Lieb sein!“ und „No sexism“ sind zwei der Aussagen, die auf pinken Mülleimern auf der Reeperbahn in Hamburg zu lesen sind. Simon Häggström ist fassungslos angesichts dieses Zynismus. Er sieht sich um. Blinkende Schilder werben für das Sexhouse, die Ritze, den Club d’Amour und den Paradise Point of Sex, der 24 Stunden am Tag geöffnet hat. Alles Orte, an denen Männer gegen Geld so ziemlich alles von einer Frau bekommen können, was sie wollen.
Es ist kalt an diesem Abend im März 2025. Seit fünf Tagen ist Simon zusammen mit uns, dem Team von AugsburgerInnen gegen Menschenhandel, auf Lesetour durch Deutschland. Am Ende werden es 14 Städte, 14 Lesungen, 14 Abende sein, an denen er wieder und wieder erklärt, wie die Realität hinter den blinkenden Fassaden der Prostitution aussieht.
Schwedens Modell zur Bekämpfung von Prostitution
Simon Häggström ist Polizist in Stockholm. Sein Job ist es, Frauen in der Prostitution zu erklären, dass sie sich in Schweden nicht strafbar machen, sondern als Betroffene von Gewalt gesehen werden. Außerdem verhaftet er Freier. Denn für Sex zu bezahlen, ist in Schweden eine Straftat.
1999 war Schweden das erste Land der Welt, das das sogenannte Nordische Modell eingeführt hat. Strafbar machen sich hier nicht die Prostituierten, sondern Freier und Zuhälter.
Ein revolutionärer Ansatz, der die Prostitution zwar nicht zum Verschwinden gebracht, aber deutlich reduziert hat. Die Bevölkerung befürwortet das Gesetz. Man ist sich einig: Sex soll etwas sein, das beide Seiten wollen und das nicht von einer Seite, meist unter Ausnutzung einer wirtschaftlichen Notsituation, erkauft werden kann. Simon Häggström war der erste Polizist, der für die Umsetzung des Gesetzes zuständig war und immer noch ist. Über die Anfänge und alles, was er seitdem über Prostitution gelernt hat, hat er das Buch „Auf der Seite der Frauen“ geschrieben. Und mit der Übersetzung dieses Buches ist er nun in Deutschland unterwegs.
In Deutschland blüht der Markt für käuflichen Sex
Die Situation in der Prostitution in Deutschland ist das exakte Gegenteil von der in Schweden. 2002 wurde mit dem Prostitutionsgesetz der legale Rahmen für Prostitution geschaffen, 2017 wurde das Gesetz mit weiteren Regulierungen um das Prostituiertenschutzgesetz ergänzt. Der Markt in Deutschland blüht. Straßenstriche, Wohnungsbordelle, Escort-Agenturen, aber auch Großbordelle mit bis zu 140 Zimmern gehören im Deutschland des Jahres 2026 zum Alltag.
Die Frauen, die diese Zimmer füllen, kommen aus Rumänien, Bulgarien, der Ukraine und Kolumbien. Bordellbetreiber sitzen in Talkshows und erzählen allen, die es hören wollen, dass in ihren Häusern alles mit rechten Dingen zugeht. Doch der Schein trügt allzu oft. Immer wieder werden in Bordellen schwere Gewalttaten begangen, häufig von den Freiern, und viel zu oft auch Frauen umgebracht. Dass der Großteil der Prostitution in Deutschland von der Organisierten Kriminalität, unter anderem in Form von Rockerbanden, kontrolliert wird, ist kein Geheimnis.
Ausbeuterische Zuhälterei und Menschenhandel lassen sich kaum nachweisen
Das Problem: Illegal sind nur ausbeuterische Zuhälterei und Menschenhandel. Und die nachzuweisen, stellt die Polizei vor eine beinahe unlösbare Aufgabe. Ohne Aussagen der Opfer kommt so gut wie nie ein Verfahren zustande, geschweige denn ein Urteil. Die Opfer sind allerdings zu verängstigt, stehen zu sehr unter Druck oder haben zu viel Angst um ihre Familie im Heimatland, um gegen die Täter auszusagen. Unter dem Deckmantel der Legalität und der Freiwilligkeit werden Tausende von Frauen in Deutschland zur Prostitution gezwungen und sexuell ausgebeutet – und mit ihnen ein Vermögen verdient.
Geduldig beantwortet Simon Häggström alle Fragen, die ihm vom Publikum gestellt werden. „Verschwindet Prostitution nicht im Dunkelfeld, wenn man den Sexkauf verbietet?“ „Nein, denn wenn der Freier die Frau findet, findet die Polizei sie auch.“ Die Lesungen sind jeden Abend voll, das Interesse am Thema riesig. Immer mehr Menschen engagieren sich gegen die Zustände in Deutschland, aber auch ein Freier, der sich sicher ist, dass die Frauen, zu denen er immer geht, das alles freiwillig machen, sitzt im Publikum und verteilt vor Veranstaltungsbeginn sogar Flyer vor dem Eingang.
Zugang zu Körper von notleidenden Frauen erkauft
Auf die Frage, wie Simon die politische Situation in Deutschland aktuell einschätzt, erzählt er von seinem ersten Besuch in Deutschland im Jahr 2014. Er war zu einer Veranstaltung zum Thema Nordisches Modell eingeladen. Die wenigen Teilnehmenden waren eine Handvoll Schweden, die in Deutschland leben, dafür gab es eine Bombendrohung. Nun ist er begeistert von den jeden Abend aus allen Nähten platzenden Veranstaltungsräumen und davon wie groß das Interesse am Nordischen Modell ist. „Das gibt mir Hoffnung, dass sich in Deutschland bald etwas ändert“, betont er an jedem einzelnen Abend.
Ein halbes Jahr später stehe ich auf einer ruhigen Straße in einem Wohngebiet in Stockholm. Wir sind zum Gegenbesuch gekommen und Simons Team nimmt mich mit auf Streife. Ich stehe neben Malin und Ulf, beide Sozialarbeiter, und beobachte, wie die Polizei einen Freier verhaftet. Eigentlich wollten wir nur ein Wohnungsbordell besuchen, um den Frauen vor Ort Hilfe anzubieten und ihnen die schwedische Gesetzgebung zu erklären.
Doch bereits bei unserer Ankunft kam uns der erste Freier entgegen, der gerade das besagte Haus verlassen hatte. Insgesamt werden es in dieser Nacht fünf Männer sein, die dafür zur Verantwortung gezogen werden, die finanzielle Notsituation von Frauen ausgenutzt und sich Zugang zu ihrem Körper erkauft zu haben. Was sich in Deutschland manchmal wie eine Utopie anfühlt, ist hier in Stockholm gelebte Realität.
In Stockholm prangert eine Statue das Unrecht an
Ein paar Stunden später zeigen mir Malin und Ulf den ehemaligen Straßenstrich, die Malmskillnadsgatan im Zentrum Stockholms. Wo früher die Ärmsten der Armen ums Überleben gekämpft haben, erinnert heute nur noch eine Statue an die Vergangenheit. Ein kleines Mädchen sitzt in der Hocke und blickt auf einen Text, der in den Stein unter ihren Füßen geschrieben ist.
Er beschreibt das Verhältnis der Frauen in der Prostitution zu den Ländern, in denen sie ausgebeutet werden: Ich bin ein Fremder in diesem Land, aber dieses Land ist kein Fremder in mir! Ich bin nicht zu Hause in diesem Land, aber dieses Land benimmt sich, als wäre es zu Hause in mir! Deutschland ist eins der Hauptzielländer für den Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung. Wir hoffen und arbeiten dafür, dass das deutsche Recht sich bald ändert und dann zu guter Letzt endlich auf der Seite der Frauen steht.
Die Autorin ist Sozialarbeiterin, Referentin und Geschäftsführerin des Vereins AugsburgerInnen gegen Menschenhandel e.V.
Das Buch von Simon Häggström: Auf der Seite der Frauen. Als Ermittler im schwedischen Rotlichtmilieu, aus dem Schwedischen von Felix Barkentoog, Neudorf bei Luhe: Edition Wortschatz, 2. Aufl., 2025, 420 Seiten, EUR 20,–
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