Klassiker sind Autoren mit Tiefgang. Sie gleichen einem Bergwerk, aus dem im Laufe der Zeit immer neue Schätze ans Tageslicht gefördert werden. Daher haben Klassiker immer ein hohes News-Potenzial. So meinte der Angsttherapeut Dietmar Luchmann während des Lockdowns 2020 bei der Lektüre von Johann Peter Hebels (1760–1826) Geschichte „Der geheilte Patient“ (1811), eine frühe Form der Schreibtherapie entdeckt zu haben. Die heitere Geschichte handelt von einer Fernheilung durch den Brief eines Arztes an seinen Patienten. Luchmann fand diese alte Methode des Briefeschreibens nachhaltiger als eine Videokonferenz mit dem Patienten. Er nannte das Verfahren „Schriftliche Kognitive Psychotherapie“ (SKPT).
Im „Rheinischen Hausfreund“ veröffentlichte Johann Peter Hebel heitere, bewegende oder lehrreiche Anekdoten aus der Welt des Menschlichen und Allzumenschlichen. Der Kalender erreichte schließlich eine Auflage von 50.000 Exemplaren. Goethes Verleger Johann Friedrich Cotta (1764–1823) brachte eine Auswahl heraus, die sich überaus gut verkaufte. Jetzt sind diese Kalendergeschichten von Andreas Mauz unter dem Titel „Merkwürdigkeiten“ (Wallstein Verlag) neu ediert und kommentiert worden. Der Schulmann und Erzieher Hebel wollte unterhalten und belehren. Dass eines fernen Tages seine berühmte Geschichte „Unverhofftes Wiedersehen“ in Sinnabschnitte gegliedert würde, um anschließend eine Inhaltsangabe zu schreiben, lag gewiss außerhalb seiner Vorstellungskraft. Hebel unterrichtete in Karlsruhe die Fächer Hebräisch, Griechisch, Latein, Rechnen, Buchführung und Briefeschreiben. Nebenbei schrieb er Gedichte in alemannischer Mundart.
Klassiker mit Widerstandskraft
Noch immer werden seine Geschichten im Deutschunterricht traktiert. Doch eignet einem echten Klassiker pädagogische Resilienz. Darin gleicht er den Glaubensdingen: Was Mütter, Gemeindehelferinnen und Priester im kirchlichen Unterricht vermitteln, mag nach der Firmung rasch von der Oberfläche des Lebens verschwinden. Doch tief verborgen im Bergwerk der Seele bleibt die Substanz. Und irgendwann mag es im Lebenslauf ein unverhofftes Wiedersehen mit einst gelernten Gebeten, Liedern und Ritualen geben.

Hebels Themen sind zeitlos: Damals wie heute werden Kinder erwachsen und verlassen das Vaterhaus. Vielleicht ziehen sie in eine andere Stadt oder ein anderes Land. Ein Besuch in der schwedischen Provinz Dalarna kann dabei zu einem wahrhaft unverhofften Wiedersehen anderer Art führen. In unmittelbarer Nähe liegt die Stadt Falun. Jeder Schwedenfan kennt ihren Namen und verbindet ihn mit der kräftigen roten Farbe, mit der man in Schweden die Holzhäuser streicht. Falunrot wird sie genannt und ist ursprünglich ein Abfallprodukt aus dem Bergbau. Dänischrot heißt sie im Nachbarland.
Plötzlich ist in der schwedischen Bilderbuchlandschaft Johann Peter Hebel aus der Schulzeit wieder gegenwärtig. Der Inhalt seiner Geschichte ist im Gedächtnis geblieben. Acht Tage vor der Hochzeit kommt ein junger Bergmann in den Bergwerken von Falun ums Leben. Fünfzig Jahre später wird seine durch Eisenvitriol konservierte Leiche entdeckt und geborgen. Nun steht die vom Leben gebeugte Braut vor dem jugendlichen Leib ihres Geliebten, dem sie ein Menschenleben lang die Treue gehalten hat. Sie holt die Leiche in ihre Wohnung. In großer Gelassenheit erlebt sie das kirchliche Begräbnis. Gott, der den Geliebten aus der Tiefe der Erde erhoben hat, werde ihn gemeinsam mit ihr einst aus dem Grab ins ewige Leben holen. Das lässt Hebel die Alte so ruhig, so selbstverständlich und mit so großer Gewissheit sagen, als gäbe es keine Glaubenszweifel.
Hebel lässt den Leser raten
Hebel ist ein Lehrmeister der höheren Heiterkeit, der Zuversicht und des Gottvertrauens. War er wirklich so gelassen? Mit dreizehn Jahren Vollwaise, musste er sich ohne familiären Rückhalt durchs Leben schlagen. Er war fleißig und recht klug. So fand er Gönner, die seine schulische Ausbildung förderten. Er studierte Theologie und wurde Lehrer, Schulleiter und Prälat seiner Kirche. Geheiratet hat er nicht.
Das Bergwerk ist ein hervorragender Ort zur Einübung in Gelassenheit und Gottvertrauen. Goethe besaß beides, als er über Leitern in die Gruben des Harzes hinabstieg. Heine dagegen hatte Angst. Er ließ sich von den Bergleuten über die Gebete vor dem Abstieg informieren. Hebel zeigt eine Frau, die den Blick auf den jugendlichen Leichnam aushält. Seine eigenen Nerven dagegen waren schwach und zuweilen durch hypochondrische Episoden gereizt. Er mied den Blick auf Tote.
Wer vor der Wahl steht, das Haus des berühmten schwedischen Malers familiärer Idylle, Carl Larsson, zu besuchen oder über eine lange Treppe in das Bergwerk von Falun hinabzusteigen, kann sich für den Descensus ad inferos entscheiden. Die Führerin versorgt die Gruppe mit Helmen und roter Schutzkleidung. Dann geht es in die Tiefe. An einem Sammelpunkt angekommen, stehen die Besucher vor verschiedenen Eingängen in den unterirdischen Irrgarten. Manchem wird dabei mulmig – und Hebels Geschichte mag daran nicht ganz unschuldig sein.
Ein Anruf nach oben
Hebel klammert psychologische Fragen aus. Fünfzig Jahre hatte die alt gewordene Frau ihrem Bräutigam die Treue gehalten. Woher nahm sie ihre Zuversicht? Hatte sie Tage des Spleens? War sie zuweilen verzweifelt? Hatte sie Angstträume von den unterirdischen Gängen? Die Anekdote setzt diese Fragen beim Leser frei. Die Antwort muss er selbst finden, vielleicht durch therapeutisches Schreiben.

Bergwerksführerinnen sind auf starke emotionale Reaktionen der Besucher vorbereitet. Ein Anruf nach oben – und schon kommt ein Engel und führt den Beklommenen wieder ans Licht. Hebel glaubte an Engel, aber nicht an Wunder: „Wollen wir nun unter Engeln vernünftige Wesen verstehen, die uns an Geisteskräften charakteristisch übertreffen, so ist auch der Vernunft nichts begreiflicher, als dass es Engel geben müsse“, bekennt er ganz im Sinne einer Theologie der Aufklärung. Doch greifen weder Engel noch Teufel in den Lebenslauf eines Menschen oder gar in den Lauf der Welt ein. „Wir Erdenkinder sind einer des anderen Engel, einer des anderen Teufel, mancher sein eigener.“
Die Zigarre ging ihm nicht aus
Es ist dem Wallstein Verlag zu danken, dass mit der kommentierten Lese- und Studienausgabe in sechs Bänden die ganze Vielfalt des Hebelschen Kosmos lesbar geworden ist. Hebels Engel in Menschengestalt hieß Gustave Fecht (1768–1828). In den späten Briefen an die geistliche Freundin berichtet er ausführlich von seinen körperlichen Beschwerden. Oftmals weiß er selbst nicht, ob sie hypochondrischer Natur sind.
Hebel war kein Kostverächter. Viele seiner Geschichten spielen in Wirtshäusern. Unter den Vierteleschlotzern fühlte er sich wohl. Dann aber kam die Zeit, in der er weder Wein noch Kaffee vertrug. Das Rauchen gab er jedoch nicht auf. Immer wieder klagt er über Magenprobleme. Mit 65 Jahren denkt er an den Ruhestand. Aber fünf Jahre möchte er noch weiterarbeiten, dann gehe er „alle Morgen, wie es alten Leuten geziemt, in die Kirchen, in die Betstunden und schreibe fromme Büchlein, Traktätlein.“
Hebel nimmt seine nachlassenden Kräfte mit Humor. Er nehme die halbe Gesundheit, schreibt er Gustave Fecht, für die ganze. Dann klagt er aber doch über Atemnot und Angstzustände: „der enge Atem und die innere Bangigkeit und Unruhe“ nähmen ihn in Anspruch. „Einmal muss Etwas kommen.“ Ein Jahr vor seinem Tod fesselt ihn ein lang anhaltendes Fieber ans Bett. Er hat Schmerzen in den Gliedern, Schweißausbrüche und Atemnot und leidet unter hypochondrischen Beschwerden.
Protestantisch verorteter Literat
Im September 1826 hält Hebel Examensprüfungen in Mannheim und Heidelberg ab. Wieder macht sich sein Magenleiden bemerkbar. Er muss seine Dienstreise unterbrechen. Hebels Hausarzt, Hofrat Dr. Seubert, und weitere Spezialisten werden gerufen. In der Nacht vom 21. auf den 22. September 1826 stirbt Hebel. Die vorgenommene Sektion ermittelt als Todesursache Darmkrebs.
Im Evangelischen Namenskalender ist Hebels Todestag zum Gedächtnis festgehalten. Seine Nacherzählungen biblischer Geschichten wurden auch in katholischen Schulen gelesen. Dass er einmal mit der katholischen Kirche in Konflikt geraten würde, lag außerhalb seiner Absicht. Die Geschichte „Der fromme Rat“ erzählt von einem jungen Burschen, der zufällig zwei Prozessionen begegnet. Beide Priester halten die Monstranz in die Höhe. Vor welchem Allerheiligsten soll der junge Mann nun auf die Knie sinken? Ein Geistlicher gibt die Antwort, indem er mit dem Finger auf den Himmel weist: vor Gott allein! Das fand die Kirche gar nicht lustig und ließ die gesamte Auflage des Jahres 1814 verbieten.
Der Autor ist promovierter Theologe und habilitierter Kulturwissenschaftler.
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