Wenige Tage vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus verteilte die CDU Wahlkampfzeitungen, deren Titelblatt das Konterfei des Spitzenkandidaten Stefan Evers mit dem nüchternen Slogan „Muss man wohl wieder CDU wählen“ kombinierte – ein augenzwinkernd gemeintes Eingeständnis, dass nicht wenige potenzielle CDU-Wähler die Partei nur zähneknirschend als kleineres Übel akzeptieren. Geradezu lustvoll polarisierend präsentierten sich hingegen die Berliner Grünen: „Klima und Krawall in die Parlamente!“ war in ihren Wahlkampfbroschüren zu lesen, und: „Grün denken, intersektional kämpfen und feministisch leben“.
Abgeordnetenhauskandidatin Klara Schedlich warb mit dem Slogan „Gegen Hass und Hetze“ und forderte im nächsten Satz: „Antifa an die Schulen!“ – finde den Fehler. Auf einem Sticker war der Slogan „Feminist Rage“ mit der Zeichnung einer grimmig dreinschauenden Gebärmutter illustriert, auf einem anderen wurde gefordert: „Destroy the patriarchy“.
Bei Jungen haben die Grünen besonders stark an Zuspruch verloren
Solche Töne im Wahlkampf einer Partei, die sich so lange darum bemüht hat, zur bürgerlichen Mitte hin anschlussfähig zu sein, verraten eine bemerkenswerte Blindheit gegenüber der Tatsache, dass mit diesen Themen und dieser Sprache zahlreiche Wähler verschreckt werden, die für andere Aspekte grüner Politik durchaus ansprechbar wären. Dass der Versuch, queerfeministische und intersektionalistische Ideologie in die Mitte der Gesellschaft hineinzutragen, im Wesentlichen gescheitert ist, wird tapfer ignoriert.
Glaubten die Grünen, mit dieser Art des Wahlkampfs bei Jungwählern punkten zu können, die schon in der Schule den Gebrauch nonbinärer Pronomen erlernt haben, so erweisen Wahlanalysen auch diese Annahme als irrig: Gerade in der Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen haben die Grünen besonders stark an Zuspruch verloren.
Kein Vertrauen in die CDU
Was dagegen die CDU um Stefan Evers, die sich als goldener Mittelweg zwischen „Linksrutsch“ und „Rechtsruck“ zu empfehlen versucht hat, offenbar nicht verstanden hat, ist, dass es in einem derart polarisierten politischen Klima schlichtweg nicht ausreicht, nur das kleinere Übel sein zu wollen – und dass es zum Beispiel Menschen gibt, die deshalb AfD wählen, weil sie aus schmerzlicher Erfahrung nicht mehr daran glauben, dass die CDU sie und ihre Kinder vor dem Gender- und Intersektionalismus-Wahn beschützen kann und will.
In einer am Wahlabend veröffentlichten Umfrage von Infratest dimap erhielten die Aussagen, die CDU habe „kein Gespür für die Sorgen der einfachen Leute“ und man wisse nicht mehr, „wofür sie eigentlich steht“, sogar unter denjenigen Berlinern hohe Zustimmungswerte, die die Partei trotzdem gewählt haben. Eine alte wahlkampfstrategische Weisheit besagt, Wahlen würden in der Mitte gewonnen. Zu fragen wäre indes, ob diese Faustregel womöglich nur dort zutrifft, wo es ein Zweiparteiensystem oder zumindest zwei annähernd gleich große politische „Lager“ gibt. Die Ergebnisse der jüngsten Landtagswahlen in Deutschland vermitteln jedenfalls eher den Eindruck, dass sie in der Mitte verloren wurden.
Der Autor ist promovierter Geisteswissenschaftler und publiziert zu Kultur und Zeitgeschehen.
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