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Samariter auf der Route 66

Philipp Ammon macht aus einem biblischen Gleichnis eine Gesellschaftssatire. Der Anspielungsreichtum ist herausfordernd. 
„Selig sind Barmherzigen“: Neugotisches Relief an der St.-Jacobi-Kirche in Lübeck.
Foto: IMAGO/Zoonar.com/Stefan Ziese (www.imago-images.de) | „Selig sind Barmherzigen“: Neugotisches Relief an der St.-Jacobi-Kirche in Lübeck.

Der Historiker und Philologe Philipp Ammon, als Essayist und Autor in überregionalen Zeitschriften und Zeitungen bekannt, hat das biblische Gleichnis vom barmherzigen Samariter als Vorlage für eine Gegenwartssatire gewählt. Der Plot ist bekannt: Ein Reisender wird auf der Straße von Jerusalem nach Jericho überfallen, ausgeraubt und liegt blutend am Straßenrand. Anstelle des Priesters, des Leviten und des Samariters, wie es Lukas (Kapitel 10) in der Bibel beschreibt, treffen auf den Schwerverwundeten eine ganze Reihe von Figuren unserer Zeit, die unfähig oder unwillig sind, zu helfen. Der Libertäre „Glücksschmied“ deutet den Überfall als Beleg für die Verwerflichkeit staatlichen Eigentums an Straßen.

Der Konservative „Zünftig“ verklärt den Raub zum ehrwürdigen Handwerk und zur „anthropologischen Konstante“. Der Sozialist „Brother Bro“ predigt Enteignung als Bruderliebe. Der Sicherheitsberater „Melik Hilferding“ verwendet Begriffe aus dem Coaching sowie der Resilienz- und Traumasprache; er verlangt vom Opfer, mehr „Eigenverantwortung“ zu übernehmen und den Räuber empathisch anzusprechen. Fräulein „Fromm“ ist eine Straßenmissionarin, die im Stil der Social-Justice-Rhetorik den Räuber zum antikolonialen Freiheitskämpfer und das Opfer zum strukturell Schuldigen erklärt. Frau „Sanssouci“ ist ganz ihrer esoterisch-affirmativen Wellness-Sprache verhaftet. Signora „Immaculata“ liefert postmoderne Dialektik und kirchenpolitisches Aggiornamento-Vokabular. Ein Prediger deutet Gewalt schließlich in Erlösungstheologie um. Ein Frontschwein will mit Kriegsverherrlichung und der Forderung nach Selbstopfer den Schwerverwundeten überzeugen. Das dänische Mädchen „Gerda“ verbreitet im Angesicht des Opfers nur Klimapanik.

Ammon entblößt eine Bandbreite zeitgenössischer Verharmlosungsrhetorik

Der Text von Ammon existiert in zwei Fassungen, nämlich als „Lustspiel in mehreren Auftritten“ (inklusive Regieanweisungen und Dialogen) sowie als erzählerisches „Scherzo“ in indirekter Rede und in einem sehr verdichteten Erzählton, der einer barocken Chronik ähnelt. Durch die zwei Fassungen folgt auf dieselbe Grundsituation eine jeweils überraschende Umdeutung. Ammon löst sich von der biblischen Erzählung und fragt, ausgehend von den verschiedenen Interpretationen seiner Protagonisten, nach deren moralischer Verantwortung. Die satirische Herangehensweise ist überzeugend: Ammon analysiert nicht nur eine einzelne politische oder ideologische Richtung, sondern entblößt die gesamte Bandbreite zeitgenössischer Ausweich- und Verharmlosungsrhetorik, angefangen von libertären Marktideologen über woke Aktivisten und progressive Kirchenvertreter bis hin zu nationalistischen Kriegstreibern.

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Keiner kommt gut weg. Somit ist das Buch auch keine parteipolitische Kampfschrift. Bei Ammon bleibt jede Ideologie nicht nur in ihrer Blase, sondern auch in ihrer eigenen Sprache gefangen, um untätig bleiben zu können. Der Text ist somit eine klassische Gesellschaftssatire.

Aber wer ist nun der barmherzige Samariter? Ausgerechnet das animalische, ideologisch unbelastete und unheroische Frontschwein! Es offenbart einen Restglauben an eine praktische Nächstenliebe inmitten der Diskurskakophonie. Stilistisch ist der Text ein Feuerwerk aus Wortspielen, Alliterationen, Neologismen und Sprachmischungen aus dem Deutschen, Englischen, Französischen, Italienischen sowie vereinzelt Lateinischen und Griechischen. Ammon formuliert mit lautlicher Nähe als Sinnstiftungsprinzip. Das merkt man bereits bei der Namensgebung der Figuren. Und so finden „Takt“ und „taktil“, „schäbig“ und „Schabe“, „Eigentum“ und „eigen“ zusammen. Die Sätze der Figuren wirken teils wie assoziative Kettenreaktionen, die sich von der eigentlichen moralischen Frage immer weiter entfernen.

Anstrengende Lektüre, die sich lohnt

Die Figuren argumentieren in ihren Reden nur scheinbar präzise. Sprachlich erinnern sie an die Sprachsatiren von Karl Kraus oder die postmoderne Kunstsprache von Oswald Wiener. Doch ist es ein überzeichnetes Spiegelbild unserer heutigen politisch korrekten Sprache mit ihrem verwechselbaren Vokabular aus der nicht selten sinnbefreiten Rhetorik von Aktivisten. Auch deswegen ist der Text anstrengend zu lesen. Doch das ist gewollt! Wortspiele, Sprachwechsel und zahllose Assoziationen setzen eine hohe Konzentration, umfassende Bildung und reflektierte Kenntnisse des Zeitgeistes voraus. Nur so können Anspielungen auf Heidegger und Hegel, auf Tacitus und vielfältige Details der Kirchengeschichte den Text vollständig erschließen. So führt uns schon der von Ammon ausgewählte Buchtitel „Get your kicks“ über Nat King Cole auf die Route 66. Genau hier, einst die Straße der Hoffnung, heute Anziehungspunkt für Nostalgiker, begibt sich Ammon auf die Suche nach dem barmherzigen Samariter.

Wer eine schlichte Fabel im Stile Äsops erwartet, wird schnell aus Überforderung ermüden. Wer jedoch anspielungsreiche, intellektuell herausfordernde Texte mag, wird bei der Lektüre von Ammons sprachgewaltiger und ausgefeilter Gegenwartssatire reichlich bedient.

Philipp Ammon: Get your kicks: ein altes Gleichnis, Schönebeck: Verlag Moloko Print, 2025, 72 Seiten, Taschenbuch, EUR 15,–


Der Rezensent ist Historiker.

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