Du bist ein guter Mensch“, bekommt Shaban (Astrit Kabashi) immer wieder zu hören. Was sich zunächst als Kompliment anhört, bekommt nach und nach eine andere Bedeutung: Du bist harmlos, anspruchslos, jemand, der alles mit sich machen lässt. Regisseur Visar Morina sagt in einem Interview, seinem Vater sei häufig ein solcher Satz gesagt worden. Erst später habe er das Herablassende an dieser Aussage verstanden.
Shaban lebt mit seiner Frau Hatixhe (Flonja Kodheli) und ihren drei Töchtern auf einem Bauernhof im Kosovo. Sie leben vom Verkauf der Milch ihrer Kühe. Dies bedeutet harte Arbeit: Tiere versorgen, aber auch immer wieder Dinge reparieren. Leben sie auf dem Land sozusagen im Erdgeschoss der Gesellschaft, so rutschen sie auf der Sozialleiter weiter hinunter, als sie den Hof aufgeben und in die Hauptstadt Pristina ziehen müssen.
Shaban und Hatixhe bekommen eine Teilzeitarbeit von ihrem bessergestellten Schwager Alban (Alban Ukaj). Doch das Geld reicht nicht, um die Familie einschließlich Großmutter (Kumrije Hoxha) durchzubringen. Shaban muss sich auf der Straße zusammen mit anderen Tagelöhnern als Arbeitskraft anbieten. Er scheut keine Mühe und nimmt selbst körperlich schwere, schlecht bezahlte Tätigkeiten an. Als Wachmann soll er beispielsweise ein wohlhabendes Viertel bewachen, „um arme Schlucker wie uns fernzuhalten.“
Die Arbeit bedroht ihre Würde nicht
Morina kontrastiert das einfache, von Arbeit und Bescheidenheit geprägte Leben des Ehepaares mit dem Wohlstand von Alban und seiner Frau Lina (Fiona Gllavica), Hatixhes Schwester. Schon deren modernes, luxuriöses Haus steht in krassem Gegensatz zu dem Schuppen, in dem Shaban und Hatixhe unterkommen müssen. Auch die Kleidung markiert den sozialen Unterschied. Als Lina ihrer Schwester eine schöne Jacke schenken möchte, fragt sich Hatixhe, ob sie damit nicht gewissermaßen gekauft werde. Denn sie hilft Lina bei der Versorgung von deren krankem Schwiegervater. Wann wird aus selbstverständlicher Hilfsbereitschaft eine Dienstleistung, aus Dankbarkeit Abhängigkeit? Dazu passt einer der Schlüsselsätze des Films: „Scham ist ein Luxus.“ Dennoch versucht Shaban, die Grenze zwischen Demut und Demütigung zu behaupten. Seine Schwägerin hält ihm vor, Arbeitssuche auf der Straße sei „beschämend“. Alban möchte sie ihm sogar verbieten, schließlich habe die Familie einen Ruf zu verlieren. Shabans Reaktion darauf gehört zu den stärksten Szenen in „Von Scham und Geld“. Die Arbeit bedroht Shabans und Hatixhes Würde nicht.
Astrit Kabashi gestaltet Shaban als jemanden, der viel erträgt, kaum klagt und wenig erklärt. Er bedarf keiner großen Gesten, spielt eher mit Blicken, Schweigen und einer Körperhaltung, die sich allmählich verändert. Flonja Kodhelis Hatixhe reagiert pragmatischer, ohne weniger empfindlich für die Demütigungen zu sein. Janis Mazuchs Kamera verweigert sich, das Elend auszustellen. Morina erklärt, er habe eine Einstellung verworfen, in der Tagelöhner auf einen potenziellen Arbeitgeber zulaufen, weil ihm die Darstellung entwürdigend erschien. Die Kamera kontrastiert die offene Landschaft und die rote Erde des Dorfes mit Verkehr, Beton und engeren Räumen in Pristina.
Kein Pamphlet
In „Von Scham und Geld“ könnte eine eigene Spielart des sozialkritischen Kinos eines Ken Loach erkannt werden. Visar Morina verweist allerdings auf den italienischen Neorealismus als seine Inspirationsquelle. Wie in Vittorio De Sicas „Fahrraddiebe“ (1948) bedroht der Arbeitsverlust nicht nur die materielle Existenz. Er trifft das Selbstverständnis eines Mannes, als Ehemann und Vater für seine Familie zu sorgen.
Bisweilen häuft Morina Shabans Demütigungen so an, dass die Umgebung als Versuchsanordnung erscheint. So gut wie jede Begegnung scheint zu bestätigen, was der Film kritisiert. Dass aber „Von Scham und Geld“ nicht zu einer Art Pamphlet verkommt, verdankt sich der Genauigkeit, mit der Morina seine Figuren gestaltet, und ihre Würde steht über jeder politischen Botschaft.
„Von Scham und Geld“. Deutschland/Kosovo/Slowenien/Albanien/Nordmazedonien/Belgien 2026, 130 Min. Regie: Visar Morina. Im Kino ab dem 24. September.
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