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Wie ein Mönch in der Politik

In Metz ehrt Papst Leo den „Vater Europas“: Als gläubiger Katholik sah sich Robert Schuman in der Pflicht, das Gebot der Feindesliebe auf die Politik der Nachkriegszeit anzuwenden.
Robert Schuman
Foto: Imago/Piemags | Er stellte politische Weichen, die bis in die Gegenwart reichen: Robert Schuman während seiner Amtszeit als französischer Außenminister.

Hinter hohen Mauern liegt in der kleinen Ortschaft Scy-Chazelles, nur wenige Kilometer von Metz entfernt, ein ehemaliges Winzerhaus aus dem 18. Jahrhundert, das Robert Schuman 1926 erwarb. Hierhin, an den Hang des Mont Saint Quentin, von dem man auf die Mosel schaut, zog sich der Politiker zurück, wenn er Kraft schöpfen musste. Heute beherbergt ein moderner Erweiterungsbau ein kleines Museum. Unverändert sind jedoch die terrassenförmig angelegten Gärten und die kleine Kirche aus dem 12. Jahrhundert direkt gegenüber dem Eingang zum Winzerhaus. Oft ging Schuman nach einer Reise mit seiner Aktentasche zunächst in das Kirchlein, bevor er sein Haus betrat und in den Gärten Ruhe fand.

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Bereits 1919 war Schuman, damals 33 Jahre alt, als Abgeordneter Lothringens in das französische Parlament eingezogen. Pflichtgefühl zeichnete ihn aus. Ein Journalist beschrieb damals sein Auftreten im Parlament: „Schuman geht zu seinem Platz im Plenarsaal wie ein Mönch zu seinem Chorstuhl.“ Und Schuman selber sieht in der Politik seine Berufung: „Als ich 1919 zum ersten Mal zum Abgeordneten gewählt wurde, habe ich mich mit der Politik verheiratet“, schrieb er später. „Für mich war sie eine wirkliche Gattin, fordernd, oft unbeständig, aber ich bin ihr doppelt treu. Es gibt Männer, die sich zweierlei widmen können: ihrer Frau und ihrem Beruf, ich nicht. Ich hätte immer Angst, eines auf Kosten des anderen zu vernachlässigen.“ Zeit seines Lebens blieb Schuman unverheiratet.

Krise nach Unfalltod von Mutter

1886 in Luxemburg als Sohn wohlhabender, aber sparsamer Eltern geboren und als Jurastudent zunächst in Metz immatrikuliert, wirft ihn der Unfalltod seiner Mutter Eugénie 1919 aus der Bahn. In dieser Sinn- und Lebenskrise erwägt er auch, Priester oder Mönch zu werden. Sein Freund Henri Eschbach rät ihm ab, „weil in unserer Gesellschaft das Laienapostolat dringend notwendig ist und ich mir keinen besseren Apostel wie Dich vorstellen kann“, schreibt ihm der Freund. Später, in den 1950er-Jahren, hält Schuman fest: „Ich hätte Priester werden können … Während des Krieges wäre ich Feldgeistlicher geworden.

Aber ich habe vorgezogen, Atheisten leben zu helfen, statt Christen beim Sterben beizustehen.“ Das ändert jedoch nichts daran, dass der tief gläubige Katholik Schuman in das kirchennahe Milieu der damaligen Zeit eindringt. Als Student in Straßburg hatte er sich einem Vinzenz-Verein angeschlossen. Als junger Rechtsanwalt in Metz lernt er den dortigen Ortsbischof Willibrord Benzler kennen, den ehemaligen Abt der Benediktinerabtei Maria Laach. Dieser ermuntert Schuman zum Laienapostolat und ernennt ihn zum Verantwortlichen der diözesanen Föderation für Jugendliche mit 4 000 Mitgliedern. 1891 war die Sozialenzyklika „Rerum novarum“ von Leo XIII. erschienen und wurde so etwas wie der Gründungstext für die christliche Demokratie. Sie prägt Schuman und eine ganze Generation. Aber der wissbegierige Rechtsanwalt vertieft sich auch in die Philosophie des Thomas von Aquin und übernimmt dessen denkerische Dialektik, zunächst die Gegenargumente zu analysieren, um dann die eigene Position darzulegen und zu einer Synthese zu kommen.

Geprägt durch die Liturgische Bewegung

Schon 1913 hatten ihn samt einigen Freunden die Atmosphäre der Benediktinerabtei Maria Laach und die Liturgische Bewegung in den Bann gezogen. Schuman lernte Priester wie Pater Ildefons Herwegen kennen. Er und sein Bekanntenkreis stießen auch die Gründung eines katholischen Akademiker-Verbands an und Schuman gehörte zu den Organisatoren des Katholikentags des Jahres 1913 in Metz. Er trat der Görres-Gesellschaft bei und hatte sich während der Studienzeit in Bonn dem ältesten katholischen Studentenverein Deutschlands, der Unitas-Salia, angeschlossen. Das katholische Netzwerk, das den jungen Schuman prägte, war durchaus deutsch – nicht aber preußisch – geprägt, wollte aber die ängstliche und verkrampfte Haltung der Katholiken während der Kulturkampfzeit überwinden und einen Beitrag zu einer gesellschaftlichen und politischen Ordnung leisten, die sich von der christlichen Soziallehre getragen einem Europa des Friedens verpflichtet weiß. Der Erste Weltkrieg hat Schuman in dieser Haltung nur bestärkt.

Dass aber dem Politiker aus Lothringen, der erst nach Kriegsende französischer Staatsbürger geworden war, einst höchste Ministerämter zufallen würden, ja er Geschichte schreiben und den Ehrentitel „Vater Europas“ erhalten sollte, konnte damals noch keiner ahnen. Erst sollten die deutschen Nazis das alte Europa zerschlagen. Auf dessen Trümmern erwuchs schließlich eine neue Ordnung, die sich auch der Ideale bediente, die sich die Generation christlich inspirierter Politiker wie Robert Schuman in den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erarbeitet hatte.
Schuman war der erste Politiker Lothringens, den die Nazis im September 1940 wegen „deutschfeindlicher Einstellung“ verhaftet hatten.

Für Frieden und Einheit

Das macht ihn tauglich, nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur ein Abgeordnetenmandat in der Pariser Nationalversammlung anzustreben, sondern auch höchste Ministerämter zu übernehmen. Er wird 1946 französischer Finanzminister, 1947 Präsident des Ministerrats und 1948 Außenminister der Vierten Republik, was er bis 1953 blieb. Diese wenigen Jahre reichten Schuman, um ein historisches Friedensprojekt zu verwirklichen, das der Anlass dafür ist, dass Papst Leo XIV. am kommenden Montag Metz als dritten Ort seines Frankreichbesuchs ausgesucht hat, wo er im Kongresszentrum „Robert Schuman“ eine Grundsatzansprache über die „Wurzeln eines Europas für den Frieden und die Einheit“ halten wird.

Das Konzept für dieses Friedensprojekt ging als „Schuman-Plan“ in die Geschichte ein, obwohl es ursprünglich aus der Feder Jean Monnets stammt, der von 1946 bis 1950 erster Leiter des französischen Amts für Wirtschaftsplanung war. Während eines Skiurlaubs in den Alpen hatte Monnet ein Dossier angefertigt, das die Gründung einer Montanunion umriss, die vor allem Kohle und Stahl vergemeinschaften sollte und Deutschland, Frankreich sowie andere europäische Staaten zu einer Wirtschafts- und Zollunion zusammenführen und damit jeden Grund beseitigen sollte, wegen der Bodenschätze und der Stahlproduktion nochmals Kriege zu führen.

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Monnet lässt sein Dossier zu Schuman bringen, der sich still und einsam ein Wochenende lang in Scy-Chazelles mit diesem Plan beschäftigt, der im Kern eine einmalige historische Herausforderung darstellte: dem Erbfeind Deutschland die Hand zur Versöhnung zu reichen und mit einer supranationalen Behörde den Krieg unter Europäern unmöglich zu machen. Der gläubige Katholik Schuman rang sich an jenem Wochenende zu der Entscheidung durch, das christliche Gebot der Feindesliebe unmittelbar auf die praktische Politik anzuwenden. Vor der Nationalversammlung in Paris begründete er 1950 diesen Schritt: „Ich wusste genau, welche persönliche Verantwortung ich in diesem Moment übernommen habe. Ich habe keinen Sinn für Abenteuer, aber ich weiß, was meine Pflicht ist.“

In Übereinstimmung mit Konrad Adenauer

In Bonn regierte inzwischen Konrad Adenauer, der die Weitsicht des ihm von Schuman sofort zugespielten Plans erkannte und zustimmte. Der Plan führte schließlich zum Montan-Vertrag von Paris des Jahres 1951 und schließlich zur Eröffnung der Hohen Behörde in Luxemburg im August 1952: die Geburtsstunde der Europäischen Gemeinschaft, die in ihrem Kern nicht als wirtschaftliches Projekt erdacht worden ist, sondern als ein christliches Werk, das Europa einen dauerhaften Frieden bescheren sollte.

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