Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Vor der Geburt verstorbene Kinder

Das unsichtbare Kreuz

„Über Fehlgeburten und den Verlust eines Babys wird selten gesprochen. Der Pregnancy and Infant Loss Day am 15. Oktober gibt der Trauer Raum und fragt: Was kann helfen?
Verlorenes Kind
Foto: Imago/photothek | Um dem verlorenen Kind einen festen Platz in der Familie zu geben, kann man ihm einen Namen geben und beispielsweise am errechneten Zeugungs- oder Geburtstermin eine Kerze anzünden.

„Gestern wäre unsere Tochter Lucy 14 geworden“, erzählt Barbara, als ich mich mit ihr online treffe. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Amerika. Lucy war ihr erstes Kind. Es war eine schnelle Schwangerschaft, die große Freude auslöste. Und dann, ein paar Wochen später, die Nachricht, dass da kein Herzschlag mehr zu sehen ist. Die Trauer darüber, dass sie dieses Kind nicht kennenlernen wird, ist groß. Dazu kommt die körperliche Belastung einer Fehlgeburt – einer kleinen Geburt –, die emotional und physisch sehr herausfordernd ist. So wie Barbara geht es weltweit 23 Millionen Frauen pro Jahr. Jede zehnte Frau erleidet in ihrem Leben eine Fehlgeburt. Auch ich und meine Schwester Barbara.

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Am heutigen 15. Oktober wird der weltweite „Tag der Sternenkinder“ (ursprünglich „Pregnancy and Infant Loss Remembrance Day“) begangen, an dem man um 19 Uhr Ortszeit eine brennende Kerze ins Fenster stellen kann, um an die verstorbenen Kinder zu erinnern. Seit 2006 ist dies der Tag, an dem aller Verluste durch Fehlgeburt, Totgeburt, plötzlichen Kindstod oder Eileiterschwangerschaft gedacht wird. Solche Verluste sind häufig, aber oft werden sie nur privat und still betrauert. Der heutige Gedenktag will den Familien Raum geben, zu trauern und das oft Unsichtbare ins Licht zu rücken. Denn eine Fehl- oder Totgeburt ist für viele nicht nur eine biologische Anomalie, sondern ein tiefer Einschnitt ins Leben. „Du verlierst nicht bloß ein Kind, sondern auch eine potenzielle Zukunft“, meint Barbara. Sie hat diese Erfahrung siebenmal machen müssen. „Ich sage häufig: Das sind meine zwei Kinder hier auf der Erde und dann haben wir noch einige im Himmel.“ Lucy, Marcellino, Gianna, Maximilian, Madeleine, Thomas und Andrew gehören zu ihrer Familie dazu.

Die Unsichtbarkeit macht den Verlust noch schwerer

„Eines der schwierigsten Dinge bei einer Fehlgeburt ist das Gefühl, dass andere nicht anerkennen, dass dieses Kind überhaupt existiert hat.“ Es ist diese Unsichtbarkeit, die den Verlust noch schwerer macht. Wenn sonst ein Familienmitglied verstirbt, gibt es in der Regel eine Trauerfeier und ein Grab, das man besuchen kann. Doch besonders bei Fehlgeburten ist das meist nicht möglich. Und somit entfallen die üblichen Gesten bei Trauerfällen.

Was also hilft Familien in einer solchen Situation? Es seien nicht die großen Dinge, die ihr in Erinnerung geblieben sind, sondern die kleinen Gesten ihrer Freunde und Bekannten, meint Barbara. Eine Beileidskarte, ein Blumenstrauß, ein kleiner Vogel aus Porzellan als Erinnerung. Die ernst gemeinten Fragen: Wie geht es dir? oder Wie kann ich dir helfen? „Eine Freundin hat sich über die Jahre viele der errechneten Geburtstage gemerkt, und an dem Tag schreibt sie mir dann eine kurze Nachricht, um einfach nur zu sagen: ‚Ich denke an Maximilian.‘“ Aber auch Zeit zum Trauern und Heilen sei wichtig. Nach der dritten Fehlgeburt habe sie sich bewusst jede Woche einen Abend genommen, um zu beten und zu verarbeiten – bis es ihr besser ging. Doch allem voran, meint sie, sei es wichtig, dem Kind einen Namen zu geben und einen Gedenktag zu haben, um sich zu erinnern.

Auch Helmut Prader, Seelsorger und Professor für Moraltheologie an der Hochschule Heiligenkreuz, bestätigt das aus seiner langjährigen Erfahrung in der geistlichen Begleitung von betroffenen Ehepaaren. Er schlägt vor, für das Kind einen passenden Namen aus dem Heiligenkalender, um den Zeitpunkt der Zeugung oder des Todes herum, zu wählen. Und er rät dazu, wenn möglich, das Kind aus dem Krankenhaus mitzunehmen und zu bestatten.

Kirche in New York trägt verstorbene Kinder ein

Barbara erzählt mir von gemeinschaftlichen Bestattungen von Kliniken. Dort werden alle vor der Geburt verstorbenen Kinder auf einem sogenannten Sternenkind-Gräberfeld gemeinsam beigesetzt. Sie zeigt mir die Kerzen, die sie bei diesen Gottesdiensten mitgenommen hat und mit den Namen ihrer Kinder versehen hat. Doch nicht bei allen Kindern sei dies möglich gewesen. Diese ließ sie stattdessen in das „Book of Life“ in der „Church of the Holy Innocents“ in Manhattan, New York, eintragen. Dort können Eltern aus der ganzen Welt per Post oder online den Namen ihres ungeborenen Kindes einsenden. Dann wird der Name in das Buch eingetragen, eine Kerze angezündet und an jedem ersten Montag im Monat eine Messe für diese Kinder gelesen.

In Deutschland findet man solche Gedenkstätten auf vielen Friedhöfen (mein-sternenkind.net). Barbara und ihr Mann haben als Gedenktage die errechneten Geburtstermine der Kinder gewählt. An diesem Tag zünden sie jährlich die Kerzen der Kinder an und sprechen ein Gebet. Auch Prader betont, wie wichtig es sei, nicht so zu tun, als sei nichts gewesen: „Das Kind gehört ganz selbstverständlich dazu.“

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Doch auch Äußerungen, die nicht hilfreich sind, gibt es: „Früher hättest du gar nicht gewusst, dass du schwanger warst“, „das war doch noch gar kein richtiges Kind“, „zum Glück ist es früh passiert, so hast du noch keine Beziehung aufgebaut“ oder „beim nächsten Mal klappt es bestimmt“. Vieles entstehe aus der Hilflosigkeit im Umgang mit der Situation und der Trauer, meint Barbara. Und dann seien da noch die unwissenden Kommentare, die man erhält, wenn man keine Kinder oder „nur“ ein Kind hat: „Wann ist es denn bei euch endlich so weit?“ oder „Wünscht er sich denn nicht auch ein Geschwisterchen?“ Das „unsichtbare Kreuz“, wie Barbara es bezeichnet, ist nun einmal genau das – unsichtbar. Es ist kein offensichtliches Kreuz einer schweren Krankheit wie bei manch anderem, aber trotzdem ein ebenso großes.

Gewissheit auf ein Wiedersehen

„Die Fehlgeburten haben mich sehr viel darüber gelehrt, dass viele Dinge außerhalb meiner Kontrolle sind“, vertraut mir Barbara am Ende des Gespräches an. Wenn bei einer erneuten Schwangerschaft wieder die Angst mitschwang, dass es auch dieses Mal nicht klappen könnte, blieb ihr nichts anderes übrig, als jeden Tag alles wieder Gott hinzuhalten. Jedoch, so sagt sie mir, hat sie die Gewissheit, dass sie ihre sieben Kinder eines Tages in die Arme schließen darf. So wie es die Heilige Zélie Martin, Mutter der Heiligen Therese von Lisieux, die selbst vier Kinder verlor, geschrieben hat: „Wir werden unsere Kleinen dort droben wiedersehen. Das ist der große Trost, den ich empfand und immer noch empfinde.“


Die Autorin ist Sozialpädagogin, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie schreibt auf ihrem Blog über das Kirchenjahr: www.sanktwerk.de/blog.

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