Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Großen ihre Vollmacht gegen sie gebrauchen.“ Die von Matthäus überlieferten Worte Jesu – sie schienen an einem historischen Wendepunkt plötzlich überwindbar. Nach dem Ende des Ancien Régime und der Ausbreitung von Demokratien hofften die Menschen auf neue Modelle gerechter Herrschaft. Und heute?
Wo etwa steht die Welt 250 Jahre nach der Gründung der USA und ihrem bis heute ausstrahlenden Freiheits- und Gerechtigkeitsversprechen?
In modernen Demokratien gelten Regierende und Politiker als „Angestellte“ des Volkes. Sie sind dem Gemeinwohl verpflichtet, sollen für Sicherheit und Wohlergehen des Souveräns sorgen, in dessen Auftrag sie politische Macht ausüben. Soweit die Theorie. Doch nicht jeder, der ein öffentliches Amt bekleidet, hat stets in erster Linie das Gemeinwohl vor Augen.
Denn wer über Macht verfügt, schafft mitunter Regeln, von denen er selbst profitiert. Demokratien kennen Sonderstellungen und Privilegien – von der Immunität über besondere Versorgungsregelungen bis hin zu Vergünstigungen. Macht eröffnet die Möglichkeit, den eigenen Vorteil im Blick zu behalten. Im Extremfall reicht das bis zur offenen Korruption. In dem Zusammenhang lohnt der Blick auf jenen Politiker, den Papst Johannes Paul II. im Jahr
2000 zum Patron der Regierenden und Politiker ernannte: den englischen Lordkanzler Thomas Morus, der bereits 1886 selig- und 1935 heiliggesprochen worden war.
Zwischen Krone und Gewissen
Thomas Morus (geb. 1478) war längst zum engen Vertrauten König Heinrichs VIII. geworden, als dieser ihn 1529 zum Lordkanzler ernannte. Als Heinrich jedoch die Annullierung seiner kinderlosen Ehe mit Katharina von Aragon von Papst Clemens VII. nicht erwirken konnte, erklärte sich der König zum Oberhaupt der Kirche in England. Morus trat dann als Lordkanzler zurück. 1535 wurde er vorgeladen, den Eid auf den vom Parlament verabschiedeten „Act of Succession“ abzulegen, der die Legitimität der Kinder Heinrichs mit Anne Boleyn bestätigen sollte. Weil Morus sich aus Gewissensgründen weigerte, wurde er ebenso wie John Fisher zum Tode verurteilt.
Auf Robert Bolts Bühnenstück „Thomas Morus“ („A Man for All Seasons“) basierend – Bolt verfasste auch das Drehbuch –, entstand 1966 unter der Regie Fred Zinnemanns die Verfilmung der letzten Lebensjahre des englischen Staatsmannes. Meisterhaft geschrieben und inszeniert, besticht „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“ durch Paul Scofields Darstellung eines Mannes, dessen Festigkeit nichts Demonstratives besitzt.
Das entscheidende Stilmittel, mit dem Zinnemann den Gewissenskonflikt des Lordkanzlers darstellt, ist das Schweigen. Morus sucht nicht den Konflikt mit dem König, er ruft nicht zum Widerstand auf und will auch andere nicht von seiner Haltung überzeugen. Er schöpft vielmehr die Möglichkeiten des Rechts aus, um seinem König treu bleiben zu können, ohne sein Gewissen zu verraten. Morus spricht sich nicht gegen Heinrich aus, verweigert jedoch seine Zustimmung zum „Act of Succession“. Cromwell deutet selbst dieses Schweigen als Missbilligung.
Morus’ Haltung lässt sich nicht auf den Gegensatz von Gehorsam und Widerstand reduzieren. Seine Loyalität gegenüber Heinrich VIII. ist echt, aber keine bedingungslose Gefolgschaft. Obwohl Freunde und Familie ihn drängen, den Eid abzulegen, und obwohl er weiß, was ihm bevorsteht, weigert sich Morus, einem staatlichen Gesetz zuzustimmen, das nach seiner Überzeugung dem göttlichen Gesetz widerspricht. Dabei verlangt der Staat scheinbar wenig von ihm: einige Worte, einen Eid, eine Unterschrift. Doch Worte können eine Wahrheit behaupten, die Morus nicht anerkennen kann.
Eine unbequeme Aktualität
Darin liegt die Aktualität von „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“. Heute wird politische Loyalität nicht selten mit Nibelungentreue zur Führung verwechselt. Das Gewissen gilt andererseits als Recht, subjektive Überzeugungen zum letzten Maßstab zu erheben. Morus fragt aber weder danach, welche Haltung ihm nützt, wie er seine Stellung retten kann, noch auf welcher Seite die Mehrheit steht. Ebenso wenig macht er sein Gewissen zum Mittel politischer Selbstinszenierung. Gewissen bedeutet für ihn nicht einfach „sich selbst treu“ zu bleiben, sondern sich einer Wahrheit verpflichtet zu wissen, die dem eigenen Interesse vorausgeht.
Selbst nach seiner Verurteilung hält Morus dem König die Treue. Seine Treue hat aber Grenzen. Dass Morus der politischen Autorität als Prinzip verbunden bleibt und ihr dennoch widerspricht, ist heute nicht mehr verständlich. Er achtet das Amt, ohne seinem Inhaber bedingungslos zu folgen. Dem Machtanspruch des Königs setzt er nicht seinen eigenen entgegen. Er verweigert ihm lediglich den Zugriff auf sein Gewissen.
Seine letzten Worte, ehe er im Londoner Tower enthauptet wird, bringen diese Rangordnung auf den Punkt: „Ich sterbe als treuer Diener des Königs, aber vor allem als treuer Diener Gottes.“ Der herausragende Spielfilm gewann sechs Oscars, darunter die Auszeichnungen als bester Film, für den besten Hauptdarsteller und für die beste Regie. Seine Botschaft hat ihre Aktualität bis heute bewahrt.
Der Autor schreibt als Historiker aus Berlin.
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