Gesellschaft

Begegnung mit Gott im Knast

Für den Schauspieler und Rapper Mark Wahlberg kam die Rettung hinter Gittern. Von Burkhardt Gorissen
European premiere of Deepwater Horizon in London
Foto: Foto: | Harte Jugend, geglückte Lebenswende: Mark Wahlberg.dpa

Mark Wahlberg ist ein gefragter Star. Bekannt ist der Schauspieler unter anderem für seine Actionfilme „Shooter“ oder „Transformers: Ära des Untergangs“. Ungewöhnlich für einen Hollywood-Schauspieler ist sein öffentliches Bekenntnis zu Jesus Christus. Wahlbergs Weg war nicht leicht. Seinen Schutzengel hat er öfters als einmal ins Schwitzen gebracht.

Von guter Stimmung war erst einmal nicht die Rede. „Body is healthy/ And rhymes makes me wealthy/ Come on come on/ Feel it feel it/ Feel the vibration”, Mark Wahlberg ging durch die Hölle auf Erden, bevor er „Good vibrations“ singen konnte. Wahlberg kam 1971 in Boston als jüngstes von neun Kindern zur Welt. Seine Familie, Underdogs. Im Stadtteil Dorchester, einem der finstersten Arbeiterviertel der Stadt, herrschte das Gesetz der Straße. Ein bleierner Himmel, der sich über den Hochhäusern zu einem fernen Punkt zusammenzieht. Da erklingen keine Geigen, da geben finsteres Bass-Grooves und schräge Beats den Rhythmus vor. Rap eben. Nur der Stärkere siegt. Mark lernte früh. Wer nicht in einer Gang ist, hat keine Chance. „Es sind nicht nur die Schlechten oder die Dummen, die runtergezogen werden“, schrieb der große amerikanische Schriftsteller James Baldwin Ende der 1950er in seiner Erzählung „Sonny's Blues“ über die Slums der Farbigen.

Wo die Hölle ist, sind Drogen nicht weit. Schon als 13-Jähriger kokste Mark Wahlberg. Mit 16 kam er wegen versuchten Mordes in den Knast. Auf Droge hatte er eine Apotheke überfallen. Dabei schlug er blindlings einen Mann bewusstlos, einen anderen traf er so unglücklich, dass der auf einem Auge erblindete. Das Gesetz der Straße eben. „Es ist eigenartig“, sagt er im Rückblick, „obwohl ich eigentlich nicht gläubig war und Gott mich all die Jahre nie interessiert hatte, fing ich im Gefängnis an zu beten. (…) ,Oh Gott, bring mich hier raus und ich schwöre dir, ich werde das alles nie wieder tun…‘“.

Der Knastaufenthalt wurde zur Rettung für ihn. Hier lernte er Frater Flavin kennen. Der Priester machte ihm Mut, zeigte Auswege. Raus aus dem Drogentrott, aus der sich immer schneller drehenden Spirale der Gewalt. Janis Joplin hat geirrt, Freiheit ist eben nicht nur ein anderes Wort dafür, dass es nichts mehr zu verlieren gibt. Vor allem war es der Glaube, den Frater Flavin ihm eröffnete. Ein Tor zu einer neuen Welt. Zum Licht. Zu Gott. Bete, und lass die Gespenster der Vergangenheit ruhen. Zum ersten Mal in seinem Leben, weiß Wahlberg heute, fing er an, einen wirklichen Sinn in seinem Leben zu erkennen. „Als ich anfing, an Gott zu glauben, geschahen wunderbare Dinge.“ Beispielsweise die Hilfe seines älteren Bruders. Donnie feierte zu der Zeit, als Mark noch im Knast saß, längst weltweit Erfolge mit der Teenie-Band „New Kids on the Block“. Donnie verhalf ihm zu einem Plattenvertrag. Der Glaube hatte ihm wieder auf die Beine geholfen, jetzt lernte er selbstständig zu laufen. Als Marky Mark veröffentlichte er zwei Hip-Hop-Alben. Gleich seine erste Single erklomm die Spitze der US-Charts – „Good vibrations“. Das war 1991. Sein vielleicht ehrlichster Song ist „Wildside“, das auf Lou Reeds „Walk on the wild side“ basiert. Allerdings mit anderem Text. Während Lebemann Reed die Dekadenz zum Gott erhebt, kommt es bei Wahlberg zu einer kritischen Bestandsaufnahme des Lebens von Ghetto-Kids. „Put a lot of people through misery and wreck/ Everyone a suspect 'til someone was found“ – Wenn man viele Leute im Elend und in Ruinen verkommen lässt, wird jeder zu einem Verdächtigen, bis ein Schuldiger gefunden ist. Hunger brennt, bis die Reifen brennen – ein alltägliches Bild in US-amerikanischen Slums, abseits aller „Good vibrations“. Wahlberg weiß darum und redet es nicht schön. Vor kurzem sagte er dem „Gospel Herald“: „Die Kirche muss Menschen aus allen Bereichen des Lebens annehmen – wir sind nicht die Richter.“ Ein Satz, wie angegossen für den alten und neuen Weg der Kirche. „This is how it is – on the wildside“.

Eine markante Stimme, wie Reed, hatte Marky Mark nicht. Markig daher kam er wegen seines durchtrainierten Körpers. Da Rapper Wahlberg mit Vorliebe mit nacktem Oberkörper auftrat, wurde Designer Calvin Klein auf ihn aufmerksam und engagierte ihn als Unterwäschemodel. Parallel zu seinem musikalischen Erfolg nahm er seine Schauspielkarriere auf. Die erste große Rolle, ein Déja-vu: Er spielte neben Leonardo DiCaprio einen kriminellen Drogensüchtigen – „Jim Carroll – In den Straßen von New York“. Weitere bekannte Filme folgten „Boogie Nights“, „Planet der Affen“ und „Departed – Unter Feinden“. Darin spielte er unter der Regie von Martin Scorsese einen Bostoner Bullen. Diese Rolle brachte ihm eine Nominierung für den Oscar und den Golden Globe ein. Inzwischen ist er längst im Hollywood-Himmel angekommen: 2010 wurde er mit einem eigenen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame geehrt. Doch er hat die Wurzeln seines Erfolgs nicht vergessen: „Christ zu sein, ist der wichtigste Aspekt meines Lebens. (…) Wenn ich meinen Tag mit Gebet beginnen und meinen Fokus auf Jesus setzen kann, weiß ich, ich mache das Richtige“, sagte er dem Schweizer Magazin „jesus.ch“. Der Zeitschrift „Neon“ vertraute er an: „Ich nehme den Gottesdienst sehr ernst. Ich gehe jeden Sonntag, ohne Ausnahme.“ Und „The Chronicle“ berichtete, dass Wahlberg sogar die Dreharbeiten zu „Transformers 5“ unterbrach, um in die Sonntagsmesse zu gehen.

Sein neuer Film ermutigt dazu, Kinder großzuziehen

Momentan wirbt der 47-Jährige für seinen neuen Film „Instant Family“. Darin geht es um ein Paar, das über Nacht drei unruhige Teenager als Pflegekinder aufnimmt. Für Wahlberg gab es viele Gründe, diesen Film zu machen. „Wenn es eine Person gibt, die diesen Film sieht und sagt: ,Hey, es gibt ein Kind, das ein Zuhause braucht, und ich bin fähig und in der Lage, emotional und finanziell für es zu sorgen‘, ist das fantastisch.“ Er selbst führt eine glückliche Ehe mit US-Model Rhea Durham, mit der er seit 2009 verheiratet ist. Inzwischen hat das Paar vier Kinder.

Stellt sich die Frage, wie er das alles hinkriegt? Letztens postete der umtriebige Akteur seinen durchgetakteten Alltag. Um 2.30 klingelt sein Wecker. Die erste halbe Stunde nach dem Aufwachen gehört Gott. Nach dem Gebet ein kurzes Frühstück, dann Training von 3.40 bis 5.15 Uhr. Und so geht es weiter. Der Schauspieler schafft ganze 20 Termine pro Tag. Aber auch die Familie kommt dabei nicht zu kurz. Um 19.30 geht's dann schon ins Bett. Mutet das nicht fast mönchisch an? Jedenfalls war der Facebook-Post für manche Fans zu viel, sie machten sich darüber lustig. Wahlbergs Antwort: Schweigen. Für den frommen Schauspieler ist viel nicht genug. Er weiß, alles ist eine Begegnung mit dem einen, wahren, lebendigen Gott.

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