Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Rezension

Vom Nordlicht zum Kreuz

Carl Schmitt nutzte seine Leseerfahrungen für die Deutung der eigenen Biografie. Der Schmitt-Experte Reinhard Mehring geht dieser Selbstverständigung mit Hilfe der Literatur auf den Grund. 
Sie gehörte zu Carl Schmitts literarischen Vorbildern: Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848, Porträt von Johann Sprick).
Foto: Wikimedia Commons/Public Domain | Sie gehörte zu Carl Schmitts literarischen Vorbildern: Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848, Porträt von Johann Sprick).

Schmitt las Dichtung autobiographisch, politisch und konfessionell oder auch metaphysisch.“ Mit dieser Feststellung beginnt Reinhard Mehrings Buch „Carl Schmitts literarische Prägung“. Ihn interessiert Schmitt nicht primär als kontroverser Staatsrechtler des 20. Jahrhunderts, sondern als Leser: als Autor, der in Gedichten, Briefen und literarischen Figuren – am stärksten in der titelgebenden Figur aus Herman Melvilles Novelle „Benito Cereno“ – nach politischen, autobiographischen und konfessionellen Selbstdeutungen suchte. Der Band versammelt fünf Vorträge, die Mehring im April 2026 in China gehalten hat, ergänzt um einen umfangreichen Fußnotenapparat, ein kurzes Vorwort und drei Briefe Carl Schmitts an den Dichter Theodor Däubler. Der vergessene Dichter war für Schmitt eine literarische Sensation. Schmitt begegnete Däubler in den 1910er Jahren, las den Gedichtzyklus „Das Nordlicht“ intensiv und veröffentlichte 1916 eine Interpretation. Däublers kosmische Lichtmetaphysik zog Schmitt in seinen Bann. Doch sein Pantheismus und die Vorstellung einer sich selbst befreienden Menschheit markierten eine konfessionelle Grenze: Das Nordlicht leuchtet, aber es ist nicht das christliche Licht.

„Ich will ein Christ sein, aber ich bin ein Humanist“

Nach 1945 richtet sich Schmitts Blick zunehmend auf Annette von Droste-Hülshoff. Mehring deutet diese Hinwendung als Teil von Schmitts Versuch, das Verhältnis zum Christentum neu zu bestimmen. In seinem Erinnerungsband „Ex Captivitate Salus“ über die Jahre zwischen 1945 und 1947 ruft Schmitt Däubler und die Droste mit ihrer Gedichtsammlung „Das geistliche Jahr“ in Erinnerung. Im Gedicht „Am Feste Mariä Verkündigung“ kehrt das „Nordlicht“ zurück: „Ja, seine Macht hat keine Gränzen, / Bei Gott unmöglich ist kein Ding, / das soll mir wie ein Nordlicht glänzen, / Da meine Sonne unterging.“ Das Nordlicht erscheint nun in einem christlichen Horizont. Hier liegt der Schwerpunkt von Mehrings Buch: im Katholizismus als Schlüssel zu Schmitts literarischer Selbstdeutung nach 1945. Schmitts Rekatholisierung ist dabei keine einfache Rückkehr zu einer ungebrochenen Orthodoxie. Am 5. Mai 1945 schreibt Schmitt: „Ich will ein Christ sein, aber ich bin ein Humanist.“ Wenige Zeilen später heißt es: „Ich aber bin zu schwach für solche göttliche Frömmigkeit, und so helfe ich mir mit Gedichten der Annette.“ Wo ihm Frömmigkeit fehlt, werden Gedichte zu einem Zugang zum Christlichen. Das geistliche Jahr verbindet Glauben und Zweifel auf eine Weise, die Schmitts eigener religiöser Situation entgegenkommt.

Lesen Sie auch:

Darin liegt das Paradox dieser Rekatholisierung. Schmitt sucht bei der Droste eine christliche Antwort auf Däublers pantheistische Lichtreligion. Zugleich erkennt er bei ihr Spuren der Säkularisierung. Im „Glossarium“ bezeichnet Schmitt das Kreuzzeichen der Droste als „Phosphorpflanze“ und spricht von einem „naturwissenschaftlich determinierten Positivismus“. Das christliche Symbol erscheint erneut in der Sprache des Naturhaften. Die Grenze zwischen Däublers „Nordlicht“ und Drostes Kreuz ist weniger scharf, als Schmitts konfessionelle Selbstdeutung vermuten lässt. Diese Spannung macht die Droste für Schmitt interessant: Katholische Dichtung wird für ihn zu einer zweiten Möglichkeit der Frömmigkeit, die den Zweifel nicht beseitigt, sondern aufnimmt.

Eine Archäologie der Lektüren

Auch Schmitts Auseinandersetzung mit „Kaspar Hauser“ und „Hamlet oder Hekuba: der Einbruch der Zeit in das Spiel“ gehört zu dieser Form literarischer Selbstdeutung. Besonders in Schmitts Hamlet-Essay versucht Mehring, die literarische Lektüre mit Schmitts eigener Biographie und seiner Vergangenheit zu verbinden. Aus der Entstehungsgeschichte des Essays gewinnt er die These eines esoterischen Selbstkommentars zu Schmitts Rolle während der frühen Jahre des Nationalsozialismus. Im Text weist er die These nicht mit derselben Belegdichte nach, mit der er Briefe, Tagebücher und Schriften auswertet. Hier hätte die von Mehring behauptete autobiographische Lektüre einer genauen Analyse bedurft. Gerade weil Mehring Schmitts Lektüren als Form der Selbstdeutung versteht, wäre zu fragen, wie sich diese in den Texten vollzieht.

Mehrings Buch ist keine systematische Interpretation von Schmitts literarischen Schriften, sondern eine Archäologie seiner Lektüren. Seine Stärke liegt in der Rekonstruktion eines Kanons, in dem Schmitt sich selbst erkennt und seine geistige Position bestimmt. Die Bewegung von Däubler zu Droste bildet dabei den entscheidenden Weg: vom kosmischen Licht des Nordlichts zum christlichen Licht, vom Pantheismus zum Kreuz. Mehrings Verdienst liegt darin, diese literarische Dimension von Schmitts religiöser Selbstdeutung sichtbar zu machen. Wer Schmitts Verhältnis zum Katholizismus nach 1945 verstehen will, findet bei Mehring wichtige Spuren. Die entscheidenden Antworten liegen jedoch in Schmitts Büchern, Tagebüchern und literarischen Bezugnahmen.

Reinhard Mehring: Carl Schmitts literarische Prägung, Frankfurt: Klostermann Verlag, 2026, 144 Seiten, Taschenbuch, EUR 22,–


Der Rezensent ist Publizist und studiert Literaturwissenschaft. Er betreibt den Instagram-Kanal „Das klassische Buch“.

Jetzt die „Tagespost“ abonnieren und nichts mehr verpassen.

Themen & Autoren
Dirk Brockschmidt Annette von Droste-Hülshoff Carl Schmitt Frömmigkeit Herman Melville Orthodoxe Kirchen Verkündigung des Herrn

Weitere Artikel

Elisabeth Langgässer schrieb mit dem „unauslöschlichen Siegel“ einen der großen Romane der unmittelbaren Nachkriegszeit. Ein Erzählband hebt die katholische Autorin nun wieder aufs Tapet.
14.06.2026, 17 Uhr
Uwe Wolff
Das Werk von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz bezeugt die ungebrochene Kraft christlicher Philosophie. Die außergewöhnliche Denkerin wird nun mit einem außergewöhnlichen Band geehrt.
26.07.2026, 17 Uhr
Felix Hornstein

Kirche

Die Schönstätter Marienschwestern feiern 100-jähriges Bestehen: Die Generaloberin Schwester Joanna M. Buckley erläutert die Ziele ihrer marianisch geprägten Pädagogik.
04.10.2026, 15 Uhr
Regina Einig
Erntedank: Warum wir nicht nur einmal im Jahr für volle Erntekörbe danken sollten, sondern täglich auch für das, was anders kommt als geplant.
04.10.2026, 08 Uhr
Dorothea Schmidt
Sie besucht einen Monat lang die Bistümer Augsburg, Freiburg und Limburg: Die Reliquienreise der heiligen Bernadette steht fest. Auf der Liste stehen 18 Klöster und Kirchen.
01.10.2026, 18 Uhr
Meldung
Wir können uns nicht immer zum Richter über alles aufschwingen. In einem freien Akt der Anerkennung von etwas Größerem wird das Gute für uns sichtbar.
04.10.2026, 19 Uhr
Engelbert Recktenwald