Es ist sechs Uhr morgens. In der Turnhalle werden Schlafsäcke zusammengerollt und Taschen gepackt. Die meisten haben nicht besonders gut geschlafen: Zu viele Menschen liegen in einer Halle, einer hat die ganze Nacht geschnarcht. „Es ist eigentlich nichts gegenüber dem, was man geschenkt bekommt“, sagt später eine Pilgerin, Ende dreißig. Vier Tage Wallfahrt bedeuten für sie schmerzende Füße, wenig Schlaf und Momente, in denen sie eigentlich nicht mehr weiterkann.
Draußen vor der Schule, in der die Pilger heute übernachtet haben, warten große Töpfe mit dampfendem Kaffee und Kakao. Dazu gibt es Brot, Butter und Aufschnitt. Die Luft ist frisch und feucht, über den Feldern hängt noch Morgendunst. Nach dem Frühstück versammelt sich die Gruppe zur Morgenandacht. Kurz darauf setzt sich ein langer Zug in Bewegung. Die ersten Kilometer führen durch Kohlfelder, die blauschimmernd an Meereswellen erinnern. Vorneweg das Kreuz, dahinter die Fahnen. Die Pilger gehen teils noch müde und schweigend durch den Dunst. Dann beginnt das erste gemeinsame Rosenkranzgebet. Ein Großteil der Strecke führt durch die Felder. Ein Priester steht zur Beichte bereit. Das Ziel liegt noch gut 30 Kilometer vor ihnen: Kevelaer. Insgesamt sind es 120 Kilometer von Köln bis zum niederrheinischen Wallfahrtsort, vier Tage zu Fuß.
„Wie ein nettes Familientreffen“
Es ist die siebte Köln-Kevelaer-Wallfahrt der Priesterbruderschaft St. Petrus, die die Wallfahrt organisiert. Der Zug bleibt stehen, Bernhard Weiskirch stimmt „Jubilate Deo“ an, immer mehr Stimmen fallen ein – das Zeichen für die erste Pause. Bernhard leitet das vordere Kapitel, ist zum fünften Mal dabei und inzwischen ehrenamtlicher Mitorganisator. Er achtet auf die Zeiten und schaut, dass es den Menschen gut geht. „Es ist wie ein nettes Familientreffen“, sagt er. Viele kenne man inzwischen, Freunde treffe man wieder. Zugleich kommen jedes Jahr neue Gesichter dazu. 2026 findet die Wallfahrt erneut als Sternwallfahrt statt: 144 Pilger kommen aus Köln, 98 aus dem niederländischen Nijmegen. In Köln starten etwa 80 Pilger, unterwegs schließen sich weitere an.
Auffällig ist das Alter: Der Durchschnitt liegt bei etwa 30 Jahren. Schüler, Studenten, Auszubildende und Pfadfinder sind dabei. Unter ihnen sind auch Konvertiten und Neugetaufte. Was bewegt diese Menschen dazu, zu Fuß zu einem Marienwallfahrtsort zu laufen? Ein 21-jähriger Arzthelfer wollte „Klarheit in den Alltag bringen“ und sich fragen, „was überhaupt mein Weg ist“. Besonders die geistlichen Gespräche mit den Petrusbrüdern haben ihn angesprochen. Dafür stehen während der Wallfahrt mehrere Priester und Seminaristen bereit.
Gemeinschaft, Gebet und Katechesen
Einer von ihnen ist Pater Mendler. Zeitweise ist der junge Pater mit Chorrock und Stola unterwegs. Er steht für Beichtgespräche zur Verfügung und ist immer wieder mit einem Pilger im Gespräch. Von den vier Tagen nimmt der 21-Jährige vor allem einen Wunsch mit: Gott wieder stärker in den Mittelpunkt seines Lebens zu stellen. Bei einer jungen Pfadfinderin war es dagegen die Kameradschaft, die den Ausschlag gab. Sie meldete sich erst am letzten möglichen Anmeldetag an und schloss sich in Wachtendonk der Gruppe an. Kevelaer kannte die 19-Jährige vorher kaum.
Besonders der letzte Abend bleibt ihr in Erinnerung. Im Kerzenschein sitzen ihre Pfadfinderfreunde mit Gitarren zusammen und singen. Andere Pilger kommen dazu. Nicht nur der Gesang, auch die überlieferte lateinische Liturgie spricht sie an. „So feierlich, festlich und würdig sei sie. Die Fülle der Symbolik und Zeichen sei eine Erfahrung, die sie in ihrem Alltag kaum machen könne. Während die Gruppe weiterläuft, wechseln Gebet, Gesang und Gespräche. Jeden Tag werden drei Rosenkränze gebetet und Katechesen von den Seminaristen der Petrusbruderschaft gehalten.
Eine kleine Demonstration des Glaubens
Die Wallfahrt erregt Aufmerksamkeit. Pferde und Kühe beobachten den Zug von den Weiden; in Dörfern und Städten bleiben Menschen neugierig stehen. Manche winken oder singen mit, andere fragen, was das für ein Zug sei. Pater Mendler, der bereits bei der ersten Wallfahrt dieser Art dabei war, damals noch als Seminarist, sieht darin einen Teil der Wallfahrt. Sie sei eine „kleine Prozession, eine Demonstration, weil man das Kreuz mittrage“. Man könne seinen Glauben bezeugen, ohne ganz allein dazustehen.
Das gilt auch für die Anstrengung. Nach der Mittagspause werden die Kilometer spürbar. Füße schmerzen, Beine werden schwer. Einer humpelt, einer lässt sich ins hintere Kapitel zurückfallen, ein anderer nimmt einem erschöpften Pilger die Fahne ab. Dazu regnet es am Sonntag fast den ganzen Tag. Wenn die Motivation nachlässt, beginnt ein Vorsänger mit der Allerheiligenlitanei. Die Gruppe wiederholt jedes Wort im Marschschritt: „Heilige Jungfrau Maria, bitte, bitt’ für uns.“ Die Stimmen werden kräftiger, die Melodie steigt. Als Refrain rufen alle „Viva, viva Cristo Rey.“
Das Gebet durchwirkt den ganzen Tag
Für viele sind diese Tage genau deshalb eine unglaubliche Glaubensstärkung. Man könne einfach katholisch sein, das Gebet durchwirkt den ganzen Tag. Alles, was man tut, ruht auf der Gemeinschaft mit Christus, ohne dass man besonders fromm sein muss. Auch ein Theologiestudent aus Köln, der vor einem Jahr zur katholischen Kirche konvertiert ist, spricht von dieser Gemeinschaft: „Alleine zu glauben ist kaum möglich“. Christus habe die Kirche gegründet, weil wir andere brauchen und andere uns brauchen.
Auf der letzten Etappe erklärt Pater Mendler den Pilgern noch einmal, was sie in Kevelaer erwartet. Tatsächlich wissen manche bis dahin kaum etwas über das Ziel dieses beschwerlichen Weges. Amüsiert und beeindruckt spricht er davon, wie erstaunlich es sei, dass Menschen 120 Kilometer zurücklegen, ohne genau zu wissen, wohin sie eigentlich laufen. Das Ziel ist das Gnadenbild Maria Trösterin der Betrübten. Der Kupferstich ist winzig klein, gerade elf mal 7,5 Zentimeter groß. Für die junge Pfadfinderin bekommt dieser Name plötzlich eine persönliche Bedeutung. Als sie hört, dass Maria dort als „Trösterin der Betrübten“ verehrt wird, sagt sie: „Da kann ich jetzt alle meine Anliegen und Sorgen hintragen.“
Das himmlische Ziel vor Augen
Dann wird die Turmspitze der Basilika sichtbar. Der Gesang wird lauter. Die Glocken sind zu hören, Fahnen bewegen sich über der Gruppe. „Großer Gott, wir loben dich“ erklingt. Aus den beiden Gruppen wird ein gemeinsamer Chor, ein spontaner Überchor entsteht. Die Pilger singen jetzt „Lauda Jerusalem Dominum“, als der Zug sich der Basilika St. Marien nähert. Die Pilger ziehen in die Basilika ein. Nach vier Tagen unter bewölktem Himmel ist der Kirchenraum ein überwältigender Kontrast. Über ihnen spannt sich ein blau-goldenes Himmelgewölbe, Wände und Decken sind überreich bemalt, dazu erklingt die Orgel. Viele stehen noch immer auf schmerzenden Füßen.
Doch gerade hier wird deutlich, worauf die vier Tage immer wieder verwiesen haben: Die Wallfahrt nach Kevelaer ist für die Pilger ein Bild für die eigentliche Pilgerschaft des Menschen zum ewigen Leben. Der Weg, die Anstrengung, das gemeinsame Gebet und schließlich der Einzug in die Kirche werden so zu einem Vorgeschmack auf dieses Ziel. Mit der Andacht vor dem Gnadenbild endet die Wallfahrt. Nach der heiligen Messe endet die Wallfahrt mit der Andacht vor dem Gnadenbild. Danach treten viele noch einmal einzeln heran und beten, manche weinen. Einen Moment lang ist jeder allein mit dem, was er vor die Gottesmutter gebracht hat. Dann geht es zurück, das irdische Ziel erreicht, das himmlische Ziel vor Augen.
Die Autorin arbeitet für den katholischen Sender EWTN.TV.
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