Als Konvertitin hat sie Kirchengeschichte geschrieben: Edith Stein (1891–1942) wurde im Jahr 1999 – ein Jahr nach ihrer Heiligsprechung durch Papst Johannes Paul II. – zur Mitpatronin Europas ernannt. In Europa erlebte und erlitt die Philosophin und zum Christentum konvertierte Jüdin zwei Weltkriege. Während der Nazi-Herrschaft wurde sie 1942 im KZ Auschwitz ermordet. Als junge Studentin an der Universität Breslau begeisterte sie sich noch für den Krieg, doch nach dieser anfänglichen Euphorie wuchs ihr Wunsch nach Frieden und wurde zu einem wichtigen Aspekt ihres Denkens.
Auch Edith Steins Spiritualität kreiste um die Frage, wie innerer Frieden zu finden sei. Sie schrieb in späteren Jahren Friedensgebete und verfasste ein Hingabe-Gelöbnis für den wahren Frieden. Nicht zuletzt trägt der Karmel in Köln, in den sie im Oktober 1933 eintrat, den Namen „Maria vom Frieden“.
Wege zum inneren Frieden
Die Religionsphilosophin Beate Beckmann-Zöller, Präsidentin der Edith-Stein-Gesellschaft und Mitarbeiterin an der Edith-Stein-Gesamtausgabe, zeigt Wege zum inneren Frieden anhand der Texte der Heiligen. Doch ihr jüngst erschienenes Buch ist keine Biografie Edith Steins mit einem besonderen Augenmerk auf den Frieden, sondern versteht sich darüber hinaus als ein Impuls:
„Nicht wenige Menschen in Europa bedrückt die Angst vor der Ausbreitung eines Krieges“, schreibt die Autorin im ersten Kapitel. Doch die rastlose, von Krisen gezeichnete äußere Welt ist nur das eine, der innere Unfrieden, an dem viele leiden, das andere.
Beides kannte Edith Stein nur zu gut. Sie geriet nach enttäuschtem Verliebtsein und vier vergeblichen Anläufen für eine Habilitation in eine große innere Krise. Ihr ambitionierter Plan, die erste Professorin für Philosophie in Deutschland zu werden, wurde auch durch den Tod eines guten Freundes gleich nach Ende des Ersten Weltkriegs durchkreuzt.
Das Leben aufs Neue dankbar aufnehmen
Durch die Gespräche mit seiner Witwe fand Edith Stein den christlichen Glauben, durch die Lektüre der Autobiografie von Teresa von Ávila wurde sie katholisch und nahm als Karmelitin den Ordensnamen Teresia Benedicta vom Kreuz an. Der Weg für einen wirklichen Frieden war geebnet – kurz nach ihrer Entscheidung zu konvertieren, schrieb sie: „Das hat mich von dem Leben befreit, das mich niedergeworfen hatte, und hat mir zugleich die Kraft gegeben, das Leben aufs Neue und dankbar wieder aufzunehmen. Von einer ‚Wiedergeburt‘ kann ich also in einem tiefsten Sinne sprechen.“
Sie erkannte, dass eine bergende Macht von außerhalb ihrer selbst ihr Kraft gab – und diese Macht war Jesus Christus. Ab diesem Zeitpunkt war für Edith Stein innerer Frieden gleichbedeutend mit „im Einklang mit Gott und mit sich selbst“ zu leben. Immer wieder hat sie auch um diesen Zustand gerungen, die Autorin beschreibt sie als eine Persönlichkeit, in der es „brodelte“ – Edith Stein war von Natur aus nicht gelassen und wurde einst in ihrer Heimatstadt Breslau als „entzückend boshaft“ empfunden.
Sühneopfer für den wahren Frieden
Umso mehr beeindruckt der Weg, den sie nahm: Sie lernte, den eigenen Charakter zu überwinden und auch unter widrigen Umständen und in Situationen tiefer Dunkelheit den Gleichmut zu bewahren. Schon 1921 schrieb sie, dass man den „Frieden Gottes“ als „über alle Vernunft“ bezeichnet, nicht als irrational, aber „supra-rational“.
So konnte sie auch Deportation und Aufenthalt im Lager Westerbork in Gott ergebener Verfassung bewältigen und sich um andere Menschen auf dem Transport kümmern. Ihre Haltung gründete in der Bereitschaft, als Sühnende teilzuhaben am Erlösungswerk Christi und stellvertretend für andere zu leiden und sich aufzuopfern bis hin zum Tod.
Bereits ein halbes Jahr vor Kriegsausbruch 1939 wandte sich Edith Stein in einem Brief an ihre Priorin: „Bitte erlauben Sie mir, mich dem Herzen Jesu als Sühneopfer für den wahren Frieden anzubieten: dass die Herrschaft des Antichrist, wenn möglich, ohne einen neuen Weltkrieg zusammenbricht und eine neue Ordnung aufgerichtet werden kann. Ich möchte es heute noch, weil es die zwölfte Stunde ist. Ich weiß, dass ich ein Nichts bin, aber Jesus will es, und Er wird gewiss in diesen Tagen noch viele andere dazu rufen.“
„Komm, wir gehen für unser Volk“
Der befürchtete Krieg kam, doch Edith Stein floh nicht vor dem Leid. In ihrem Handeln zeigt sich, dass Opferbereitschaft und die Feindesliebe einen Menschen vollkommen machen. Ihre letzten überlieferten Worte richtete sie an ihre Schwester Rosa: „Komm, wir gehen für unser Volk.“ An Edith Steins Schicksal wird die Suche nach Frieden und dessen Verwirklichung sichtbar.
Friede ist kein abstraktes Wort. Beate Beckmann-Zöller lädt den Leser vielmehr mit ihrem Buch ein, die verschiedenen Dimensionen des Friedens kennenzulernen und zu praktizieren. Das Opfer muss nicht blutig sein. Es kann darin bestehen, sich in die Stille zurückzuziehen und Zeit für das Gebet um Frieden zu widmen, Geld zu spenden oder körperliche Leiden für Frieden und Versöhnung aufzuopfern.
Beate Beckmann-Zöller: Frieden finden mit Edith Stein, Kisslegg: fe-Medienverlag, 2026, broschiert, 88 Seiten, EUR 5,– Die Rezensentin ist freie Journalistin und Buchautorin.
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