Tschechien – ein Land an der Küste“: Das Motto des Gastlandes der diesjährigen Frankfurter Buchmesse sorgt zunächst für Irritation – ein Blick auf die geografische Lage unseres Nachbarlandes bestätigt: Das osteuropäische Land liegt mitnichten am Meer und somit auch an keiner Küste. Das Motto bezieht sich natürlich auf das Shakespeare-Zitat aus dem Theaterstück „Das Wintermärchen“ von 1611, in dem der britische Dichter Böhmen ans Meer verlegt: „Bohemia. A desert country near the sea“ (Böhmen, eine wüste Gegend am Meer).
Die Organisatoren des Gastlandauftritts verfügen jedoch über den hintergründigen Humor, der das tschechische Volk und seine Literatur auszeichnet; gemeint ist das „Meer der literarischen und kulturellen Vielfalt“ mit „neuen Ufern und weiten Horizonten“, das in Frankfurt präsentiert werden soll.
Tschechien ist bekannt für seine Volksmärchen, zauberhafte Kinderbücher und die in der Zwischenkriegszeit geschriebenen „Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ von Jaroslav Ha(s)ek (1883–1923); der Autor Milan Kundera (1929–2023), der seit 1975 im Pariser Exil lebte, erreichte vor allem durch die Verfilmung seines 1984 erschienenen Romans „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ internationales Renommee, und einigen Lesern mag auch noch der als einer der bedeutendsten tschechischen Autoren des 20. Jahrhunderts geltende Schriftsteller Bohumil Hrabal (1914–1997) ein Begriff sein, der seine Vorbilder in Ha(s)ek und Franz Kafka sah. Empfohlen sei hier der Beitrag von Jeremy Adler in der Mai/Juni-Ausgabe 2026 der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“: „Erinnerungen an Bohumil Hrabal“. Der in London aufgewachsene Sohn des emigrierten jüdischen Prager Schriftstellers und Dichters H. G. Adler schildert seine Begegnungen mit Hrabal in den 1980er Jahren in London und später in Tschechien – und bringt uns den höchst eigenwilligen und unangepassten Dichter auf bewegende Weise nahe.
Ein „Schreiben zwischen den Zeilen“
Die nach dem Zweiten Weltkrieg tätigen Dichter zeichnen sich durch ein „Schreiben zwischen den Zeilen“ aus, bedingt durch Restriktionen des kommunistischen Staates, die nach dem Scheitern des „Prager Frühlings“ 1968 noch verstärkt wurden. Wer im Land blieb, wie Hrabal, hatte es schwer. Der Dramatiker und spätere Staatspräsident Václav Havel (1936–2011), Mitinitiator der „Charta 77“, verbrachte für seine Überzeugung insgesamt fünf Jahre im Gefängnis.
Weniger bekannt ist die zur literarischen Avantgarde in Tschechien zählende Milada Sou(c)ková (1898–1983). Die promovierte Naturwissenschaftlerin („Über das Seelenleben der Pflanzen“), seit 1936 Mitglied des „Prager Linguistenkreises“, wurde 1945 zur Kulturattachée im tschechoslowakischen Konsulat in New York ernannt.

1948 protestierte sie öffentlich gegen den kommunistischen Putsch in ihrer Heimat, indem sie ihr Amt niederlegte. Sie entschied, in den USA zu bleiben, lehrte in Harvard und Berkeley und wurde als Literaturtheoretikerin, nicht aber als Schriftstellerin bekannt. Ihr experimenteller Roman „Amor und Psyche“ von 1937, jetzt zum ersten Mal ins Deutsche übertragen, ist stark beeinflusst von James Joyce’ „Ulysses“ – das äußere Geschehen wird verbunden mit Assoziationen, Gedankenspielen, Bewusstseinsströmen, ständigem Perspektivwechsel, was den Leser vor gewisse Herausforderungen stellt. Lässt er sich jedoch auf das Werk ein, ergibt sich wie in jedem Labyrinth ein erkennbares, verschlungenes Muster, das einen in das Geschehen und das Psychogramm junger Mädchen und ihrer Schwärmereien hineinzieht. Bei aller Exaltiertheit wirkt der Roman zugleich zart melancholisch. Ein Meisterwerk.
Ein weiteres Vexierspiel, das die sorgfältig durchdachte Fabulierkunst seines Autors spiegelt, zeigt der 1949 geborene Michal Ajvaz in seinem Roman „Passagen unter Glas“. In der Begründung der Jury für die Verleihung des Magnesia-Litera-Preises an Ajvaz heißt es: „Das Nichts als Geschichtenquell, als Suche nach dem Ursprung von Inspiration; Literatur und Philosophie als wechselseitige Spiegelung, als Doppelhelix aus Wegen zu einem gemeinsamen Ziel (...) als Entfaltung, als Fortsetzung jener Reise durch das Labyrinth des menschlichen Geistes, das in der tschechischen Literatur einzigartig dasteht.“
Schlichter Beginn
Wen das nicht abschreckt, der begibt sich nach einem schlichten Beginn – der Erzähler wird Zeuge, wie zwei Männer in einer Leipziger Passage zwei identisch scheinende Taschen austauschen – in ein raffiniert geschildertes Universum von Kunst, Literatur, Philosophie, von Farben und Formen, Sehnsüchten und Träumen. Sie alle entwickeln sich aus konkreten Ereignissen heraus und ranken sich wieder um diese herum, wobei sie menschliche Tiefe und Abgründigkeit offenbaren. Ein verwirrendes Kaleidoskop, in dem doch am Ende jedes Steinchen an seinen Platz zurückfindet.
Die feine Selbstironie, die so viele tschechische Künstler in sich tragen, erahnt man schon in so manchem Titel; der faszinierende Kriminalroman von JosefS kvo-reck (1924–2012) heißt „Die Traurigkeit des Chefinspektors“ und packt den Leser trotz der melancholischen Anmutung. AuchS kvoreck bekam 1969 quasi Berufsverbot und kehrte von einem Studienaufenthalt in Kalifornien nicht mehr zurück. Mit seiner Frau, der Schriftstellerin Zdena Salivarová, gründete er in Toronto den Exilverlag „68 Publishers“, der zu einem Mittelpunkt tschechischer Exilliteratur mit Autoren wie Václav Havel, Milan Kundera oder Ludvík Vaculík wurde.

Das ist das dichterische Erbe, das die heutigen Autoren zu schultern haben. Dabei müssen sie ihren ganz eigenen Weg finden. Der bekannteste unter ihnen ist wohl der 1972 geborene, mittlerweile auf Deutsch schreibende Jaroslav Rudi(s). Sein neuer Roman „Wo die Toten sprechen“ sei jedem ans Herz gelegt, der die tschechische Literatur kennenlernen möchte – wenn auch auf höchst bizarre Weise. Drei schräge Vögel, Lorenzo, Caspar und Miss Detroit, sind in einem klapprigen Saab unterwegs zu den Friedhöfen Mitteleuropas, um die Gräber berühmter Schriftsteller zu besuchen. Alle drei besitzen die Gabe, mit den Toten zu kommunizieren. Und so ganz nebenbei lernt man nicht nur die Dichter und deren Werke kennen, sondern auch den Hintergrund der Reisenden und ihre Beweggründe. Dass ab und an auch die Eisenbahn, Fahrpläne, Musik und das Bier tragende Rollen spielen, versteht sich bei Rudi(s) von selbst, der seit „Winterbergs letzte Reise“ zu den interessantesten Stimmen Tschechiens gehört.
Nicht nur Ironie, sondern auch schwarzer Humor
Nicht nur feine Ironie, auch tiefschwarzer Humor bricht sich Bahn – der 1976 geborene Ond(r)ej Hübl erzählt in „Der Vorhang“ eine bitterböse Satire. Die verwöhnte Tochter eines erfolgreichen Unternehmers zeigt linksextreme Tendenzen und soll zum Abgewöhnen das vermeintliche Arbeiterparadies kennenlernen, das eine Reiseagentur als Ausflugsziel anbietet.
Dass die geplante erzieherische Maßnahme komplett aus dem Ruder läuft und erschreckende Konsequenzen hat, lässt sich erahnen, nicht aber, welch drastische Steigerung das Experiment zeitigt. Auch hier wird auf literarische Vorbilder verwiesen: Gleich zu Beginn wird aus Kunderas Roman „Der Scherz“ zitiert: „Optimismus ist Opium für die Menschheit. Ein gesunder Geist stinkt nach Dummheit! Es lebe Trotzki!“ Dieser Roman lehrt einen das Fürchten, das ist auch so gedacht.
Es sind hier nur wenige Beispiele möglich, die versuchen, einen Einblick in das umfangreiche Spektrum der tschechischen Literatur zu ermöglichen. Allen gemeinsam ist das Bewusstsein für die politischen Turbulenzen des vergangenen Jahrhunderts, die auch die spätgeborenen Autoren beeinflussen und ihre Werke prägen. Bei aller Ironie, mit der man den Katastrophen zu begegnen sucht, geht damit eine tiefe und warmherzige Liebe zum eigenen Land und seinen Menschen einher. Unser Nachbarland literarisch zu entdecken, lohnt in jedem Fall. Es gilt, Schätze zu heben!
Milada Sou(c)ková: Amor und Psyche, übersetzt von Doris Kouba, dimidium mundi Verlag, 320 Seiten, EUR 26,–
Michal Ajvaz: Passagen unter Glas, übersetzt von Veronika Siska, Allee Verlag, 456 Seiten, EUR 30,–
JosefSkvoreck: Die Traurigkeit des Chefinspektors, übersetzt von Hanna Vintr, Braumüller Verlag, 377 Seiten, EUR 26,–
Jaroslav Rudi(s): Wo die Toten sprechen, Luchterhand Literaturverlag, 240 Seiten, EUR 24,–
Ond(r)ej Hübl: Der Vorhang, übersetzt von Daniela Pusch, Verlag Voland & Quist, 400 Seiten, EUR 26,–
Die Rezensentin lebt als freie Kulturjournalistin in Berlin.
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