Es ist wohl die teuerste und aufwendigste Schau, die das Bucerius Kunst Forum bisher durchgeführt hat: „Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland“ mit rund 100 Gemälden, Grafiken und Skulpturen. Rekonstruiert werden 15 bedeutende Kunstsammlungen deutscher Jüdinnen und Juden vor 1945, und jeder Sammlung ist ein eigener Bereich gewidmet. Doch gleich bei der Zusammenführung von „jüdisch“ und „deutsch“ in der Anlage des Ausstellungsprojekts hält der Betrachter inne: Waren es nicht vor allem Mitbürger, Deutsche, um die es hier geht? Ihr Judentum stand selten im Vordergrund des gelebten Lebens und war durch Namenswechsel und Heirat bisweilen kaum mehr wahrnehmbar. Die Erschütterung, die sich beim Rundgang früh einstellt, wenn man die Sammlungsgeschichten nachliest, die Bildchroniken verfolgt oder sich vor allem die Schicksale der einzelnen Menschen vergegenwärtigt – sie entsteht aus fühlbarer Nähe.
Es waren Deutsche, die in ihrem eigenen Land diskriminiert, verfolgt, entrechtet, beraubt, eingesperrt, ermordet wurden. Ja, sie waren Juden, und als solche wurden sie verfolgt. Doch ja, sie waren vor allem auch Deutsche, die damals im Kaiserreich und in der Weimarer Republik einen wichtigen Teil von Kultur und Wissenschaft, Wirtschaft und Politik prägten. Die berühmte Familie von Mendelssohn, Kunstsammler seit dem 18. Jahrhundert: Da waren es Rembrandt, Rubens, de Goya. Als Robert Mendelssohn als Partner in das Bankhaus Mendelssohn & Co. eintrat, unterstützte er die Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel. Und wirkte aktiv darauf hin, dass 1896 Manets „Wintergarten“ angekauft wurde, das erste Bild der Moderne, das Eingang in die Sammlung fand. Auch andere Familienmitglieder zeichneten sich als Förderer aus und bauten Sammlungen auf.
Nach der Machtergreifung blieb einigen nur die Flucht, andere wurden im KZ ermordet. Restitutionsforderungen stehen bis heute im Raum – verbunden mit den Vorwürfen, deutsche Museen in München oder Stuttgart verschleppten die Verfolgung berechtigter Ansprüche. In der Ausstellung wird unter anderem ein „Drehleierspieler und junger Harlekin“ von Pablo Picasso aus dem Jahr 1905 gezeigt, 1942 mitten im Krieg von der Kunsthalle Zürich erworben. In der Schweiz laufen derzeit weitere Forschungen zur Provenienz, Ergebnis ungewiss. Der Picasso mit seinem sparsam-pastosen Farbauftrag, der die anrührende Melancholie des Alten und die träumerische Teilnahmslosigkeit des Knaben besonders treffend wiedergibt, mag ähnliche Gefühle wie die der Besucher ausdrücken.
Wachsende Kennerschaft
Es ist bemerkenswert, wie die bedeutenden Sammlungen sowohl eine Leidenschaft für einzelne Künstler und ihre Werke spiegeln als auch eine große, sich ständig weiter entwickelnde Kennerschaft für die bildende Kunst insgesamt – als vielgestaltige, kultureller Kraftquelle. Das Bochumer Bankiers-Ehepaar Clothilde und Paul Schüler besaß eine Sammlung, die in Qualität und Umfang erst in letzter Zeit auch durch den Lokalhistoriker Hubert Schneider rekonstruiert werden konnte. Zwar hatte die Familie in den Jahren der Weltwirtschaftskrise einen Großteil des Vermögens verloren, so auch wertvolle Kunstwerke, dennoch blieben bedeutende Stücke über die eigene Bank im Familienbesitz.

Nach und nach wurden Bilder verkauft, um den Lebensunterhalt zu sichern, 1939 wurde das verbliebene Bankhaus liquidiert, zuletzt wohnten die Schülers in einem „Judenhaus“ – bis zur Deportation. Erst 1961 wurden die Erben für die Einziehung von Kunstwerken und anderem Vermögen der Schlüters entschädigt. Das Pechstein-Gemälde mit zwei Frauen im Zwiegespräch von 1921 und ein ikonischer Kopf von Jawlensky aus dem Jahr 1925 zeigen die Geschmackssicherheit bei der Bildauswahl. Dabei hatten die Sammler ursprünglich ein Auge auf die Spätromantik geworfen – um dann mit wachsender Kennerschaft die Entwicklung der Gegenwartskunst zu begleiten. Erstaunlich ist, wie sich die Vorliebe für neue Kunst aus einer Umgebung entwickelte, die noch durchdrungen war von der wilhelminischen Zeit mit ihren schwülstigen Interieurs. Das Bauhaus als ästhetisch bestimmende Kraft war kaum zu ahnen.
Starke Frauen fördern Kunst
Nicht alle späteren Kunstsammler stammten aus wohlhabendem, arriviert-jüdischem Bürgertum. Wilhelm Landmann wurde 1891 als eines von elf Kindern in Schifferstadt bei Mannheim geboren. „Im Sommer gingen wir barfuß, und im Winter trugen wir Schuhe mit Holzsohlen und spärlichem Lederobermaterial.“ Fließendes Wasser oder ein funktionierendes Abwassersystem gab es nicht. Sechs der sieben Landmann-Brüder zogen in den ersten Weltkrieg, einer fiel, Wilhelm überlebte schwer verwundet.

Seine Sammlung, der er als Börsen-Syndikus und späterer Miederwaren-Unternehmer zusammen mit seiner Frau Julie in etwa 15 Jahren aufbaute, orientierte sich mutig an der Avantgarde und weniger an der Entwicklung des Marktes für etablierte Moderne. Eine geradezu explosive Landschaft von Karl Schmidt-Rottluff aus dem Jahr 1919 spiegelt den Spirit des Sammlerehepaares. Es ist dem Ausstellungsteam um Kathrin Baumstark zu danken, dass sie auch die Rolle der Frauen besonders berücksichtigen, Rosa Schapire sticht hier besonders hervor. Den Frauen mag in Fortführung des Salons die Kunstpflege teilweise von Männern zugewiesen worden sein: Was sie daraus entwickelt haben, ist für die Geschichte der modernen Kunst bedeutend.
Anhaltender Antisemitismus
Rassistische und antisemitische Stereotype hielten nach 1945 an. Deidre Berger und Anne Uhrlandt, Autorinnen eines Essays im Katalog, lenken den Blick auf Werner Haftmann. In seinem 1954 erschienenen Standardwerk „Malerei des 20. Jahrhunderts“ behauptete der einflussreiche Kunsthistoriker und Kurator, dass sehr unterschiedliche jüdische Künstler wie Marc Chagall und Amedeo Modigliani dennoch ähnlich und typisch für die „jüdische Seele“ seien. Das abgedruckte Zitat ist in seinem diffamierenden Inhalt und sprachlichen Duktus besonders entlarvend: „Es ist ein sehr bemerkenswerter Vorgang, dass das scheinbar zur Bildlosigkeit verurteilte Judentum gerade an den Sprachmitteln der modernen Kultur zu einem ihm eigentümlichen Ausdruck kam ...“
Viele Restitutionsfragen sind weiter ungeklärt. Oft hochkompliziert, sie bedürfen einer intensiven Beschäftigung mit juristischen und historischen Hintergründen. Der Leipziger Rechtsanwalt Christoph von Berg beispielsweise setzte hier 2017 mit dem von ihm betriebenen Entschädigungsverfahren für Paul Klees „Sumpflegende“ anerkannte Maßstäbe. Die Stadt München verglich sich mit den Erben der Sophie Lissitzky-Küppers, das Bild verblieb im Lenbachhaus
Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.










