Am meisten bewirkt dies viel Böses: Dass nämlich, so wie ich es sehe, viele Menschen so ausgesprochen gleichgültig sind.“ Diese Überlegung würde man vielleicht nicht unbedingt im Zusammenhang einer Auslegung des Gleichnisses von den beiden Söhnen erwarten. Man findet sie im Kommentar des Johannes Chrysostomus aus dem 4. Jahrhundert zu dieser Perikope.
Ihm kommt es nicht so sehr auf den Kontrast zwischen den beiden Söhnen an, sondern vielmehr auf die Gemeinsamkeit, die er darin sieht, dass sich zunächst ja beide gleichermaßen dem Auftrag des Vaters, „heute“ in seinem Weinberg zu arbeiten, verweigern und nichts tun. Sich nicht unverzüglich und klar für das Gute zu entscheiden und danach zu handeln, spielt dem Bösen in die Hand; eine Haltung der Indifferenz gegenüber Gottes Willen, wenn man ihn erkannt hat, gibt es für Chrysostomus nicht. Der erste Sohn, der ziemlich barsch und direkt spricht: „Ich will nicht“, wird in der patristischen Auslegungstradition, die bei Origenes im 3. Jahrhundert erstmals zu greifen ist, als Symbol für die Menschheit an sich gesehen, wie sie sich seit Anbeginn der Schöpfung im urtypischen Adam dem Gehorsam gegen Gottes Willen zu entziehen sucht.
Demut ist ein Tun-Wort
Erst der „letzte Adam“ (1 Kor 15, 45), Christus, geht dann doch in den Weinberg (vgl. Mt 21, 29) und verwirklicht so den „neuen Menschen“ (Kol 3,10), der ganz den Willen Gottes erfüllt. Paulus mahnt die Christen, sie sollen „untereinander so gesinnt sein, wie es dem Leben in Christus entspricht“ (Phil 2, 5). Diese Entsprechung zeigt sich ganz besonders in einer bestimmten Haltung, die Paulus zusammen mit dem Gehorsam als die entscheidend christliche einfordert: „In Demut schätze einer den andern höher als sich selbst“ (Phil 2,3). Demut, obgleich grammatisch ein Substantiv, ist eigentlich ein Tun-Wort, denn ihre praktische Ausdrucksform findet sie im Gehorsam gegenüber Gottes Willen.
Der zweite Sohn im Gleichnis scheint vordergründig gehorsam zu sein. Höflich und respektvoll wirkt seine Antwort an den Vater: „Ja, Herr.“ (Mt 21,30) Lapidar setzt Matthäus hinzu: „Und er ging nicht.“ Die Kirchenväter sehen in diesem Sohn ein Bild für Christen, die ihr Christsein zwar durch öffentliche Bekenntnisse und Gelübde besonders hervorheben, „große Versprechungen machen, aber nichts dem Versprechen Gemäßes tun“ (Origenes). Sie werden von Jesus mit der Umkehrbereitschaft der Zöllner und Prostituierten konfrontiert. Der alttestamentliche Lesungstext stellt die Verantwortung eines jeden Menschen im Blick auf seinen Weg vor Gottes Angesicht heraus. Keine Lebensäußerung ist belanglos, entweder erweist sie sich als Abkehr vom Guten oder als Umkehr hin zur Gerechtigkeit: „Der Apostel Judas wurde zum Verräter, der Christenverfolger Paulus zum Apostel“, kommentiert Ambrosius. Gleichgültigkeit ist keine christliche Option.
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