen, Schwärmerischen, Werdenden, Ahnungs- und Hoffnungsvollen annehmen.“ (Friedrich Nietzsche, „Menschliches, Allzumenschliches“)
Das Theater in der Josefstadt in Wien gibt den Hamlet und liefert, wie befürchtet, eine spießige, verklemmte, biedere Inszenierung. Das heißt: obszöne Gesten, schrille Toneffekte, viel Filmisches, dazu das F-Wort und die neuerdings redensartlichen „alten weißen Männer“, denn man rückt dem ollen Text ohne Hemmungen zu Leibe; ein Bühnenbild zwischen Tiefgarage und Reichskanzlei; die Kostüme eine Mischung aus Altkleidersammlung und Opernball. Ophelia, früher lieb und keusch, versteht sich aufs Derbe so gut wie die Protagonistinnen in Blondinen-Witzen anno 1985. Hamlet öffnet den Bademantel und trägt darunter: nichts. Für diesen Moment hat der Regisseur den Schauspielern Laute der Empörung verordnet, weil er ahnte, dass man sich auf die Erregung des Publikums durch einen nackten Mann nicht mehr verlassen kann.
Schlapper Applaus und Buh-Rufe
Stimmt. Kein Raunen, kein Skandal; die Zuschauer gähnen. Noch ein bisschen Satanisches, Gruftiges. Alles kalter Kaffee. Da meint jemand, er sei ein Revoluzzer, und wirkt dabei so steif und peinlich wie ein Oberstudienrat in Löcher-Jeans, der den Schülern das Du aufdrängt. Frech, fröhlich, frei – das würde heute heißen, dem originalen Shakespeare mehr zuzutrauen als der dramatischen Kernsanierung durch einen Theatermacher, der aus der Pubertät nicht herausgekommen ist. Das Regietheater des späten 20. Jahrhunderts hat die Wirkung einer Schallplatte mit Sprung: Es ist das Immergleiche, es kommt nicht vom Fleck und geht allen auf die Nerven. Schlapper Applaus, ein paar Buh-Rufe. Da stimmen wir gern mit ein.
„Ich kann dieses Wunder noch gar nicht fassen, das Wunder der Einheit zweier Menschen, die so spät erst sich gefunden haben. Und ich will es vielleicht nicht so ganz erfassen, denn dann tritt die Tragik vor mein inneres Auge, die darin liegt, daß wir uns nicht früher schon gekannt haben, daß wir einander nicht früher begegnen durften. Oft, wenn es ganz still um mich ist, da spüre ich Deine Kindheit. Sie ist mir sehr nahe.“ (Heimito von Doderer, „Die Strudlhofstiege“) Deutsche Gefängnisse haben einen guten Ruf, namentlich die norddeutschen. Das zeigen zwei dpa-Meldungen. In Hannover ließ sich ein Bankräuber festnehmen und sagte, er habe den Überfall begangen, weil er, sonst obdachlos, ins Gefängnis wolle. Ähnliches führte ein Brandstifter in Bremen im Schilde, der Gartenlauben anzündete. Sein Motiv: Mit 80 wolle er lieber ins Gefängnis umziehen. Die Rechnung des Bankräubers ging auf: fünf Monate ohne Bewährung. Der Brandstifter dagegen bekam die Eintrittskarte nicht. Für Untersuchungshaft fehle die Fluchtgefahr, für reguläre Haft die Vorstrafe.
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