„Mutig“, meint die Frau aus der Pfarrei zu mir. „Wie meinen Sie?“ Verdutzt blicke ich sie an. „Na ja, dass Sie das E-Bike im Schuppen nicht abgesperrt haben. Was da alles hätte passieren können!“ Die Frau hatte anscheinend auf Akku und Lenkerdisplay geschaut, festgestellt, dass der Drahtesel nicht verriegelt war, und, zugenäht!, auch noch das Rad vom jungen Herrn Pfarrer war’s! „Die Leute stehlen heutzutage alles. Das teure Ding ist schneller weg, als Sie’s glauben.“ Über Stunden und bislang unversehrt stand das E-Bike schon an seinem Platz.
Dieses kleine Erlebnis scheint mir typisch für eine Befindlichkeit. Wir leiden an einer merkwürdigen Problemverehrung. Wir registrieren Schwächen messerscharf, sorgen uns um Verantwortlichkeiten anderer und verharren starr vor den Krisen unserer Zeit. Natürlich war das keine gute Idee, das Rad nicht zu verschließen (keine Sorge, sollte dies ein Dieb lesen: meistens denke ich an den Schutz!). Aber je gesicherter unser Leben ist und umso reichhaltiger im materiellen Sinne, desto tiefer scheint in uns eine Furcht auszubrechen, das alles wieder verlieren zu können. Wo der Wohlstand zu Hause ist, weicht der Mut, die eigenen Dinge in die Hand zu nehmen, seltsam oft der Abstiegsangst. Paradoxerweise scheinen jene, die am meisten besitzen, den düstersten Kassandrablick in die Zukunft zu werfen.
Besonders schmerzhaft erlebe ich das in den Debatten über Jugendliche. Wenn man den Schlagzeilen glaubt, blickt eine ganze Generation ziemlich verzagt nach vorne. Doch wenn ich jungen Leuten begegne, sehe ich weniger Resignation. Ich sehe eine Sehnsucht nach Selbstwirksamkeit. Niemand von ihnen will hören, dass früher alles besser war. Wer die Gegenwart nur als Niedergang beschreibt, raubt der Zukunft ihre Möglichkeiten. Das bekommt die Jugend deutlich zu spüren.
Eine weiter Verschiebung
Zugleich beobachten wir eine weitere Verschiebung: Moral verkommt in den sozialen Netzwerken oft zum Merkmal der Unterscheidung. Man zeigt Haltung, um sich von anderen abzugrenzen und der eigenen Community zu gefallen. Doch bloße Haltung ist noch keine Verantwortung. Wir verwechseln Meinen mit Handeln. Wer auf der Couch sitzt und sich in Klagen über den Untergang suhlt, fühlt sich zwar erhaben, bleibt aber unproduktiv. Wenn sich dieselben Menschen jedoch in der Suppenküche engagieren oder im Altenheim an einem Spielenachmittag beteiligen würden, verändert sich ihr Blick schlagartig. Tun stiftet Hoffnung.
Treffend hat es mal Vaclav Havel formuliert: Optimisten sind keineswegs Menschen, die glauben, dass immer alles gut geht. Sie glauben lediglich, dass nicht alles schiefgeht. Das ist kein naiver Zweckoptimismus, sondern ein nüchternes Vertrauen. Für uns Christen kommt noch etwas Entscheidendes hinzu: Gott verspricht uns kein krisenfreies Leben im Schlaraffenland, aber er garantiert uns seinen Beistand.
Das Vertrauen in den Nächsten ist nicht naiv. Es ist der erste Schritt, der immer nötiger wird. Wenn wir aufhören, Probleme insgeheim zu bewundern, und anfangen, Handlungsräume zu schaffen, kann aus der lähmenden Zukunftsangst wieder echte christliche Hoffnung keimen. Und so fahre ich auf meinem E-Bike jeden Tag aufs Neue durch eine Welt, die im Kleinen verlässlicher ist, als wir ihr allzu oft zutrauen.
Der Autor, 32 Jahre alt, ist Priester im Bistum Regensburg
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