Hoffentlich fällt der Junge da oben nicht runter“, hört man ein Mädchen sagen. Die Kleine steht mit ihrem Vater vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin und schaut hinauf zum Dach des berühmten Baus von Ludwig Mies van der Rohe. Dort sitzt tatsächlich ein Junge. Er hält eine Trommel in den Händen und schlägt sie von Zeit zu Zeit. Um ihn herum haben sich Tauben niedergelassen. Tauben auf einem Berliner Dach wären nichts Besonderes. Doch diese hier fliegen nicht davon. Sie sind präpariert.
Der Junge erinnert an Oskar Matzerath, den Helden aus Günter Grass’ Roman „Die Blechtrommel“. Maurizio Cattelan schuf die Figur „Never“ 2003. Für die Sonderausstellung „NIGHT“ hat er sie hoch oben auf der Neuen Nationalgalerie platziert. In unregelmäßigen Abständen schlägt Oskar seine Trommel. Die Nationalgalerie beschreibt den Rhythmus als ein Schwanken zwischen Parade, Alarm, Trauermarsch und Zirkusattraktion.
Hitler als Kind
Damit ist man schon mitten in der Welt Maurizio Cattelans. Der Italiener, 1960 in Padua geboren, gehört seit den frühen 1990er-Jahren zu den international bekannten Künstlern seiner Generation. Skulptur, Installation und konzeptuelle Kunst verbinden sich bei ihm mit schwarzem Humor. Seine Figuren sehen oft verblüffend wirklich aus, doch irgendetwas stimmt nie. Ein Pferd hängt von der Decke. Ein Esel wird von der Last eines Karrens in die Höhe gehoben. Ein Kind betet und erweist sich beim Näherkommen als Adolf-Hitler-Figur. Ein Papst liegt am Boden, getroffen von einem Meteoriten.
Nun erhielt Cattelan den Preis der Nationalgalerie 2026, was bis 7. März 2027 mit einer ersten umfassenden Einzelausstellung in Deutschland verbunden ist. 16 Arbeiten sind zu sehen, darunter bekannte Werke und mehrere neue Arbeiten, die für Berlin entstanden. Kuratiert wurde die Schau in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler. Der Preis hat sich verändert. Als er im Jahr 2000 von den Freunden der Nationalgalerie initiiert wurde, lag der Fokus auf jüngeren künstlerischen Positionen. Zum 25-jährigen Bestehen wurde das Konzept neu ausgerichtet. Nun richtet sich die Auszeichnung an Künstler, die bisher keinen großen musealen Auftritt in Berlin hatten. Cattelan wurde von einer internationalen Jury ausgewählt.
Brandenburger Tor als „Fegefeuer“
Schon der Eingang irritiert. Wer die Ausstellung betritt, muss durch das Brandenburger Tor. Allerdings ist es geschrumpft. „Purgatory“, Fegefeuer, heißt die 2026 entstandene Arbeit aus Lindenholz, Sperrholz und Kunstharz. Das historische Monument wird zum Durchgang in einen anderen Raum. Cattelan erklärt sein Herangehen an die Konzeption der Schau als religiös: „Als ich begann, das Gebäude als eine zeitgenössische Kirche zu begreifen, wurde mir klar, dass die Ausstellung auch ihren eigenen Eingang benötigte.“ Das Brandenburger Tor verliere durch die Verkleinerung einen Teil seiner Monumentalität. „Purgatory ist weder Verdammnis noch Erlösung. Es beschreibt einen Schwebezustand, einen Ort, an dem Veränderung weiterhin möglich ist.“
Fegefeuer, Kirche, Übergang, Verwandlung. Religiöse Begriffe tauchen in „NIGHT“ auffällig häufig auf. Cattelan ist mit dem Katholizismus aufgewachsen. Auf der biografischen Zeitleiste der Ausstellung erzählt er von seiner Kindheit in der Gemeinde und erinnert sich an einen Satz des Pfarrers: „Bitte um Vergebung, nicht um Erlaubnis.“ Auf derselben Wand findet sich sein Kommentar zu dem 2024 in Venedig gezeigten Werk „Father“, einem riesigen Schwarz-Weiß-Bild nackter Fußsohlen. Darin verbindet er Kindheitserinnerungen, das schwierige Verhältnis zu seinen Eltern, den Glauben und die Kunstgeschichte. Als mögliche Bildgedanken nennt er Mantegnas „Beweinung Christi“ und Caravaggios „Kreuzigung des Heiligen Petrus“. Die nackten Füße stehen für ihn schließlich für „die menschliche Verletzlichkeit“. Cattelan nimmt christliche Bilder auf, ohne daraus Bekenntniskunst zu machen. Religion liefert ihm Gesten, Körperhaltungen und Vorstellungen von Schuld, Opfer, Tod, Vergebung und Auferstehung. Das wird im Zentrum der Glashalle besonders deutlich.
Schock für Betrachter: Zeigt Hitler Reue?
Von hinten sieht „Him“ aus wie ein betender Junge. Klein, beinahe verloren, kniet er auf dem Boden, die Hände gefaltet. Erst wenn man um die 2001 entstandene Figur herumgeht, erkennt man das Gesicht Adolf Hitlers. Der hat, wie man weiß, bis zum Ende im Führerbunker seine Kirchensteuer bezahlt. Der Schock für den Betrachter liegt im Wechsel zwischen Unschuld und Wissen. Die Nationalgalerie verweist darauf, dass die kniende Haltung im Berliner Kontext auch eine Erinnerung an Willy Brandts Kniefall 1970 in Warschau evoziert. Cattelan löst diese Verbindung nicht auf. Ob seine Figur Reue zeigt, um Vergebung bittet oder eine Geste lediglich nachahmt, bleibt unbeantwortet. Gerade darin liegt die Zumutung des Werkes. Darf Hitler beten? Kann es Vergebung für das radikal Böse geben? Und wer dürfte sie gewähren? Cattelan beantwortet solche Fragen nicht. Er zwingt den Besucher, die vertraute Geste des Gebets neu anzusehen.
Über dieser Figur hängt „Dawn“ von 2007. Eine junge Frau steckt aufrecht in einer hölzernen Transportkiste. Ihre ausgestreckten Arme und die durch ihre Handflächen getriebenen Stifte lassen an eine Kreuzigung denken. „Him“ und „Dawn“ bilden im Raum eine senkrechte Achse. Unten das kniende Gebet, darüber der ausgesetzte Körper. Die Ausstellung selbst verweist auf diese kirchenartige Ordnung von Hingabe, Verletzlichkeit und Opfer.
Tauben statt Engel
„Eine Kirche ist eine wunderbare Erfindung, weil sie dem Unsichtbaren Gestalt verleiht“, sagt Cattelan. Auch die Neue Nationalgalerie habe etwas Ritualhaftes durch „ihre Größe, ihre Symmetrie, ihre Stille und ihre Distanz zum Alltag“. Er habe sich den Raum „fast wie eine zeitgenössische Kirche vorgestellt: mit einem zentralen Kirchenschiff, Seitenschiffen und einer Abfolge von Präsenzen.“ Mies van der Rohes gläserner Tempel der Moderne wird damit für einige Monate zu einer Kirche auf Zeit. Statt Engel schweben Pferde, Menschen und Tauben durch den Raum.
„Novecento“ von 1997 ist eines dieser Pferde. Das lebensgroße präparierte Tier hängt an einem Seil von der Decke, wie in der Pferdeklinik. Kraft und Freiheit, die man mit dem Reitpferd verbindet, sie sind ihm genommen. Sein Körper hängt schwer und reglos herab. Der Titel verweist auf das 20. Jahrhundert mit seinen Kriegen, seiner politischen Gewalt und seinen zerbrochenen Gewissheiten. Picasso (Guernica, 1937) und Beuys („Iphigenie / Titus Andronicus“, 1969) melden sich beziehungsreich zu Wort.
Leben und Tod, Tag und Nacht
Bei „Pentecost“ von 2002 steht ein präparierter Esel vor einem schwer beladenen Holzkarren. Die Last ist so verteilt, dass sie den Körper des Tieres anhebt. Alles scheint kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen. Arbeit, Last und Überforderung werden körperlich sichtbar. Der Titel führt jedoch weiter. Pentecost heißt Pfingsten. Im Christentum erinnert das Fest an die Herabkunft des Heiligen Geistes und das Sprachwunder, durch das Verständigung über Grenzen hinweg möglich wird.
Auch Tod und Erinnerung ziehen sich durch die Schau. Neun verhüllte menschliche Körper aus Carrara-Marmor liegen bei „All“ von 2007 nebeneinander. Niemand erhält einen Namen, kein Körper wird aus der Reihe herausgehoben. „Bones“ von 2025 zeigt einen monumentalen Adler aus weißem Marmor mit ausgebreiteten Flügeln am Boden. Das Symbol staatlicher und militärischer Macht ist gestürzt. Ob das Tier schläft, verletzt oder tot ist, lässt Cattelan offen.
Noch unmittelbarer wird die Erinnerung an den Tod in der neuen Arbeit „Dust“. Ein gewöhnlicher Feuerlöscher enthält die eingeäscherten Überreste eines Freundes des Künstlers. Ein Gegenstand, der für Notfall und Rettung bereitsteht, wird zum Behältnis eines Toten. Daneben steht „After“, ebenfalls 2026 entstanden: ein sechs Meter langes Eisenrohr, in dessen Mitte ein schlafender präparierter Hund liegt.
Echte Banane in der Ausstellung
So wandert man durch eine Ausstellung, in der Leben und Tod ständig ihre Plätze tauschen. Cattelan hat diese Methode berühmt gemacht. 1999 zeigte er mit „La Nona Ora“ Papst Johannes Paul II., von einem Meteoriten getroffen, am Boden – in der Ausstellung gibt es dazu eine kleine Gipsfigur. 2019 klebte er für „Comedian“ eine echte Banane mit Klebeband an eine Wand der Art Basel Miami Beach. Die Arbeit wurde zum Medienereignis. Nicht nur einmal soll es passiert sein, dass bei Wiederholungen dieses Werkes Besucher beherzt zugriffen und das Obst verspeisten … Seine 2016 geschaffene, voll funktionsfähige Toilette „America“ bestand aus 18-karätigem Gold. 2019 wurde sie während einer Ausstellung im englischen Blenheim Palace gestohlen.
„Die Nacht ist nicht einfach die Abwesenheit von Licht. Sie ist ein Zustand“, kann man in der Ausstellung ein Zitat von Cattelan lesen. In der Nacht würden Gewissheiten außer Kraft gesetzt und die Dinge schwerer zu fassen. Dann folgt ein Satz, der für ein christliches Publikum fast wie eine Hoffnung klingt, obwohl Cattelan daraus kein Glaubensbekenntnis macht: „Zugleich ist die Nacht immer nur vorübergehend. Sie trägt stets die Möglichkeit des Morgens in sich, auch wenn dieser noch nicht sichtbar ist.“ Fast ein Gebet, wenn die Ausstellungsbesucher es zulassen.
„Maurizio Cattelan. NIGHT“, Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, Berlin. Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr, Ticket 16 Euro, ermäßigt 8 Euro.
Der Autor schreibt als Historiker zu Kunst und Kultur.
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