Wenn man das Gefühl hat, nichts hält mehr, dann ist da Gott, der einen trägt. Da war jemand, der mich eben nicht unterdrückt, sondern gefördert hat“, erzählt Rosi. Und Helmut fügt an: „Durch alle inneren Kämpfe, Unsicherheiten und Zweifel hindurch hat der Glaube uns getragen.“ Die beiden sind seit 28 Jahren ein Paar und zivil verheiratet. Zuvor waren beide bereits einmal verheiratet, auch kirchlich. Für beide scheiterten die ersten Ehen, trotz vieler Versuche und des Wissens um die Unauflöslichkeit des Sakraments. In dem intensiven Gespräch erzählen sie offen und tief und scheuen sich nicht, in ihre schmerzhaften Erfahrungen einzutauchen.
Rosis erste Beziehung beginnt mit einer jugendlichen Verliebtheit im Alter von 16 Jahren. Als Zweitälteste von sechs Geschwistern reagiert sie dankbar auf den Vorschlag ihres Ex-Mannes, zusammenzuziehen. „Daheim war alles immer sehr beengt“, erinnert sie sich. „Damals bekam er ein Jobangebot, doch eine der Auflagen war, verheiratet zu sein.“ So tritt sie mit 27 vor den Altar, ist aber tief in sich schon unsicher. Nach einem weiteren Umzug bekommt sie immer öfter Heimweh, fühlt sich nie wirklich wohl. Schleichend wird sie unglücklicher, leidet unter der Lieblosigkeit, an die sie sich irgendwann gewöhnt hat. „Ich habe immer klein beigegeben, vor allem seit der Schwangerschaft. Doch schon damals dachte ich mir: Das noch 30 Jahre? Ich fühlte mich ausgebrannt, war in mich gekehrt.“
Nach außen hin nichts anmerken lassen
„Niemand lässt sich leichtfertig scheiden“, erklärt Helmut Prader, Seelsorger und Professor für Moraltheologie an der Hochschule Heiligenkreuz. „Es sind immer Verletzungen damit verbunden. Die Leute bringen sehr viel Wut und Zerrissenheit mit.“ Als Moraltheologe steht er für die Unauflöslichkeit der Ehe ein, als Seelsorger erlebt er regelmäßig das Scheitern der Betroffenen. Seit vielen Jahren begleitet er Personen, die eine Trennung oder Scheidung durchleben. „Wie ist damit umzugehen, wenn der Ex-Partner eine neue Beziehung eingeht? Wie reagiert das Umfeld? Da kommen viele Fragen auf“, sagt er. „Und da wird sehr viel mit viel Mühe schöngeredet.“
Das Schönreden kennt Rosi aus ihrer ersten Ehe. „Ich habe nach außen hin immer so getan, als wäre alles Friede, Freude, Eierkuchen. Dabei sah es in mir ganz anders aus.“ Ihr Ex-Mann versucht, sie von ihrer Familie zu distanzieren und über ihr Leben zu bestimmen. Manchmal wird er laut, es kommt immer häufiger zu Streitereien. „Ich erinnere mich, dass sich mein zweijähriger Sohn vor mich stellte und sagte: ‚Lass Mama in Ruhe!‘ In diesem Moment wusste ich: Ich mache etwas falsch – und kündigte die Trennung an.“ Ihr Ex-Mann droht daraufhin mit Selbstmord und damit, die Familie umzubringen. Sie ist jedoch an einem solchen Tiefpunkt, an dem er sie nicht einmal damit treffen kann. Ihr Bruder holt sie ab und sie zieht bei ihrer Schwester ein. „Meine Mutter hatte kein Verständnis, sondern sagte nur: ‚Du brauchst gar nicht heimzukommen. So etwas wie Trennung gibt es bei uns nicht‘.“ Ihre innere Zerrissenheit ist groß, aber die Angst vor einem Leben in einer solchen Situation ist größer.
Wie sieht Seelsorge in so einer Krise aus? „Es geht um Begleitung“, betont Prader. „Erst einmal muss aufgefangen werden, was da ist: die Gefühle, die Trauer, der Schock.“ Im nächsten Schritt versucht er, in der konkreten Lebenssituation beratend zur Seite zu stehen. Beispielsweise muss man festlegen, wie die Zeiten mit gemeinsamen Kindern geregelt werden. „Meistens ist es die Mutter, die den Alltag aufrechterhält, während der Vater ab und an besondere Ausflüge unternehmen kann. Auch das kann zu Konflikten führen.“ Das Wichtigste sei jedoch, dass Menschen sich in dieser Krise nicht verlassen fühlen – auch nicht von der Kirche.
Tiefes Ringen und der Glaube als Kraftquelle
Auch Helmut erzählt, dass er nach der Trennung von seiner Ex-Frau in ein tiefes Loch gefallen sei, aber dank psychologischer Betreuung wieder auf die Beine kam. Sogar die Überlegung, ins Kloster zu gehen, stand im Raum, doch er schlug eine militärische Laufbahn ein und trat einem Verein bei – in dem sich Rosi und er schließlich kennenlernten. „Immer wenn ich Helmut sah, hatte ich Schmetterlinge im Bauch“, erzählt sie. „Und mein Sohn war von Anfang an wie ein eigenes Kind für ihn.“ Dann ging alles ganz schnell: Sie sind mit-einander ausgegangen, es gab einen Heiratsantrag und eine zivile Doppelhochzeit mit Rosis Bruder. „Ich habe das nicht gekannt, dass der Mann auch mal bügelt oder kocht“, sagt Rosi. „Es war von Anfang an heimelig mit ihm. Ich bin regelrecht aufgefangen worden und jetzt so glücklich wie nie zuvor.“
Seit der Kindheit begleitet der Glaube ihren Alltag. Doch wie hat er sich verändert, in einer Zeit, in der man mit enttäuschten Hoffnungen zu kämpfen hat? „Er ist stärker geworden und tiefer“, betont Rosi. „Schritt für Schritt habe ich durch das Gebet auch mein Selbstvertrauen wiedergefunden.“ In ihrer Gemeinde hatte sie nie das Gefühl, unerwünscht zu sein. Auch die Angst vor den Meinungen anderer blieb aus. „Ich war nach der Trennung so weit, dass es mir egal war, ob die Leute reden.“ Bei Helmut war es anders. In seiner alten Gemeinde hatte er das Gefühl, als Geschiedener nicht mehr willkommen zu sein – eine schmerzhafte Erfahrung. Er suchte sich eine andere katholische Pfarrei. „Der Pfarrer hat mir gleich eine karitative Aufgabe gegeben, weil er meinte, ich hätte ja jetzt Zeit“, schmunzelt er.
Beide betonen, dass es sehr schmerzt, das Sakrament der Ehe nicht mehr empfangen zu können. Die kurze Stille, die darauf folgt, und der Blick, den sie austauschen, zeigen, dass dieses Thema immer etwas bleiben wird, mit dem sie ringen, obwohl sie es akzeptieren. Auch das Thema des Kommunionempfangs wollten sie klären. In einem Beichtgespräch legten beide unabhängig voneinander dem örtlichen Pfarrer ihre Situation offen, der ihnen den Kommunionempfang nach reiflicher Überlegung gestattete. Dass dieses Thema theologisch hoch umstritten ist, ist beiden bewusst. „Dass wir zivil wiederverheiratet sind, ist natürlich ein Thema“, sagt Rosi. „Beispielsweise konnte ich auch aufgrund dessen vor einigen Jahren nicht dem Pfarrgemeinderat beitreten. Ich hege keinen Groll und engagiere mich eben so, denn ich tue es für den lieben Gott. Aber es tut schon auch weh.“
Die Menschen in Krisen auffangen
In der Seelsorge kommt die Frage nach dem Kommunionempfang häufig auf. Mit diesem Thema umzugehen, ist ein Prozess, erklärt Prader, weil es die Leute schnell verprellt. „Wenn jemand fragt, antworte ich klar“, betont er. „Die sakramentale Ehe ist gültig, bis der Tod die Eheleute scheidet. Deshalb bestärke ich Menschen darin, sich nach einer Trennung keinen neuen Partner zu suchen. Es geht dabei nicht um Bestrafung, sondern darum, aus Liebe zu Gott darauf zu verzichten.“ So sei das Bewusstsein des Eucharistieverständnisses verschwindend, weshalb die Balance in der Seelsorge oftmals nicht leicht zu handhaben ist. Der Verzicht auf die Kommunion sei, so erklärt er, kein Ausschluss aus der Gemeinschaft, sondern Ausdruck der Ehrfurcht vor dem Sakrament.
Auch Amoris Laetitia, das apostolische Schreiben von Papst Franziskus aus dem Jahr 2016 über Liebe, Ehe und Familie, habe an der Lehre der Unauflöslichkeit der Ehe nichts geändert, betone aber seelsorgerliche Begleitung und Einbindung in die kirchliche Gemeinschaft, genauso wie mehr Barmherzigkeit im Umgang mit den Betroffenen. Er fügt an: „Wir müssen aufpassen, das kritische Thema Kommunionempfang nicht auf die Gruppe derer zu beschränken, die geschieden und wiederverheiratet sind. Generell gilt ja: Versöhne dich mit deinem Bruder, bevor du deine Gaben zum Altar bringst!“ So gäbe es vor und nach dem sechsten Gebot auch noch Gebote, bei deren Brechung der Empfang untersagt wird.
Man will die schnelle Lösung
„Viele Menschen denken, sie sind ihres eigenen Glückes Schmied“, sagt Rosi. „Aber so ist das nun mal nicht. Manchmal spielt das Leben anders – und hätte ich damals gewusst, wie gut es mir in meiner neuen Beziehung geht, hätte ich mich schon viel früher getrennt.“ Dennoch glaubt sie, dass sie diese Erfahrungen machen musste, um jetzt zu schätzen, was sie hat. Der Glaube war ihr stetiger Begleiter. Auch Helmut fühlt sich seiner Gemeinde und dem Ortspfarrer sehr verbunden. „Meine Frau hatte in den letzten Wochen mehrere Operationen am offenen Herzen. Ich hatte wirklich Angst, sie überlebt nicht. Unser Pfarrer hat mit mir gebetet, genauso andere Kirchenmitglieder. Das war ein unglaublicher Trost.“ Obwohl die Erlebnisse der Trennung schon viele Jahre zurückliegen, ist ihnen anzumerken, dass diese Zeit prägend war – persönlich und für ihr Glaubensleben.
„Generell haben wir die Mentalität, auf Probleme immer schnell eine Lösung haben zu wollen“, erklärt Prader. „Dennoch müssen wir es manchmal aushalten, mit den Härten des Lebens konfrontiert zu werden, ohne dass es eine schnelle Lösung gibt. Die Kunst liegt darin, die Menschen in diesen Krisen aufzufangen.“
Die Autorin studiert Strategisches Management in Innsbruck.
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