Nomen est omen: In biblischen Zeiten war die Bedeutung eines Namens häufig mit der Geschichte eines Menschen verbunden. Der Klang des Namens war zweitrangig. Im Alten Testament gaben Abraham und Sara ihrem Sohn den Namen Isaak („er lacht“), denn Abraham und Sara lachten zunächst ungläubig über die Ankündigung des Engels, dass sie im hohen Alter noch einen Sohn bekommen würden – ein Lachen des Zweifels, das sich später in ein Lachen der Freude verwandelte.
Hanna gibt ihrem Sohn den Namen Samuel („von Gott erbeten/erhört“), weil sie ihn von Gott erbeten hat. Jabez („Schmerz“/„Kummer“) erhält seinen Namen, weil seine Mutter ihn unter Schmerzen geboren hat. Er selbst bittet später darum, dass sein Name nicht zum Zeichen seines Unglücks wird. Während katholische Eltern ihren Kindern traditionell häufig den Namen eines Heiligen gaben oder geben und damit einen Namenspatron als Vorbild und Fürsprecher an die Seite des Kindes stellten, spielt heute bei der Namenswahl häufig auch der Klang eine wichtige Rolle. Und so holen sich bisweilen auch Atheisten unbewusst den Himmel ins Haus.
Besonders stark ist es, wenn Kinder Gabriel(a), Raphael(a) oder Michael(a) heißen und damit Namen eines der drei Erzengel tragen, deren Festtag die Kirche heute begeht und „die in der Schrift mit Namen erwähnt werden“, wie Papst Benedikt XVI. in seiner Predigt zum Erzengelfest 2007 sagte. Andere Engel bleiben namenlos. „Alle drei Namen der Erzengel enden mit dem Wort ,El‘“, so Benedikt weiter, „was ,Gott‘ bedeutet. Gott ist in ihre Namen, in ihr Wesen eingeschrieben.“
Der unbewusste Lobpreis
Die Namen der drei Erzengel haben eine schöne Bedeutung, die zurückverweist auf ihre heilsgeschichtliche Rolle. In der Bibel zeigt sich der Erzengel Michael als Kämpfer gegen die Mächte des Bösen: Er beschützt das Volk Gottes und kämpft in der Offenbarung gegen den Drachen. Papst Leo XIII. nahm das Gebet zum Erzengel Michael 1886 in die Leoninischen Gebete auf, die nach der heiligen Messe gebetet wurden.
Der Erzengel Gabriel ist der Überbringer der großen Heilsereignisse: Er erklärt Daniel die Visionen, die dieser empfangen hat, kündigt Zacharias die Geburt Johannes des Täufers an und verkündet Maria die Geburt des Erlösers. Raphael schließlich ist bekannt als der Reisebegleiter Tobias’, der dessen Vater Tobit von der Blindheit heilt.
Wie alle Engel verherrlichen sie Gott, beten ihn an und dienen ihm. Zugleich sind sie Grenzgänger zwischen Himmel und Erde, Boten, die zwischen Gott und Mensch vermitteln. Gott hat ihnen die Fürsorge für die Menschen anvertraut. Darum darf der Mensch sie um ihre Hilfe und ihren Schutz bitten und sich ihrer Fürsprache anvertrauen.
Wenn Eltern, die mit der Kirche nichts am Hut haben, ihren Sohn Gabriel rufen, weil er einem anderen Jungen im Sandkasten die Schaufel aus der Hand gerissen hat, proklamieren sie Richtung Sandkasten zugleich „Gott ist meine Stärke“ – ein Satz, der Gottvertrauen und die eigene Bedürftigkeit ausdrückt. Der Vater, der mit der Kirche nichts am Hut hat, bekennt jedes Mal, wenn er den Namen seines Sohnes Michael ausspricht: „Wer ist wie Gott?“ Und wer den Namen Raphael ausspricht, sagt unbewusst: „Gott heilt.“
Mehr als ein Etikett
So bleiben Gottes Erzboten inkognito in einer säkularen Welt präsent. Aber „wirken“ Namen überhaupt ohne den Glauben der Eltern? Kann ein Name zum Segen werden, wenn man diesen gar nicht bestellt hat? Die Antwort lautet: ja. Biblisch gesprochen haben Worte Macht; ein Name kann Berufung, Hoffnung oder Segen ausdrücken. Insofern können Namen eine geistige Realität mitprägen. Ob daraus aber tatsächlich eine Tugend erwächst, steht auf einem anderen Blatt. Denn Gnade lässt sich nicht verordnen; der Mensch muss sie annehmen, damit sie in ihm wirksam werden kann.
Ein Name ist mehr als ein bloßes Etikett, auch wenn sich daraus nicht ableiten lässt, dass ein Raphael allein aufgrund seines Namens zum Arzt oder generell zum Tröster wird oder ein Michael zum Kämpfertypen. Aber möglicherweise kann der Name trotzdem wirken und Gottes Gegenwart in der Welt halten, wenn Menschen die heilbringende Bedeutung dieser Namen unbewusst – und auch ohne Glauben – von den Dächern rufen: Gott heilt. Wer ist wie Gott? Gott ist meine Stärke.
Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.









