Neulich war ich bei einer Firmung. In Berlin. Verständlich also, dass die Vorsitzende des Pfarrgemeinderats zuvor ein paar Worte an die Versammelten richtete, um den Anwesenden zu erläutern, was sie erwartet. Dies sei keine Jugendweihe, sagte sie zum Beispiel. Ein wertvoller Hinweis. Dann stellte sie klar, dass die jungen Leute allesamt aus freiem Entschluss ihren Weg gewählt hätten.
„Sie haben entschieden, hier ihren Glauben zu bekräftigen.“ Sozialer Druck besteht in dieser Hinsicht in Berlin tatsächlich nicht. Bei den Kirchenliedern sangen dann natürlich die wenigsten mit. Ich versuchte, so gut es ging, durch besonders lautes Singen zu kompensieren. Beten fällt mir manchmal schwer, Singen ist einfacher.
Zu meinen Lieblingsliedern gehört „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ mit der herrlich klassenkämpferischen Zeile: „Es sind ja Gott sehr leichte Sachen und ist dem Höchsten alles gleich: Den Reichen klein und arm zu machen, den Armen aber groß und reich.“ Das sollen nur Vertröstungen sein, wie die Marxisten behaupten? Ich habe da meine Zweifel. Auch das Magnificat sagt, was Sache ist: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Da diese Zeile auch in vielen Weihnachtsliedern auftaucht, nannte Dietrich Bonhoeffer es mal das „leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte sagen: das revolutionärste Adventslied, das je gesungen wurde.“
Die Predigt war außergewöhnlich gut. Zelebrant des Festgottesdienstes war der Erzbischof von Berlin, Heiner Koch. Er erinnerte die Anwesenden, darunter viele Agnostiker, daran, dass es das gar nicht gibt: ungläubige Menschen. „Das ist gar nicht denkbar. Der Mensch ist nicht so beschaffen, dass er nicht glauben könnte. Wir unterscheiden uns nur in dem, was oder wem wir glauben.“ Guter Punkt, auch G. K. Chesterton hat gerne darauf hingewiesen. Dann verwendete Erzbischof Koch ein schönes Bild, um zu beschreiben, was Glauben für Christen bedeutet. Er sei neulich Ehrengast bei einer Zirkusvorstellung gewesen.
Ohne Trapez
Am meisten hätten ihn die Luftakrobaten beeindruckt, die sich in schwindelerregenden Höhen durch die Luft schleuderten. Ohne Trapez. Danach habe er Gelegenheit gehabt, mit den Artisten zusammenzusitzen. Was das Schwierigste an ihrer Kunst sei, wollte er von ihnen wissen. „Das Sich-Fallenlassen!“, antworteten sie. Was für ein fantastisches Bild für den Glauben, sagte der Kardinal. Wer beim Abspringen nur mit dem leisesten Zögern agiert, scheitert. Man muss sich in vollem Vertrauen fallen lassen, sonst geht es schief. Henri Nouwen hätte noch angefügt, dass der Springende sich dem Fangenden mit ausgestreckten Armen entgegenwirft.
Und: Dass es fürs Gelingen des Sprungs entscheidend ist, dass der Springer sich auf den Rhythmus des Fangenden einlässt und nicht umgekehrt. Sterben, sagte Nouwen, ist der weiteste Sprung durch die Luft. Die Sterbebegleitung sagt dann besser nicht: Klammere dich! Sondern: Du bist das geliebte Kind Gottes. Er ist da, wenn du springst. Greif Ihn nicht –Er greift dich.
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