Nach Diktatur und Krieg: Flucht und Vertreibung gehörten zum Schicksal der Deutschen. Die regulierte oder auch als „ordnungsgemäß“ bezeichnete „Aussiedlung“ (tschechisch „odsun“) der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei: Alles sollte laut Dekret eigentlich „human und menschlich“ verlaufen. So hatte es der tschechoslowakische Präsident Edvard Beneš in seiner Rede vor der Nationalversammlung am 28. Oktober 1945 behauptet. Der Titel der Ausstellung, die noch bis Januar 2027 im Sudetendeutschen Haus in München zu sehen ist, „stellt dies in Frage“, wie auf der ersten Tafel am Eingang der Ausstellung vorsichtig formuliert zu lesen ist. Vor allem Texte, auf Band gesprochene Aussagen der Vertriebenen und Gegenstände, die sie retten konnten, rücken Beneš ins Zwielicht. Sie erzählen von Leid, von Angst und unvorstellbarer Gewalt, die die Menschen noch nach Jahren in Traum und Gedanken verfolgen. Eine eindrückliche künstlerische Installation in der Ausstellung gibt dem Besucher eine Ahnung davon. Unscharfe Filmausschnitte, Schatten, die sich auf eine Tür zubewegen, die letzten Momente im eigenen Haus, die Umrisse einer Kindergestalt, die an der Luke eines Eisenbahnwaggons hängt. Was sich in Worten kaum ausdrücken lässt, der Albtraum schrecklicher Tage, Wochen und Monate, huscht an den Wänden entlang.
Theresia Beichl, die mit über hundert Jahren 2022 in Friedberg starb, erzählt in einem Tondokument mit leiser Stimme, wie sie mehrfach von Soldaten der Roten Armee auf der Flucht aus ihrer Heimat bei Nikolsburg und dann noch in Niederösterreich vergewaltigt wurde: „Ich war von diesem Moment an, als das mit der Vergewaltigung passiert ist, eigentlich nicht mehr lebensfähig.“ Was sie am Leben erhielt, war ihr Kind. Ein Taschentuch, auf das eine sudetendeutsche Adelige Namen und Adressen in Deutschland, Österreich und den USA notiert hatte, hatte sie vermutlich in ihre Kleidung eingenäht, um sie nicht zu vergessen. Persönliche Papiere, gerade auch Wertgegenstände, wurden eingenäht, versteckt. Im Sammellager, in dem sich die Sudetendeutschen oft bei Androhung der Todesstrafe einzufinden hatten, durchsuchten die tschechischen Kontrolleure alle Gepäckkisten und Kleidungsstücke und konfiszierten, was ihnen wertvoll erschien. In einer Vitrine sind Pelze, aber auch eine Monstranz zu sehen. Es sind diese Gegenstände, die die Rechtlosigkeit, die Demütigung und die oft unterschätzte psychische Gewalt deutlich machen, von der auch Theresia Beichl erzählt. Sie, die niemandem etwas angetan hätte, wurde von den tschechischen Kommissaren als „deutsche Sau“ beschimpft. In einer anderen Vitrine sind Schlüssel aufgereiht, die die Vertriebenen mitnahmen, in der sinnlosen Hoffnung, irgendwann wieder in ihre Häuser zurückkehren zu können.
Achtzig Prozent der Sudetendeutschen mussten in Viehwaggons, auf endlosen Wanderungen, angetrieben von unbarmherzigen Schergen der neuen Machthaber, ihre angestammte Heimat verlassen, ohne jede Hoffnung auf Rückkehr. Ein ausgestellter Sack mit den wenigen erlaubten Habseligkeiten trägt das aufgenähte Schild „Emma Schmidt, Korni Holcovice 49, okres Krnov“, eine schwarze Truhe trägt die mit weißer Farbe aufgetragene Schrift „Melitta Ludwig, Altstadt No. 4, Kreis Freudenthal“ – einfache, banale Gegenstände, die für das traurige, gewaltsame Ende eines jahrhundertelangen Lebens in Böhmen und Mähren stehen. Über zwei Trassen fuhren die Züge mit den Vertriebenen in die US-amerikanische und in die sowjetische Besatzungszone Deutschlands. Über Durchgangslager kamen sie an ihre Bestimmungsorte, wo sie durchaus nicht immer willkommen waren. „Nicht selten wurden Neuankömmlinge unter Polizeischutz zwangsweise eingewiesen“, heißt es im einschlägigen Text der Ausstellung. Viele Vertriebene mussten über Jahre in Barackenlagern leben. In diesen lebten in Bayern noch 1949 etwa 100. 000 deutsche Flüchtlinge und Vertriebene. Zwischen Mai und August 1945 flohen schätzungsweise 700. 000 Sudetendeutsche in die beiden sowjetischen Besatzungszonen in Deutschland und Österreich, die Zeit der „wilden Vertreibung“, die mit den alliierten Siegermächten nicht abgestimmt und von unvorstellbar brutalen Exzessen begleitet war. Mindestens 30. 000 Sudetendeutsche verloren dabei ihr Leben. Der Künstler Helmut Hellmessen stellte in den 1990er-Jahren in einer bedrückenden Grafik einen Heimatvertriebenen mit der N-Armbinde für „Nemec“ (Deutscher) dar, gebückt, gedemütigt und geschlagen.
Kinder, Koffer und die Gegenwart
Die Ausstellung erwähnt auch das Schicksal der Kinder, denn ein Fünftel der Vertriebenen war unter 15 Jahre alt. Erzwungene Migration, wie sie die Vertreibung der Sudetendeutschen darstellt, wird von freiwilliger Migration unterschieden. In einer Vitrine hängt der Blaumann des türkischen Gastarbeiters Mehmet Özsoy, der in den 1990er-Jahren bei BMW arbeitete, neben dem Mantel der vertriebenen Sudetendeutschen Berta Reilich (1926–2016) aus Zwickau in Böhmen. In den Mantelstoff wurden vor der Vertreibung wichtige Dokumente eingenäht und so gerettet. Wer sich diese kleine, aber intensive und hervorragend gemachte Ausstellung ansieht, der erhält nicht nur eindrückliche Einblicke in die persönlichen Erlebnisse der Vertriebenen und in die historischen Hintergründe. Der Besucher wird immer wieder auch an die Gegenwart erinnert. Vertreibung und Flucht seien „keine Ereignisse der Vergangenheit“, denn „auch heute befinden sich weltweit rund 50 Millionen Kinder auf der Flucht“. Auch Europa ist wieder Schauplatz gezielter Vertreibung durch Krieg und Terror. Seit Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine wurden viele Millionen Menschen innerhalb der Ukraine vertrieben oder sie flohen außer Landes. Präsident Václav Havel verurteilte die Vertreibung der Sudetendeutschen, aktuell drücken es die wahrhaft humanen Worte von Markéta Vanková, der Bürgermeisterin von Brünn/Brno, aus: „Das Böse bleibt böse, und die einzige Möglichkeit, den Weg in die Zukunft zu ebnen, ist die Versöhnung.“
Vertreibung als offene Wunde
Fragen an Holger Kruschina, Vorsitzender des Sudetendeutschen Priesterwerks
Seit langem befassen Sie sich mit der Glaubens- und Vertreibungsgeschichte der Sudetendeutschen. Wie sehen Sie aus christlicher Perspektive die Vertreibung und den Versöhnungsprozess?
Erfahrenes Leid und Ungerechtigkeit gehören wahrscheinlich zu 95 Prozent aller Biografien und insofern zum Menschsein dazu. Ebenso gehört dazu, dass es die meisten von uns schaffen, diese Erfahrung zu verarbeiten. Die historische Vertreibung der Sudetendeutschen ist eine kollektive Erfahrung – man ist solidarisch, kann sich in der Verhärtung genauso verstärken wie im Heilungsprozess. Ich finde, dass das in Wellen immer parallel verlaufen ist und sich einzelne Gruppierungen mit denselben Zielen gefunden und neu erfunden haben. Der Versöhnungsprozess ist von vielen Menschen immer wieder angestoßen worden, inzwischen aber auch ein Anliegen aller Generationen, hüben wie drüben. Das ist eine Folge der bundesdeutschen Integrationsgeschichte nach der Vertreibung und der Möglichkeit einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte in den nachkommunistischen Ländern. Ich finde, dass sich da in den letzten Jahren sehr viel bewegt hat, das freut mich für alle – aber auch ganz persönlich.
Gibt es besondere Aspekte der Seelsorge an den Vertriebenen und deren Nachfahren?
Hier gilt es vor allem allen entgegenzutreten, die „das alte Zeug" ruhen lassen wollen. (Das gilt auch für geschichtsklitternde Parteien...) Gerade aus der Seelsorge weiß ich, wie im Alter Dinge auf einmal präsent sind, die man längst vergessen oder verarbeitet geglaubt hat. Zutiefst verunsicherte oder fehlende Eltern oder wunde Punkte, die nicht angesprochen werden dürfen, prägen sogar, wenn man damals noch ein Kleinkind war. Und auch wenn die „Erlebnisgeneration" endgültig von uns gegangen ist, werden sich das Narrativ und das Generationengedächtnis noch ca. 50 Jahre auswirken – da gibt es für Seelsorgende noch viel Arbeit.
Haben sich im Laufe der Zeit besondere kirchliche Formen der Zusammenarbeit und Versöhnung zwischen Tschechen und Sudetendeutschen entwickelt? Welche Persönlichkeiten spielen hier für Sie eine besondere Rolle?
Ich selbst bin erst vor rund 20 Jahren zum Sudetendeutschen Priesterwerk und zur SL gestoßen. Prägende Figuren der ersten Jahrzehnte nach dem Krieg sind mir im Wesentlichen kein Begriff. Ich finde aber, wenn sie ihre Arbeit richtig gemacht haben – in der Sache proaktiv und immer wieder neue Menschen für die Idee der Versöhnung findend –, dann ist das sogar ein gutes Zeichen. Neben den unzähligen Einzelinitiativen, vor allem für den Erhalt von (kirchlichem) Kulturgut in der „alten" Heimat, möchte ich die Ackermanngemeinde und unser Sudetendeutsches Priesterwerk herausgreifen, wo sich Menschen auch verbandlich und längerfristig verpflichtet haben, an der Idee weiterzuarbeiten. Patenschaften von Diözese zu Diözese, institutionelle Unterstützung durch kirchliche Hilfswerke wie Renovabis – da gäbe es viel Positives zu benennen.
Der Autor ist Theologe und forscht als Historiker zu Osteuropa.
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