Die Neuengländerin Elizabeth Strout führt seit fast zwanzig Jahren ihre Leserschaft in ein wiederkehrendes Figurenkabinett. Von Buch zu Buch kehren die von ihr ins Leben gerufenen Bewohner des amerikanischen Nordostens zurück, um einen Strout-Roman zu bevölkern, und lassen uns so am Leben in der fiktiven Stadt Crosby im Bundesstaat Maine teilhaben. So entfaltet Elizabeth Strout ein Gesellschaftspanorama entlang spröder Küsten im Hinterhof von Boston.
Da ist zum Beispiel die pensionierte Mathematiklehrerin Olive Kitteridge mit ihrer launischen Bodenständigkeit, gewitzt, etwas verklemmt und doch einfühlsam. Strouts Leser kennen sie schon seit den Kurzgeschichten der frühen Neunzigerjahre. Nachdem sie 2009 den Pulitzer-Preis für „Olive Kitteridge“ erhalten hatte, verfilmte HBO den Stoff mit Frances McDormand in der Hauptrolle. Auch diese TV-Miniserie erhielt acht Emmy Awards, sodass Elizabeth Strout nicht umhinkonnte, 2019 den Roman „Olive, Again“ (dt.: „Die langen Abende“) zu schreiben.
Aber Olive ist nicht die einzige Figur, die die Amerikanerin wiederholt auftreten lässt. In ihrem nun von Sabine Roth meisterhaft übersetzten Roman „Tell Me Everything“ (dt. „Erzähl mir alles“) hat sie alte Bekannte in Crosby zusammengetrommelt: etwa den pensionierten Anwalt Bob Burgess und die berühmte Schriftstellerin Lucy Barton.
Wie bei Honoré de Balzac
Lucy und Bob schlossen schon im vorherigen Roman eine innige Altersfreundschaft, obwohl sie andere Partner haben: „Sie waren Freunde, mehr nicht. Sie waren alt genug, um dankbar zu sein für diese Freundschaft, die sie so spät im Leben gefunden hatten, und Margaret und William waren ebenfalls froh um die Freundschaft der beiden; dass ihre Partner jemanden hatten, mit dem sie so gut reden konnten, war auch für sie sehr angenehm.“
Wer in einen Elizabeth-Strout-Roman einkehrt, betritt einen reichen Erzählkosmos. Man muss dazu nicht alle Romane chronologisch lesen, sondern kann mit jedem beliebigen anfangen. Wie auch William Faulkner vor ihr, erschafft Strout eine fiktionale Gesellschaft, wie man es in Europa zum Beispiel bei Honoré de Balzac kennt. Balzac führte den jungen Adeligen Eugène de Rastignac in „Le Père Goriot“ ein und recycelt ihn in etwa zwanzig weiteren Büchern. Oder etwa Martin Walser, der den Protagonisten Helmut Halm in der Novelle „Ein fliehendes Pferd“ (1977) vorstellt und als Oberstudienrat 1985 in dem Roman „Brandung“ nach Kalifornien schickt.
Indem Olive Kitteridge oder Lucy Barton in einem Roman Hauptfigur sind, im nächsten aber schon zur Nebenfigur werden können, lädt Strout ihre Leserschaft dazu ein, sie aus unterschiedlichen Perspektiven zu beobachten. Strout betreibt so eine Umverteilung der erzählerischen Aufmerksamkeit. Überhaupt ist der Roman „Erzähl mir alles“ getragen von der Neugier am G’schichteln: Das Städtchen Crosby ist ein Hort solcher Stories. Die fiktionale Schriftstellerin Lucy (Mitte sechzig) besucht die alteingesessene Crosby-Matriarchin Olive (neunzig), hört sie an, erzählt selbst: Hörensagen, Erinnerungen, auch Klatsch fließen ineinander. Man bekennt einander, vertraut sich an.
Strouts Figuren kennen die Krisen ihrer Mitmenschen, aber auch ihre Geheimnisse. Im Fall von Bob Burgess und Lucy Barton heißt es: „Bob hatte heimlich wieder zu rauchen begonnen. Er hatte die längste Zeit seines Lebens geraucht, aber aufgehört, als er Margaret kennengelernt hatte, doch seit der Pandemie rauchte er heimlich wieder, erst nur eine Zigarette am Tag, inzwischen zwei. Lucy wusste das, Margaret nicht. Mehr war es nicht.
Der Roman tröstet
Ein sehr unschuldiges Geheimnis, denn sowohl Bob als auch Lucy waren – auf ganz eigene, schwer greifbare Weise – unschuldige Menschen.“ Immer wieder tritt in kleinen Details ein Menschenbild an die Oberfläche, das ihre Figuren sympathisch macht: Sie sind im Kern gute Menschen. Überhaupt ist der Mensch in Strouts Erzählwelt grundlegend gut. Ob dieses Menschenbild wohl ein Grund dafür war, dass Papst Leo Ende Juni auch die Amerikanerin einlud, als er 28 Schriftsteller – darunter auch Jon Fosse, Mircea C(a)rt(a)rescu und Éric-Emmanuel Schmitt – im Vatikan empfing? Sie gehört zu jenen Romanciers, die dem Mysterium im Verstrickten nachspüren. „Wir glauben gern“, heißt es irgendwo in „Erzähl mir alles“, „dass wir unser Leben unter Kontrolle haben, aber das stimmt manchmal nur bedingt. Die, die vor uns kamen, haben die Weichen für uns gestellt.“
Nichtsdestotrotz fragt man sich, ob das betuliche Dahinleben in Crosby nicht etwas aus der Zeit gefallen ist. Seit zehn Jahren findet in den USA jede Woche ein Watergate-Ereignis statt. Auch in Europa vergeht kein Monat, ohne dass ein politischer Schock von epochaler Tragweite geschieht. Da wirkt das Inventar bürgerlicher Privattragödien wie ein Rückzug.
Dennoch tröstet das Lesen dieses Romans ungemein. Ein Mordfall, den Elizabeth Strout in „Erzähl mir alles“ auch noch hineingebracht hat, um die Geschichte mit der Kraft eines Plots voranzubringen, stört da fast. Ein Sohn soll seine achtzigjährige Mutter, bei der er wohnt, umgebracht haben. Eine Kritikerin in der „New York Times“ belächelte diesen Kriminalfall und meinte: Die Leser lösen ihn schneller als die Erzählerin selbst. Aber sei’s drum. „Erzähl mir alles“ macht seine Leser schnell zu Mitbewohnern von Crosby, Maine – eine Art Communio der Narration.
Elizabeth Strout: „Erzähl mir alles“, aus dem Amerikanischen von Sabine Roth, München: Luchterhand Literaturverlag, 2026, 400 Seiten, Hardcover, EUR 25,–
Der Rezensent ist Schriftsteller und lebt in Wien.
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