„Wir sind über 50 Jahre verheiratet. Wie soll ich mich immer noch ‚verschenken‘ können? Wie geht eine Frau damit um, wenn der Mann immer noch ‚beschenkt‘ werden möchte? Ich habe alles ‚hingegeben‘, das einzigartige Du mir gegenüber denkt zuerst an sich.“ Diese tiefgreifende Leserfrage rührt an ein Dilemma. Denn unausgesprochen berufen sich beide auf dasselbe Wort: Hingabe. Gaudium et spes sagt, der Mensch könne „sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden“. Er liest darin einen Anspruch. Sie verstand es als Auftrag und verlor darüber ihre Mitte.
Beide haben das Wort missverstanden. Johannes Paul II. versteht eheliche Liebe als Hingabe, nicht als Selbstaufgabe. Ausgangspunkt ist die Anerkennung der Unverfügbarkeit des anderen: Jeder Mensch hat eine eigene Innerlichkeit und darf darum nie zum Gegenstand des Gebrauchs werden. Hingabe setzt Selbstbesitz voraus. Wer sich nicht selbst hat, kann sich nicht hingeben und gerät in Gefahr, den anderen als Stütze für den eigenen Selbstwert zu gebrauchen.
Bewahrer des Innersten des anderen werden
Das erregt Widerspruch: Brauchen wir nicht alle den anderen, seine Liebe, seine Hilfe? Johannes Paul II. antwortet mit einem Ja-Aber. Entscheidend für das, was er „bräutliche Liebe“ und das „Sich-gegenseitig-Schenken“ nennt, ist der Satz „ich will dein Gut“. Mache ich das Gut des anderen zu meinem höchsten Gut, will ich den anderen gerade nicht zwingen, seine Würde aufzugeben. Hingabe heißt dann: Ich werde zum Bewahrer des Innersten des anderen.
Das klingt realitätsfern. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet die weltliche Sexualtherapie diesen Gedanken stützt. Am Beginn einer Ehe ist es normal, auf die Wünsche des Partners einzugehen und eigene zurückzustellen. Auf Dauer führt das in die Erschöpfung, von der die Frau spricht. Im Bild: Einer lehnt sich mit dem Gewicht seiner Forderungen auf den anderen, bis dessen Kraft schwindet. Das klingt nach Nähe, ist aber „fremdbestätigte Intimität“, die dazu neigt, den anderen zu gebrauchen. Johannes Paul II. spricht sogar vom Ehebruch im Herzen gegenüber der eigenen Ehefrau.
Den Sinn von Hingabe verstehen
Die Lösung heißt „selbstbestätigte Intimität“. Ich öffne mich dem Partner ganz, spreche von meinen Bedürfnissen und fühle mich zugleich in seine Innerlichkeit und Grenzen ein. Die Gefühle, die entstehen, wenn er mir einen Wunsch nicht erfüllen kann, verantworte ich selbst: Ich reguliere meinen Schmerz, auch und gerade dann, wenn ich ihn ausspreche.
Das gelingt nur, wenn ich den Sinn von Hingabe verstehe: Ich gebe Einblick in mein Innerstes, wage echte Intimität, indem ich mich mit meinen Wünschen samt meinem Schmerz zeige und gleichzeitig die Würde meines Partners achte. Das ist Ganzhingabe im Vertrauen, dass der andere, wenn schon nicht meinen Wunsch erfüllt, so doch meinen Schmerz sieht und versteht. Auch weil er mir ebenso begegnet.
Die Sexualtherapie übt das körperlich ein: Die Partner lehnen sich nicht mehr mit ihrem Gewicht aneinander. Sie stehen sich gegenüber und blicken sich an. In diesen Blick legen sie ihre innerste Bedürftigkeit und die Achtung vor der Innerlichkeit des anderen. Sie stehen zu ihrem Schmerz, ohne den anderen zu manipulieren oder zu gebrauchen. Nicht weil das angenehm ist, sondern weil das die Hingabe an die Hingabe selbst ist.
Jetzt wird bräutliche Liebe lebbar: Ich werde zum Bewahrer des Innersten meines Partners. Nicht durch Überschreitung eigener Grenzen oder durch emotionalen Druck. Sondern durch den Verzicht auf falsche Selbstaufopferung oder Überforderung. So entsteht Freiheit, die beiden Partnern – und der Ehe selbst – Wachstum und Reifung ermöglicht.
SEX & SOUL
Die Kolumne lebt von Leserfragen. Diese können anonym hier eingereicht werden: t1p.de/Sex-Soul
Der Autor ist Entwicklungspsychologe, Sexualberater und praktischer Theologe.
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