Es ist, als würde Metz an diesem Montagmorgen die Luft anhalten. Doch nur bis um 9.20 Uhr. Dann läuten gleichzeitig alle Kirchenglocken. In dem Moment, in dem Papst Leo XIV. am Flughafen Metz-Nancy-Lothringen planmäßig hätte eintreffen sollen. Tatsächlich landete das Flugzeug aus Lourdes schon früher. Immer mehr Polizeiwagen und Motorräder kurven nun durch das Zentrum der 120.000-Einwohner-Stadt. Nebenstraßen sind mit eisernen Gittern verriegelt. Dahinter sammeln sich nach und nach die Menschenmassen. 35.000 Besucher, wie französische Medienportale später berichten, kommen im Laufe des Tages nach Metz. Klassische Musik ertönt aus den Lautsprechern am „Congrès Robert Schuman“, dem gläsernen Gebäude am Hauptbahnhof, wo der Papst den Vormittag verbringen wird. Hier halten nun schwarze Mercedes-Kleinbusse, aus denen Bischöfe aussteigen. Der Gehsteig füllt sich. Fast die gesamte französische Bischofskonferenz ist zu sehen. Über die Lautsprecher wird der Papst offiziell begrüßt. Die Menschenmassen jubeln, auch wenn sie ihn nicht sehen. Es ist 10 Uhr, Zeit für das „Interreligiöse Treffen“.
An katholischen Orten hat Frankreich, die älteste Tochter der Kirche, genug zu bieten: Der Papst hätte zum Grab des heiligen Pfarrers von Ars reisen können, in den Wallfahrtsort Paray-le-Monial oder nach Lisieux zur heiligen Thérèse. Doch er entschied sich für Metz, die Stadt an der Mosel im ehemaligen Lothringen. Weil sie ein „Knotenpunkt im Herzen des Kontinents“ sei, erklärt der Papst. Metz steht für die Überwindung der deutsch-französischen Feindschaft. Und außerdem lebte hier der EU-Pionier Robert Schuman, dessen Seligsprechungsverfahren läuft. „Dieser Mann des Glaubens und der Überzeugungen verstand es, die alten Bruchlinien in Brücken der Hoffnung für ganz Europa zu verwandeln, und wurde zu einem wahren Botschafter der Einheit in der Vielfalt. Als religiöse Männer und Frauen ist es unsere gemeinsame Verantwortung, seinem Beispiel folgend Zeugnis davon zu geben, dass es, über alle Grenzen hinweg, stets möglich ist, einander zu begegnen, Freundschaften zu schließen und Frieden zu stiften“, führt Papst Leo aus.

„Wie Papst Leo in Frankreich”
Der Saal ist bis in die letzte Ecke mit Menschen gefüllt; auch mit hochrangigen Religionsvertretern: der griechisch-orthodoxe Metropolit und der Großrabbiner Frankreichs, der Rektor der Großen Moschee von Paris und Vertreter des Protestantismus und Buddhismus sind gekommen. Die Religionen, sie seien „Hüterinnen des Lebens“, fährt Papst Leo fort. „Die Größe einer Zivilisation misst sich nicht an ihren materiellen Errungenschaften, sondern daran, wie sie sich um den Menschen kümmert, ihn schützt und ihn fördert.“ Religionen bekräftigten diesen „heiligen Wert“.

Draußen, vor dem Kongresszentrum, patrouilliert die „Garde républicaine“. Mehrheitlich sind es Frauen. Sie tragen goldene Metallhelme mit rotem Federbusch daran, marienblaue Uniformjacken und weiße Hosen. Es ist warm, die Sonne prallt auf den Platz. Mitarbeiter von MoselleTV und anderen französischen Sendern, aber auch von ARD und RTL stehen hier mit Kamera und Mikrofon. Jeden Moment kommen der französische Staatspräsident Emmanuel Macron und seine Frau Brigitte. Sie verspäten sich um eine halbe Stunde. Später sagt der Präsident freundschaftlich zu Papst Leo, ab jetzt heiße es nicht mehr „Wie Gott in Frankreich” sondern „Wie Papst Leo in Frankreich”. Für elf Uhr ist eine Begegnung unter dem Motto „An den Wurzeln Europas für Frieden und Einheit“ angesetzt. Sie wird nach hinten verschoben, inklusive der Rede von Papst Leo. „Ich denke vor allem an die Jugend. Den jungen Menschen möchte ich sagen: (…) Liebt das Leben in jedem Augenblick und habt keine Angst vor der Zukunft“, sagt er, als es endlich weitergeht. Auch Fürst Albert von Monaco und seine Frau Charlène sind gekommen.

Apropos die Jugend: Für sie sei es bestärkend, den Papst im eigenen Land erlebt zu haben. Ganz anders, als würde man ihn in Rom besuchen, sagt ein Familienvater aus Colmar. Wer einen Weltjugendtag besucht hat, dem dürfte die Stimmung in Metz bekannt vorkommen. Am Nachmittag positionieren die Besucher sich entlang der Route, auf welcher der Papst zur Kathedrale St. Etienne fährt. Man hört Lieder der Gemeinschaft Emmanuel und sieht Menschen den Rosenkranz beten. Hin und wieder animieren Jugendliche die Massen dazu, im geklatschten Rhythmus laut „Papa Léone“ zu rufen. Die Polizei kontrolliert an den Kreuzungen ganz genau. Rucksäcke werden ausgepackt, teilweise auch von Schäferhunden geprüft.
Ziel erreicht: Papst segnet Baby
„Das ist der einfachste und schnellste Weg, um Papst Leo zu begegnen. Wir lieben ihn und finden den Papst sehr wichtig für unseren katholischen Glauben. Wir erwarten, durch seinen Segen gestärkt zu werden. Es ist ein sehr intelligenter Mensch und denkt gut nach über das, was er sagt. Ich habe viel Vertrauen in ihn“, begründet Pater Cornelius seine Anwesenheit. Er ist mit anderen Mitgliedern seiner „Gemeinschaft der gekreuzigten und auferstandenen Liebe“ aus Maastricht angereist. Während sie auf den Papst warten, picknicken sie auf Klappstühlen am Straßenrand. Daneben spielen Kinder, drei jugendliche Jungen drehen ein Tiktok-Video zum Papstbesuch.

Neben der Banque de France hält eine Mutter ihr einen Monat altes Kind auf dem Arm. Ihre erklärte Absicht: „Der Papst soll es segnen.“ Das ist nicht leicht in dem Gedränge. Sie hat dennoch einen der begehrten Plätze direkt hinter der Absperrung bekommen. Hinter einer Kurve Richtung stadtauswärts werden die Menschen nun lauter und schwenken Fahnen. Eine Kolone von Polizeiwagen biegt um die Ecke. Da ist endlich das Papamobil, aus dem Papst Leo mit ruhigen Gesten und gütigem Lächeln die Menschen grüßt! Die Mutter hält ihr Kind noch höher. Das Papamobil hält tatsächlich bei ihr an. Der Papst zeichnet dem Baby ein Kreuz auf die Stirn und fährt weiter. Die Mutter ist begeistert. „Es bedeutet mir sehr viel, dass der Papst mein Kind gesegnet hat. Das ist ganz besonders für uns als gläubige Katholiken“, erzählt sie den Reportern, die sie nun mit Fragen bestürmen.

„Es war ein Fest”
Um kurz vor vier erreicht der Papst die Kathedrale St. Etienne. Sie wird „Laterne des lieben Gottes“ genannt, weil sie unter anderem aus 6.500 Quadratmetern Glasfenstern besteht. In der Kathedrale und auf dem warten Messbesucher. Auf mehreren anderen großen Plätzen in der Stadt sind Leinwände aufgebaut, um die Messe zu übertragen. „Es scheint, als hätten die Baumeister die Mauern – die dennoch solide sind – auf ein Minimum reduzieren wollen, damit das Licht in Fülle zu den Gläubigen gelangen kann“, predigt Papst Leo. „Mit diesen Buntglasfenstern werden sie zu Büchern, die uns zusammenführen, um uns an wunderbare Geschichten zu erinnern – Geschichten voller Heldentum, des Guten, der Barmherzigkeit, der Liebe und der moralischen Schönheit –, von denen wir unsererseits großzügige und mutige Zeugen sein müssen. Das ist der Wunsch, den ich am Ende meiner Reise nach Frankreich voller Dankbarkeit und Zuversicht mit euch teile – für eure Gemeinschaft in Metz, die heute mehr denn je dazu berufen ist, ein Leuchtfeuer der Hoffnung für dieses Land, für Europa und für die Welt zu sein, und die ich den Gebeten der Jungfrau Maria und eurer Schutzheiligen anvertraue.“

„Es war ein Festtag für uns. Ein Aufbruch, ein Triumph“, sind sich auf der Rückfahrt zwei Besucher einig. Der Zug Richtung Strasbourg ist brechend voll, die Stimmung ausgelassen. Wildfremde Menschen reden hier miteinander. „Papst Leo erinnert mich ein bisschen an Johannes Paul II.“, meint ein Franzose. Nur, dass er Französisch mit einem leichten spanischen Akzent spreche – aber nichtsdestotrotz sehr gut.

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