Nebel über dem Ratzeburger See, lautlos taucht die Bootssilhouette aus dem Dunst auf. Acht Männer im Rhythmus der plätschernden Riemen, am Ufer ein Mann mit Stoppuhr und Notizbuch, der Sportgeschichte schreiben wird. Man schreibt das Jahr 1958.
Während viele auf Anhieb wissen, was sich hinter dem Begriff „Das Wunder von Bern“ verbirgt, werden nur wenige etwas vom „Wunder aus Ratzeburg“ gehört haben. Nun ist mit „Adams Acht“ ein Film in unseren Kinos angelaufen, der auf wahren Begebenheiten beruht und der sowohl die Stadt als auch das Rudern faszinierend inszeniert.
Ratzeburg ist zu dieser Zeit eine Kleinstadt an der Grenze zur damaligen DDR. Hier unterrichtet der Lehrer Karl Adam Mathematik, Physik und Sport. Er trifft dabei auf eine vaterlose Generation von jungen Männern, die als Außenseiter und Einzelkämpfer nicht wissen, wohin mit ihrer Wut. Adam, der in der Nazi-Zeit sowohl Mitglied der SA als auch der NSDAP sowie Sportlehrer an einer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (Napola) war, ist ein widersprüchlicher Charakter. Nach seinem Entnazifizierungsverfahren wird der akribische Tüftler und wissenschaftlich-methodische Vordenker von der Idee getrieben, etwas Neues zu schaffen, und sieht in den jungen Männern, denen er begegnet, etwas, das sonst niemand sieht. Er setzt sie in einen Ruder-Achter und gibt ihnen damit mehr als nur ein Ventil: Als prägender Mentor und Vaterfigur gibt er ihnen eine neue Perspektive.
Ein Achter funktioniert nur, wenn alle im selben Rhythmus rudern
Bald führen Adams unkonventionelle Trainingsmethoden und demokratische Team-Prinzipien bei den „mündigen Athleten“ zu ersten sportlichen Erfolgen, während die alten Funktionäre des elitären Rudersports ihn belächeln und sabotieren. Einer der Ruderer, Hans Lenk, kämpft darüber hinaus gegen eine Grenze, die immer unüberwindbarer wird. Denn seine große Liebe Ulla lebt nur wenige Kilometer entfernt, auf der anderen Seite des Ratzeburger Sees, in der DDR. Während der Kalte Krieg seine Schatten über das Land wirft, ringt Adams Team nicht nur mit körperlicher Erschöpfung, sondern auch mit alten Schuldfragen, ideologischen Gräben und einer deutschen Vergangenheit, die sich nicht so einfach abschütteln lässt.
Die jungen Männer, die allesamt aus verschiedenen sozialen und politischen Milieus stammen, müssen erst noch lernen, was es bedeutet, miteinander in einem Boot zu sitzen. Dafür müssen sie zunächst ihre Vorurteile ablegen, Toleranz und Teamgeist entwickeln und anfangen, miteinander statt gegeneinander zu kämpfen. Denn ein Achter funktioniert nur, wenn alle bereit sind, im selben Rhythmus zu rudern. Nachdem sie verstanden haben, dass man nur gemeinsam stark sein kann, formt Adam mit unbeirrbarer Entschlossenheit und visionären Methoden aus den provinziellen Underdogs etwas, das größer ist als die Summe seiner Teile. Schließlich geht 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom ein Team für Deutschland an den Start, das entschlossen ist, als Gold-Achter Geschichte zu schreiben.
Echte Ruderer, große Bilder
„Adams Acht“ erzählt die bewegende Geschichte von Mut, Disziplin, Leidenschaft, Zusammenhalt und dem Kampf gegen äußere Grenzen und innere Begrenzungen. Und er zeigt eindrucksvoll, wie eine Gruppe von unterschätzten Außenseitern 1958 zuerst national, dann 1959 europaweit und schließlich ab 1960 auch weltweit mit zahlreichen Goldmedaillen für eine sportliche Sensation im Rudersport sorgte. Der Film ist ein inspirierendes und mitreißendes Drama, eine emotionale Sportlergeschichte und ein Stück großes deutsches Erzählkino über ein Land im Umbruch.
Dafür versammelte der finnische Regisseur Hannu Salonen („Oktoberfest 1900“) ein herausragendes Ensemble vor der Kamera. Wir sehen Oliver Masucci („Er ist wieder da“) in der Titelrolle des legendären Rudertrainers Karl Adam, Felix Kammerer („Im Westen nichts Neues“) als Hans Lenk, den intellektuellen Ruderer im Team, Svenja Jung („Der Palast“) als dessen große Liebe Ulla und Leonard Kunz („Das Boot“, Fernsehserie) als vaterlosen Hitzkopf Rulffs. Besonders bei der Besetzung des Gold-Achters ist der Produktion ein Coup gelungen: Mit echten Leistungsruderern wie Leon Kleinschmidt, Oscar Krause oder Moritz Wolff hat man weit über dreißig nationale und internationale Medaillengewinner mit ins Boot geholt. Die enge Verbindung von Schauspiel und realem Leistungssport verleiht dem Film jene Präzision und Körperlichkeit, die er für die glaubwürdige Darstellung seiner Geschichte braucht. Zudem packen die im Film gezeigten Ruderwettkämpfe den Zuschauer nicht nur mit ihrer sportlichen Energie, sondern auch mit der Schönheit der Landschaften, in denen sie spielen.
Überhaupt besticht „Adams Acht“ als Kinoerlebnis, neben den überzeugenden Darstellern, durch eine starke visuelle Umsetzung. Der Film mag zwar in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts spielen und uns historisch fundiert von den damaligen Erfolgen des deutschen Rudersports erzählen, dennoch ist er mehr als nur ein generationsübergreifender und bewegender Sportfilm. Er ist auch ein höchst relevantes und aktuelles Werk über demokratische Verantwortung und die Frage, wie das Zusammenleben in unserer pluralistischen Gesellschaft auch heute noch gelingen kann. Zudem wirft er die Frage auf, was es heißt, Mensch zu sein in einer Leistungsgesellschaft, die Erfolg und Effizienz über alles stellt. Wenn dieser Film es schafft, genau darüber eine Debatte zu entfachen, dann rudert er mit philosophischem Tiefgang in die richtige Richtung und erreicht hoffentlich sein Ziel – und das nicht nur an der Kinokasse.
Credits: „Adams Acht“, Deutschland 2026, 124 Minuten, Regie: Hannu Salonen, seit dem 17. September im Kino.
Der Autor ist Priester im Erzbistum Köln.
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