Herr Diakon Herzberg, wie haben sich die Einschreibungen in St. Georgen entwickelt?
Wir haben derzeit eine erfreulich hohe Zahl an Einschreibungen: über 35 neu eingeschriebene Studierende, verteilt über die verschiedenen Studiengänge (Magister, Bachelor, Lizentiat, Promotion). Die Gesamtzahl der eingeschriebenen Studierenden beträgt derzeit 257. Im Blick auf die vergangenen zehn Jahre ist diese Zahl relativ stabil, große Einbrüche gab es nicht. Dies hängt auch damit zusammen, dass wir vor drei Jahren einen von Grund auf neuen berufsbegleitenden Bachelorstudiengang eingeführt haben („Kirchliche Praxis in säkularer Gesellschaft“), der sich einer großen Nachfrage erfreut. Mit diesem theologisch kompakten, praktisch ausgerichteten Studiengang, in dem pro Semester zwei Präsenzphasen mit digitaler Lehre kombiniert werden, antworten wir auf den Bedarf vieler Bistümer, die zunehmend Quereinsteiger für einen kirchlichen Dienst qualifizieren möchten, kommen aber auch vielen theologisch interessierten Berufstätigen entgegen.
Woher kommen die Studenten?
Die meisten Studierenden im theologischen Vollstudium kommen aus dem Gebiet der Bistümer Limburg und Mainz und dann aus dem norddeutschen Raum. Im berufsbegleitenden Bachelorstudiengang kommen die Studierenden aus dem gesamten deutschen Sprachraum, von Flensburg bis in die Schweiz. Die Weltkirche zeigt sich in dem großen Segment der Aufbaustudenten, die sich für die akademische Lehre in ihrem jeweiligen Heimatbistum durch ein Lizentiat oder ein Doktorat bei uns qualifizieren. Das ist eine große Bereicherung für unseren Campus.
Wie will die Hochschule auf die sinkende Zahl der Priesteramtskandidaten reagieren?
Die in Deutschland dramatisch sinkende Zahl an Kandidaten für das Priesteramt ist besorgniserregend. Die Antwort darauf kann aber nicht in einem Absenken der intellektuellen Anforderungen und akademischen Standards liegen. Gerade in einer sich immer mehr säkularisierenden Umgebung braucht es nicht nur das intellektuelle Rüstzeug, um den eigenen Glauben als vernunftgemäß darlegen und rechtfertigen zu können, sondern darüber hinaus auch die Fähigkeit, sich kognitiv auf andere Weltanschauungen und Hintergrundüberzeugungen einzulassen und diese kritisch – im ursprünglichen Sinn von „unterscheiden“ – zu hinterfragen. Eine solche wohlwollend-kritische Haltung der Welt gegenüber ist uns als Jesuiten-Hochschule ins Stammbuch geschrieben.
Welche Forschungsschwerpunkte prägen heute das Profil der Hochschule?
Ein traditioneller Schwerpunkt der Hochschule liegt in der Philosophie und in der Systematischen Theologie. Besonders prägend sind die drittmittelstarken Institute: Neben dem Hugo von Sankt Viktor-Institut für Quellenkunde des Mittelalters sind hier besonders das Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik sowie das Institut für berufsorientierte Religionspädagogik zu nennen. Alle widmen sich auf ihre Weise aktuellen gesellschaftlichen und kirchlichen Fragen. Hinzu kommt eine starke internationale Vernetzung, die vor allem durch den Jesuitenorden getragen wird.

Wie positioniert sich die Hochschule im Vergleich zu anderen theologischen Fakultäten und Hochschulen in Deutschland?
Als Jesuiten-Hochschule haben wir eine ignatianische Prägung: Unser Motto lautet: „pietati et scientiae“. Beides, Frömmigkeit und Wissenschaft, persönliches Wachstum im Glauben und rationale Verantwortung, Lebenszeugnis und Argument, werden klar unterschieden, aber gerade nicht voneinander getrennt. Für diese Verbindung einzutreten und sie mit Leben zu erfüllen – dafür steht das ignatianische Charisma und letztlich jeder Lehrende unserer Hochschule und anderer Jesuiten-Hochschulen auf seine eigene Weise.
Im Dezember 2025 wurde bekannt, dass die Goethe-Universität den Erwerb des Campus Sankt Georgen prüft. Wie ist der aktuelle Stand dieses Gesprächs?
Die Frankfurter Goethe-Universität und die Träger unserer Hochschule haben in einem „Letter of Intent“ vereinbart, auf eine immer engere Zusammenarbeit hinzuwirken. Die Gespräche hierzu werden gerade sehr intensiv geführt. Um eine für alle Beteiligten bestmögliche Option zu erreichen, werden verschiedene Modelle durchgespielt und diskutiert. Die akademische Zielstruktur ist das eine, die Frage des künftigen Standorts das andere.
Worauf kommt es in den kommenden Jahren in St. Georgen an?
Gerade im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz kommt es darauf an zu zeigen, warum Geisteswissenschaften – im weiten Sinn verstanden – auch in Zukunft von eminenter Bedeutung sind. Nicht nur, weil sie uns hermeneutische und analytische Fähigkeiten, vielleicht auch Werte vermitteln, sondern weil sie auf ein menschliches Grundbedürfnis antworten: sich selbst eine gut begründete Auffassung über die Wirklichkeit, in ihrer Differenziertheit und in ihren letzten Gründen, zu bilden.
Was sollte die Hochschule St. Georgen aus ihren ersten 100 Jahren in die Zukunft mitnehmen?
Zum einen die Verbindung von Glauben und Wissen, von persönlicher Wahrheitssuche und wissenschaftlicher Rationalität, zum anderen der vorbehaltlose und zugleich wohlwollend-kritische Blick auf die Welt, wie sie nun einmal ist. Es gibt keine Theologie an dieser Welt vorbei.
Die Festmesse zum Jubiläum beginnt am 16. Oktober um 17 Uhr im Frankfurter Kaiserdom.
Der Interviewer ist freier Journalist.
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