Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Untergrundpresse Samizdat

Selbst ist die Freiheit des Wortes

Tschechien ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Eine Ausstellung im Frankfurter Museum für Kommunikation beleuchtet die dortige Untergrundpresse des Samizdat während des Kommunismus.
Samizdat-Ausstellung
Foto: Salome Roessler | Die Ausstellung zeigt zahlreiche Apparate aus der Zeit, wie diesen mechanischen Mimeograph mit rotierender Drucktrommel, der zur Vervielfältigung verwendet wurde.

In meiner Jugend las ich in der Ukraine „Die Schule der Dummen“ von Sascha Sokolow und Bulgakows „Der Meister und Margarita“ – als Broschüren auf dünnem, vergilbtem Papier. Der Schriftsatz war teilweise verschwommen, der Umschlag unauffällig und durch eine aufgeklebte Plastikfolie gestärkt. Es handelte sich um Samizdat-Exemplare, die meine Mutter in der Küche versteckte, ohne zu wissen, dass ich das Versteck längst kannte. 
Als ich Jahrzehnte später im Frankfurter Museum für Kommunikation die Ausstellung „Samizdat: Worte der Freiheit in der Tschechoslowakei 1939–1989“ besuche und die Exponate betrachte, die in allen Ländern der vormaligen Sowjetunion heimlich von Hand zu Hand gingen, bin ich einen Augenblick lang überrascht, dass die klandestinen Medien meiner Jugend zu Museumsobjekten geworden sind.

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Inzwischen sind die Ukraine und auch die Slowakei und Tschechien unabhängige Staaten, sodass die Untergrundliteratur oft Teil einer nationalen Geschichtsschreibung wird. Inspiriert vom heurigen Ehrengast der weltgrößten Buchmesse, wirft das Haus am Frankfurter Museumsufer einen kommunikationsgeschichtlichen Blick auf diese dem freien Wort verpflichtete Bewegung in Tschechien.

Eine eigene, inoffizielle Welt des Lesens

Ich bin in der Sowjetunion aufgewachsen und lebte in Dnipro, bevor ich vor vielen Jahren in den Rheingau übersiedelte. Das Wort „Samizdat“ war mir deshalb schon als Jugendliche wohlbekannt. Es bedeutete nicht einfach „selbst veröffentlicht“. Es bezeichnete eine eigene, inoffizielle Welt des Lesens: Texte, die nicht systemkonform waren und nicht offiziell erscheinen durften, die mit den verfügbaren Mitteln und unter geheimen Bedingungen mehrfach hergestellt und weitergegeben wurden.

Ich erinnere mich an die abgegriffenen Blätter, mehrere waren offenbar gleichzeitig durchgeschlagen worden, weil die Buchstaben nicht schwarz, sondern grau waren. Auf der ersten Seite stand kein Titel, er wurde oberhalb des Textes einfach in derselben kleinen Schreibmaschinenschrift getippt. Ohne Bilder oder Verlagsangabe.

Die Kuratoren am Main sind bemüht, die exzellent organisierten Widerstandsgruppen, die im 20. Jahrhundert den gleichgeschalteten Gehirnwäschen von Faschismus und Kommunismus trotzten, anschaulich zu dokumentieren. Sie verweisen auf die Wurzeln von Untergrundpressen in der Zensur der Kaiser- und Zarenzeit.

Aber leider bleibt im Museum das elektrisierende Gefühl, das solche Publikationen in unseren Händen auslösten, etwas auf der Strecke. Meine Neugier war vom Verbotenen und Widerständigen damals geschärft, und natürlich war es mir bei der Lektüre von Samizdat-Zeitschriften, Pamphleten und Büchern oft mulmig. Nicht unbedingt Angst hatte ich, eher das Bewusstsein, dass dieses Buch im Fall der Fälle schnellstens und möglichst unbemerkt entsorgt werden müsste.

Bücher als ganz eigene physische Zeitzeugenschaft

Als ich dann die Glasnost-Zeit erlebte, veränderte sich die Welt in kürzester Zeit. So scheint es heute, wo Politiker mit ihren Memoiren durchs Land tingeln, undenkbar, dass zum Beispiel der spätere tschechische Präsident Václav Havel seine Literatur einst nur im Untergrund verbreiten konnte. Nach dem Kollaps der Sowjetunion schossen Kioske aus dem Boden, und dort lagen Bücher, die zuvor nur schwer oder gar nicht zugänglich gewesen waren. Jetzt als Reprint, mit richtigem Umschlag und Titelbild, als Ware.

Ich hatte selbst nie Texte mit Kohlepapier abgetippt und keine Bücher heimlich gebunden. Die ausgestellten Apparate hatte ich nie selbst benutzt. Ich war nur Leserin. Erst viel später wurde mir bewusst, dass Bücher nicht nur Behälter sind, sondern auch eine ganz eigene physische Zeitzeugenschaft darstellen: Sie weisen aus, wer sie schreiben durfte, wer sie drucken konnte, wer sie zu lesen oder sie heimlich weiterzugeben bereit war. Sie sind Artefakte der Macht und im Fall des nonkonformen Widerstands auch der Selbstermächtigung.

Nach der kommunistischen Machtübernahme 1948 wurde die persönliche Expressivität in der Tschechoslowakei nach neuem Regiment kontrolliert. Besonders nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 verschärfte sich die Repression. Autoren verloren ihre Publikationsmöglichkeiten, manche auch viel mehr.

Das Netzwerk beruhte auf Papier und auf Vertrauen

Eine mechanische Schreibmaschine konnte mithilfe von Kohlepapier mehrere Kopien eines Textes herstellen. Für größere Auflagen kamen Mimeographen (Cyklostyle) und andere Kopierverfahren zum Einsatz. Eine Wohnung konnte zur Produktionsstätte werden, ein Leser zum Multiplikator, ein Freund zum Kurier. Die Zahl der Beteiligten war groß, trotz drohender Repressalien. So entstand ein Netzwerk, das auf Papier und vor allem auf Vertrauen beruhte, eine Form gesellschaftlicher Selbstorganisation.

Nicht nur Literatur, sondern auch bildende Kunst, musikalische Veranstaltungen und Theatervorstellungen fanden im Verborgenen statt. Auch religiöse Organisationen, wie die katholische Kirche, waren – wenn auch manchmal widerwillig – in diese Bewegung integriert. Dazu kamen internationale Kontakte, Kuriere und Exilanten. Samizdat war nicht nur eine Art, Bücher herzustellen, sondern eine Möglichkeit, Kultur und Kommunikation außerhalb der staatlich kontrollierten Wege aufrechtzuerhalten.

Die Geschichte des tschechoslowakischen Samizdat ist zugleich eine Geschichte von Schriftstellern, die heute zum literarischen Kanon gehören. Bohumil Hrabal etwa, dessen Buch „Ich habe den englischen König bedient“ ich mit Vergnügen las, gehört zu den Autoren, deren Texte unter den Bedingungen der Zensur über Samizdat verbreitet wurden. Ludvík Vaculík gründete 1972 die Edice Petlice, eine der bedeutendsten Samizdat-Reihen.

Als Kind liebte ich die Geschichten von Bohumil

Rihaüber „Adam und Otka“, viel später kamen Hrabal und Kundera hinzu. Ich las diese Bücher als Literatur. Dass hinter ihrer Herkunft eine politische Geschichte stand, war für mich vorerst kein Thema.

Ein umfangreiches Programm begleitet die bis zum 24. Januar zu sehende Ausstellung in Frankfurt. Sie macht das lebendig, was die Objekte verschweigen. Hier geht man der spezifischen Ästhetik der Prager Parallelkultur nach. Um das Werk von Ivan Klíma zu beleuchten, ist am 17. November der Sohn des Autors eingeladen, der weder nach Theresienstadt noch nach kommunistischer Zensur den Mut verlor, weiterzuschreiben.
Vielleicht ist das der Grund, warum mich die unscheinbaren Samizdat-Exemplare hier so beschäftigen. Mit der Samtenen Revolution endete die kommunistische Herrschaft und Texte konnten wieder öffentlich erscheinen. Das Samizdat verlor seine ursprüngliche Funktion. Der Kapitalismus und der digitale Slop besitzen ihre eigenen Formen der Marginalisierung und Zensur.

Gerade an diesem Punkt gibt die Ausstellung wertvolle Impulse für die Gegenwart, indem sie einschärft, was wir mitteilen, wenn wir veröffentlichen; welche Gemeinschaft wir anstreben, wenn wir uns an Lesezirkeln und Rezeptionsgemeinschaften beteiligen.

Die Schrift in den Zeiten ihrer digitalen Reproduktion ist neuen Gefahren ausgesetzt – aber die alte Grimasse der Zensur ist auch noch da. Wie selbstverständlich uns heute die technischen Voraussetzungen des Schreibens und Veröffentlichens erscheinen. Aber entsteht wieder eine Form von Samizdat – diesmal digital? Und wäre Samizdat in einem totalitären Überwachungskapitalismus überhaupt möglich?

Eine Chance, ein Wort freizusetzen

Wenn jede Schreibmaschine amtlich registriert sein muss, kann man sich so manchen Trick erfinden. In Tschechien der Samizdat-Zeit gab es noch Lücken und Grauzonen. Die tschechoslowakischen Samizdat-Macher mussten überlegen, wie sie einen Text produzieren und weitergeben konnten, ohne entdeckt zu werden. Heute hinterlässt man selbst im Schlaf noch digitale Spuren.

Die ausgestellten Apparate waren auch Werkzeuge, die sich außerhalb eines Überwachungssystems einsetzen ließen. Sie waren Teil der Kontrolle und zugleich eine Chance, ein Wort freizusetzen. Ganz sicher waren auch sie nicht. Schreibmaschinen konnten anhand ihrer Typen identifiziert werden.

Die Ausstellungsmacher gehen hier den Herstellungsgeschichten von konkreten Büchern nach, denen des Druckens und denen der Verschleierung. Die Kuratoren führen nah heran an die Mühsal und das Risiko dieser Publizistik – an persönlichen Mut, Solidarität und die Autonomie von Menschen, die Kunst und Kultur außerhalb staatlicher Vorgaben weitertrugen, ebenso wie an die handwerkliche, fast körperliche Machbarkeit dieser weitreichenden Prozesse.

Eine Schreibmaschine habe ich übrigens noch, Olympia Monica. Gerade eine aus den sechziger Jahren, wie sie hier in den Vitrinen stehen. Sie schmückt bei mir zu Hause eine Vitrine und wartet seit Jahren auf ein neues Farbband. Ich denke plötzlich daran, dass sie eigentlich noch funktionieren müsste. Ich müsste nur ein Farbband besorgen.


Samizdat. Worte der Freiheit in der Tschechoslowakei 1939 bis 1989, Museum für Kommunikation Frankfurt am Main (Schaumainkai 53), bis zum 24. Januar 2027. Öffnungszeiten: Di. & Do.: 9 bis 17 Uhr; Fr., Sa., So.: 10 bis 18 Uhr; Mi: 10 bis 20 Uhr; Mo. geschlossen.

Die Schriftstellerin Julia Grinberg lebt im Rheingau. Zuletzt erschien im Elif-Verlag ihr „Journal einer Unzugehörigkeit“ (2025).

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