Ausgerechnet in Südafrika, der Heimat Nelson Mandelas, lange ein Nukleus für afrikanische Integration, eskaliert die fremdenfeindliche Gewalt: in Johannesburg, Soweto, Kapstadt und in Durban, wo es am 3. September zu Auseinandersetzungen zwischen der ausländerfeindlichen Bewegung „March and March“ und Flüchtlingen kam. Mindestens vier Menschen wurden verletzt, Flüchtlinge berichteten von Schlägen und Drohungen. Die meisten kommen aus Nachbarländern des südlichen Afrikas, aus Simbabwe, Malawi, Mosambik bis zum Kongo. Das nigerianische Parlament setzte offizielle Reisen nach Südafrika aus und begründete das mit fortdauernden Berichten über Tötungen, Gewalt, Einschüchterung und die Zerstörung von Eigentum von Nigerianern.
Südafrika ist keine Ausnahme. Auch in anderen Ländern des Kontinents gehen Afrikaner gegen Afrikaner vor. Die Konfliktlagen sind verschieden, doch es gibt Gemeinsamkeiten. Ein Mix aus unverschuldeten Spätfolgen der Kolonialzeit und jüngeren Fehlentwicklungen hat Afrika in die Xenophobie-Falle geführt. In Kenia hat sich die Situation im September zugespitzt: Präsident William Ruto ordnete an, gegen ausländische Staatsbürger vorzugehen, die kleine Geschäfte und informellen Handel betreiben. Danach wurden laut der „Afrikanischen Kommission für Menschenrechte“ Fälle von körperlichen Angriffen, Einschüchterung, Belästigung, Plünderung und Zerstörung von Geschäften gemeldet; betroffen sind Migranten aus Burundi. Hunderte von ihnen suchten die Botschaft in Nairobi auf, weil sie Angst vor Gewalt hatten oder das Land verlassen wollten. Im Kern dreht sich der Konflikt um die Frage, wer in Kenia arbeiten darf. Ausländer werden als Konkurrenten um wirtschaftliche Chancen wahrgenommen und zu Sündenböcken gemacht. Kenianische Menschenrechtler interpretieren die Maßnahmen als politische Instrumentalisierung wirtschaftlicher Unzufriedenheit.
In den Hotspots Westafrikas kommen fragwürdige, aus kolonialer Zeit stammende Grenzziehungen sowie überzogene Nationalismen aus postkolonialer Zeit hinzu. Beispiel Ghana: Nach der Unabhängigkeit 1957 war das Land zunächst offen gegenüber afrikanischen Migranten. Unter seinem ersten Präsidenten Kwame Nkrumah spielte der Panafrikanismus eine wichtige Rolle. In den 1960er Jahren wuchs jedoch die wirtschaftliche Krise und die innenpolitische Konkurrenz. 1969 erließ die Regierung den „Aliens Compliance Order“: Fast 100 000 Angehörige des vor allem in Nigeria ansässigen Yoruba-Volkes mussten Ghana auf Geheiß der Regierung verlassen. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Nigeria hatte während des Ölbooms der 1970er Jahre viele Arbeitsmigranten aus Ghana angezogen. Als sich die wirtschaftliche Lage Anfang der 1980er verschlechterte, machte die Regierung unter Präsident Shehu Shagari Migration zunehmend zum Thema. Es kam zu Ausweisungen unter dem Slogan „Ghana Must Go“. Die Rückkehr nach Ghana war für viele traumatisch.
Fremdenhass ist ein Pulverfass
Im Maghreb ist Tunesien aktuell ein Brennpunkt: Seit 2023 hat sich hier die Situation für Migranten und Flüchtlinge aus Subsahara-Afrika drastisch verschlechtert. 2026 dokumentierten Amnesty International und andere Organisationen rassistische Gewalt, willkürliche Verhaftungen, Vertreibungen und kollektive Abschiebungen. Auch in anderen Maghreb-Staaten richtet sich die Feindseligkeit oft gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe.
Wanderung gehört seit jeher zur DNA Afrikas und ein erheblicher Teil der afrikanischen Migration findet innerhalb Afrikas statt. Südafrika erlebt Migration aus Simbabwe, Mosambik, Malawi oder Lesotho. Tunesien, Libyen und Algerien erleben Migration aus Subsahara-Afrika. Ägypten nimmt große Flüchtlingsbewegungen aus dem Sudan auf. Doch im Unterschied zu früheren Zeiten schlagen sich Krisen schneller in Fluchtbewegungen nieder und können so noch stärker zu Spannungen zwischen afrikanischen Nationalitäten führen. Mangelnde Gemeinwohlorientierung der Regierungen und Staatsversagen befeuern Fremdenhass zusätzlich.
Südafrika zeigt zwar, dass ein Staat funktionsfähig sein kann und trotzdem in bestimmten Bereichen so schwach oder überlastet ist, dass Xenophobie entsteht. Schon längst hätte Pretoria das Pulverfass Fremdenhass durch bessere Regulierung der Migration und durch mehr eigenes Wirtschaftswachstum entschärfen können. Auch der Exodus junger Simbabwer über den Limpopo nach Südafrika wurde jahrelang hingenommen, um das linkspopulistische Revolutionsregime in Harare nicht zu düpieren. In Kenia hat es die Regierung versäumt, Konkurrenz im wirtschaftlich wichtigen informellen Sektor zu regulieren. In Tunesien scheint die Regierung mit der Aufgabe überfordert zu sein, durch Migrationsmanagement einen Interessenausgleich herzustellen. Stattdessen wechselten sich kurzfristige und stark sicherheitsorientierte Maßnahmen ab. Auch in Tunesien befeuert der Staat durch schlechte Regierungsführung den Fremdenhass.
Katholische Kirche im Volk verwurzelt
Dass es auch anders geht, zeigt Mauretanien. Das Land verfolgt seit Jahrzehnten eine relativ offene Flüchtlingspolitik und nimmt vor allem Menschen aus dem Nachbarland Mali auf. 2026 beherbergt das nur rund fünf Millionen Einwohner zählende Mauretanien nach Angaben des UNHCR rund 310. 000 Flüchtlinge und Asylsuchende, überwiegend aus Mali. Wie konnte das arme Land zum Musterschüler des UNHCR werden?
Nomadische Kultur spielt eine Rolle, ebenso der Islam als verbindende Klammer. Überdies hat die Bevölkerung im Grenzgebiet zu Mali seit Jahrhunderten enge wirtschaftliche und familiäre Verbindungen über die Grenze hinweg. Aktuell aber dürfte der zentrale Grund in der Integration liegen: Mauretanien hat sich verpflichtet, Flüchtlingen den Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Gesundheitswesen, Bildung und sozialer Sicherung zu ermöglichen – mit dem Ergebnis, dass der Zusammenhalt nicht aus den Fugen gerät.
Die katholische Kirche als eine der wenigen grenzüberschreitenden, im Volk fest verwurzelten Kräfte Afrikas reüssiert. So hat das „Symposium der Bischofskonferenzen von Afrika and Madagaskar“ (SECAM) im Mai zu den fremdenfeindlichen Angriffen in Südafrika Stellung genommen. Die Bischöfe erklärten, dass die Würde eines Menschen unabhängig von Nationalität, Herkunft, Stamm, Kultur oder Aufenthaltsstatus gilt. Sie forderten die Staaten auf, die Betroffenen zu schützen, Gewalt zu untersuchen und Täter strafrechtlich zu verfolgen. Zugleich erkennen die Bischöfe das Recht eines Staates an, Einwanderung zu regulieren. Grenzen und Aufenthaltsrecht sind also nicht irrelevant. Migration darf geregelt werden, wobei Ausländer nicht entmenschlicht und gewaltsam angegriffen werden dürfen.
Der Autor ist Journalist und Afrika-Experte.
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