Vergangene Woche war ich in Rom zur Cartellversammlung der katholischen CV-Verbindungen Deutschlands. Freitagvormittag war Audienz bei Papst Leo XIV., der sich erstaunlich sattelfest zeigte, nicht nur im Text des „Gaudeamus igitur“. Seine Ansprache war bemerkenswert, besonders jener Satz: „In seiner unhintergehbar männlichen oder weiblichen Gestalt ist der Mensch in der Tat stets relational und begrenzt und deshalb dazu gerufen, sich selbst zur Aufgabe zu werden und den anderen zum Geschenk.“ Und der Papst ergänzt, jeder Einzelne solle sein Bestes geben, „um zum Aufbau einer gerechten und friedlichen Gesellschaft beizutragen.“ Vorher hatte der Papst „die kulturelle Zentralität des Menschen, der ein Geschöpf Gottes und Architekt seines eigenen Lebens ist“ unterstrichen.
Der Mensch steht tatsächlich im Mittelpunkt, kein Tier und keine Pflanze. Gott wurde Mensch, nicht heilige Esche oder heiliges Kalb. Und der Mensch versteht sich nur gut, wenn er sich als von Gott geschaffen und gewollt begreift, dabei aber nicht stehen bleibt, sondern sich entwickelt auf das Ideal des Menschen hin, den Gott gemeint hat, und der versucht, seine Grenzen zu überschreiten hin auf je größere Liebe und Hingabe. Nur wer sich selbst, die eigene Zeugung und Geburt bis hin zum eigenen Sterben als Geschenk begreift, vermag sich dann als Aufgabe, ja als Zumutung aus dem Ewigen zu sehen. Gott mutet uns unser Dasein und unsere Grenzen zu. Er erwartet von uns viel: Nachdenken über die verwinkelte, auch verstaubte und doch dem Himmel entgegenwachsende Architektur des eigenen Lebenshauses.
Gemeinwohl heißt letztes Wohl
Der Gedanke stammt aus der italienischen Renaissance; Pico della Mirandola (1463–1494) ist der wichtigste Zeuge dafür mit seiner großartigen Schrift „Über die Würde des Menschen“. Seitdem kreist die Diskussion um das Projekt des Humanismus, bis hin zur neuen Enzyklika von Papst Leo XIV.: Wo sind Grenzen zu überschreiten (im moralischen Leben), wo sind Grenzen demütig zu akzeptieren (in Anerkennung des biologischen Geschlechts)? Und das alles geschieht seit der Weihnachtsbotschaft 1944 von Papst Pius XII. in ausdrücklicher Bejahung der Demokratie: als bestes bisher gefundenes Mittel zum Zweck, nicht als Endzweck. Denn letzter Zweck und letztes Ziel ist nur Gott und jeder von ihm geschaffene Mensch. Und alles in Politik und Wirtschaft ist kritisch zu befragen, ob es diesem letzten Ziel dient.
Unverblümt spricht der Papst übrigens von katholischen Werten, die das Gemeinwohl befördern sollen. Mit Gemeinwohl ist freilich nicht einfach Demokratie als Abstimmung über politische Kompromisse gemeint, sondern das letzte und universale Wohl des Menschen, nämlich das ewige Leben. Hilft Demokratie bei der friedlichen Erörterung einer dementsprechenden Gesetzgebung, ist sie gut. Hilft sie hingegen nicht, wie manchmal in Fragen des unbedingten Lebensschutzes, ist sie aus Sicht des Christentums zu hinterfragen und anzufragen. Letzter Wert ist die Person, und im Zweifelsfall die je schwächeren Personen. Das allein ist der letzte Prüfstein der Demokratie, denn auch sie hat sich dereinst dem Gericht Gottes zu stellen. Jede Schuld wird gerichtet werden. Wie schrieb einst Reinhold Schneider in „Verhüllter Morgen“: „In der Geschichte leben heißt: im Angesicht des Endes leben.“
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