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Nachfolge mit Notenmappe

Chorproben in Italien statt Strandurlaub: Warum Kirchenmusiker jedes Jahr nach San Leo fahren.
Chorwoche in San Leo
Foto: Antje Rauh | Nach dem Konzert versammeln die Sänger sich vor der romanischen Kathedrale von San Leo. Eine intensiven Probenwoche endet, Freundschaften beginnen.

Die Grillen sind schneller als der Chor. Ihr Zirpen liegt über den Dächern und verwinkelten Gassen von San Leo, bis sich eine Stimme daruntermischt. Erst kaum hörbar, dann deutlicher: Sopranstimmen, die sich suchend nach oben tasten. Die Sommerhitze trägt den Klang aus dem Palazzo Mediceo bis hinauf zur Burg. Hält das Intervall?

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„Ich bin noch nicht zufrieden, sorry!“, sagt Michael Utz. Der Fachbereichsleiter für Kirchenmusik im Erzbistum Köln und Leiter der Chorwoche setzt dieselbe Stelle erneut an. Seit Stunden probt der 27-köpfige Chor. Dann zerreißt der Glockenschlag der Kathedrale den eben gefundenen Akkord. „Heiliger Intonatius, bitte für uns!“, ruft jemand. Gelächter bricht aus. Utz hebt wieder die Hände.

Urlaub fühlt sich anders an

Die Köpfe stecken tief in den Notenmappen. Zwischen den Seiten klemmen Bleistifte, die im Lauf der Woche immer kürzer werden. Daneben liegen Wasserflaschen, Lutschpastillen und Stimmgabeln. Crescendo. Piano. Zum Dirigenten schauen. Jeder Takt bekommt eine neue Anmerkung, jeder Fehler eine neue Chance. Urlaub fühlt sich anders an.

Tina Hees ist trotzdem nach San Leo gekommen. Die 16-Jährige absolviert neben der Schule die Ausbildung zur nebenamtlichen Kirchenmusikerin im Erzbistum Köln und nimmt zum ersten Mal an der Chorwoche teil. Jedes Jahr treffen sich hier Absolventen der C-Ausbildung sowie Teilnehmer kurz vor ihrem Abschluss. Die meisten singen nicht nur im Chor, sondern übernehmen im Lauf der Woche auch selbst ein Dirigat. „Ich habe schon jetzt viele Freunde gefunden“, sagt Tina. „Das Alter spielt hier keine Rolle.“

San Leo liegt auf einem Felsen in der Provinz Rimini über den Hügeln der Emilia-Romagna. Zwischen dem Palazzo Mediceo, der romanischen Kathedrale und der Piazza Dante Alighieri bewegt sich der Chor eine Woche lang. Enge Gassen, Restaurants und der Duft von Nadelbäumen bilden die Kulisse.

Direkt hinter Tina singt Thorsten Fuhrmann Tenor. Der IT-Dozent hat die C-Ausbildung vor Jahrzehnten abgeschlossen und kehrt trotzdem jeden Sommer zurück. Kaum sei die Chorwoche vorbei, beginne für ihn schon die Vorfreude auf das nächste Jahr.

Mit jedem Durchgang werden ihre Bewegungen freier

Am Montag ist vieles noch neu. Immer wieder wechseln die Teilnehmer aus dem Chor nach vorn. Melissa Mogk studiert mit dem Chor den „Flight Song“ ein. Anfangs wirkt ihr Dirigat vorsichtig. Mit jedem Durchgang werden ihre Bewegungen freier, der Chor reagiert unmittelbarer. Michael Utz greift selten sofort ein. Meist lässt er den Dirigenten selbst nach einer Lösung suchen. „Noch einmal“, sagt er. „Ein bisschen verliebter.“ Ein anderes Mal: „Sie müssen das Stück mehr genießen.“ Selbst Korrekturen formuliert er mit Humor: „Hier braucht der Alt besonders viel liebevolle Zuwendung.“

Auch Magnus steht vor dem Chor und dirigiert „Grant, we beseech Thee“. Als der Chor das abschließende „Amen“ anstimmt und sich die Harmonie verändert, fällt ein Lichtstrahl durch das Fenster. Für einen Moment wird der Raum heller. So, als würde die Musik selbst das Licht hereinholen.

Die Tage folgen bald einem festen Rhythmus. Morgens wird im Palazzo Mediceo geprobt, am Nachmittag in der Kathedrale. Dazwischen bleibt Zeit für ein Mittagessen und Aperol auf der Piazza, einen Mittagsschlaf oder einen Ausflug. Selbst im Schwimmbad liegen Notenmappen auf den Handtüchern, auf einer Bank wird dirigiert, im Whirlpool mehrstimmig gesungen.

Nach dem gesungenen Abendgebet endet der Tag selten früh. Beim gemeinsamen Abendessen beginnt Melissa eines Abends den „Cup Song“. Erst klopft sie den Rhythmus auf ein umgedrehtes Wasserglas, dann steigen immer mehr am Tisch ein. Das Tempo zieht an, eines der herumgereichten Gläser fällt auf das Pflaster und zerspringt. Gelächter zieht über die Piazza.

Dann beginnt der mühsame Feinschliff

Freitag, 17.15 Uhr, Nachmittagsprobe. „Das ist die Halbzeit der Chorwoche“, sagt Jahn. Alles ist einmal gesungen worden, jetzt beginnt der mühsame Feinschliff. Bis zum Konzert bleibt wenig Zeit. Trotzdem beginnt die Probe nahezu pünktlich. Ein Sänger hat Utz eine kleine gelbe Wasserpistole überreicht. Wer zu spät kommt, bekommt einen Spritzer ab. Dann wird weitergearbeitet.

„Obwohl man sechs oder sieben Stunden am Tag singt, bekommt man einfach nicht genug“, sagt Jahn. „Es sind Leute, die die gleiche Sprache sprechen.“ Für Francisca ist besonders das tägliche Abendgebet verbindend. „Da wird einem wieder klar, dass alles einen Bezug zum Glauben und zu Christus hat.“

„Ich falle jedes Jahr in ein tiefes Loch, wenn ich wieder zu Hause bin“, sagt Melissa. Sie vermisse dann die Menschen, die sie ein Jahr lang nicht sieht. Das Motto der Chorwoche lautet „Sehnsucht“. Für Michael Utz kann das Sehnsucht nach Heimat, nach Familie, nach Frieden, nach Gott oder nach Geborgenheit bedeuten. „Manchmal hilft die Musik, die Sehnsucht zu stillen, selbst wenn man sie nicht erfüllen kann.“

Am Sonntagnachmittag füllt sich die Kathedrale mit gut 50 Zuhörern. Einige kommen aus San Leo, andere verbringen ihren Urlaub in der Region. Vor der Kirche stehen Menschen im Schatten. Im Inneren fällt das Licht durch das Westfenster und bringt die Luft zum Glitzern.

Ein „rundes, schönes Konzert“

Dann hebt sich die Hand des ersten Dirigenten. Das Konzert beginnt. Michael Utz führt das Publikum zwischen den Werkblöcken mit kurzen Moderationen durch das Programm. Die ersten Stücke werden von der Orgel begleitet, später erklingt der Chor a cappella. Was während der Woche noch geübt wurde, wirkt nun selbstverständlich.

Thorsten Fuhrmann übernimmt mit Arvo Pärts „The Deer’s Cry“. Das Werk vertont ein Gebet, das dem heiligen Patrick zugeschrieben wird. Es endet auf einem Halbschluss. Die Spannung bleibt bestehen, der Schlussakkord deutet an, was folgen könnte, ohne es auszusprechen. Gerade darin spiegelt sich das Leitmotiv des Konzerts: Sehnsucht. Etwas, das noch nicht ganz erfüllt ist.

Nach dem letzten Stück bleibt der Chor einen Augenblick regungslos stehen. Erst dann bricht der Applaus los. Michael Utz sagt später, es sei ein „rundes, schönes Konzert“ gewesen. Besonders beeindruckt habe ihn die „total dichte Atmosphäre“ und die Leichtigkeit, mit der die Wechsel zwischen den Dirigenten gelungen seien. Auch langjährige Teilnehmer sprechen unabhängig voneinander vom besten Konzert, das sie in San Leo erlebt hätten.

Vor der Kathedrale entstehen Gruppenfotos. Die Anspannung der vergangenen Tage ist verschwunden. Jetzt wird gelacht, umarmt und noch lange miteinander gesprochen. Niemand scheint es eilig zu haben. Die Chorwoche endet nicht mit dem Schlussakkord, sondern in den Gesprächen danach.

Am nächsten Morgen rollen die Autos wieder die Serpentinen hinunter. San Leo verschwindet langsam hinter den Hügeln. Zurück bleiben die Kathedrale, die Piazza und die Stille dieses Ortes. Für viele beginnt in diesem Moment bereits wieder jene Sehnsucht, die das Motto der Woche geprägt hat; die Sehnsucht, im nächsten Sommer nach San Leo zurückzukehren.


Die Autorin arbeitet für den katholischen Fernsehsender EWTN.TV

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