Mode besitzt eine eigentümliche wirklichkeitsverändernde Kraft: Sie überzieht die Welt mit einer zweiten Haut, bis das Reale im Gefälligen verschwindet. Sie ist das ewige Spiel mit der Maske, der Versuch, die Welt in ein schönes Zeichen zu verwandeln. Was sich derzeit jedoch in den Zirkeln der Berliner Linken abspielt, überschreitet die Grenzen des bloßen textilen Spiels. Es ist die Kapitulation des Geistes vor dem Stoff. Wer nicht das richtige Tuch knotet, wer nicht die korrekte Farbe zur Schau stellt, fliegt aus der Gemeinschaft der Gerechten. Die Parole wird nicht mehr gerufen, sie wird angezogen. Es ist eine performative Gleichschaltung durch den Kleiderschrank, eine Neuauflage jener unheilvollen Tradition, in der die Ästhetik ein ethisches Vakuum camoufliert und verschlingt. Die Masse folgt dem modischen Marschbefehl, berauscht von der eigenen Sichtbarkeit, während das kritische Bewusstsein am Garderobenhaken hängt.
Walter Benjamin schrieb über die Mode: Sie habe „die Witterung für das Aktuelle, wo immer es sich im Dickicht des Einst bewegt“. Sie sei „der Tigersprung ins Vergangene“. Genau darin liegt ihre Macht über die Geschichte: Sie holt deren Zeichen ins Hier und Jetzt, um sie dem jeweils neuesten Geschmack zu unterwerfen. Ein ästhetischer Raubzug am Historischen findet in Ateliers und auf Laufstegen statt. Die Mode nimmt rücksichtslos Maß an geschichtlichen Symbolen, kappt ihre Ecken und Kanten und stutzt das historisch Bedeutsame auf das Maß einer flüchtigen Gegenwart zurecht. Selbst die radikalste Rebellion vermag sie passgerecht zu machen für einen nach Neuigkeiten dürstenden Markt.
Mode verkommt zum historischen Flickwerk
Um dieses Phänomen in seiner Tragweite zu begreifen, sollte man den Blick von den Berliner Straßen weg und hin zu den Pariser Laufstegen richten, wo die Mode zum spirituellen und historischen Flickwerk verkommt. An vorderster Front Rick Owens, der eine dunkle, fast nihilistische Spiritualität auf den Runway bringt. Seine Kollektionen sind bevölkert von Hohepriestern der Dystopie; Models schreiten in schweren, sakral anmutenden Gewändern voran, als trügen sie Rüstungen einer Endzeitsekte. Es ist die Ästhetisierung des Untergangs, erdrückt von archaischer Schwere. Konsequent fortgesetzt wird diese spirituelle Suche von dem Designerduo Matières Fécales, allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen. Die Dunkelheit weicht einem klinischen, togenhaften Weiß. Das Duo inszeniert sich in hellen, sakralen Roben als Lichtgestalten einer neuen, posthumanen Religion. Auf dem Laufsteg vollzieht sich das politische Drama: Auf die Kollektion „The One Percent“ folgte „The Ninety-Nine Percent“. People of Color schreiten über den Catwalk der symbolträchtigen Place de la République und tragen eine groteske Last auf den Schultern: lebensechte, schlaffe Puppen, die als „Kapitalistenleichen“ inszeniert sind. Das Elend der Welt und der Triumph über den Unterdrücker werden zur theatralischen Requisite einer Modenschau. Der Tod des Klassenfeinds wird zum modischen Accessoire.
Hier schließt sich der Kreis zur Berliner Linken, die den Pariser Haute-Couture-Zynismus als moralische Pflichtübung inmitten der Hauptstadt exekutiert. Was in Paris als transgressive Kunst deklariert wird, degeneriert in Berlin zur Uniform der Gesinnung. Martha Kleedörfer, Hoffnungsträgerin der Linken im Wedding, performt in den sozialen Medien ein Stakkato aus Populistenslang und linkem Lamento. Das eigentliche Statement aber ist textiler Natur: Über dem akkurat drapierten Enteignungs-Kettchen befindet sich die Kufiya, Kleedörfers unverwechselbares Erkennungszeichen. Kein grob gewickeltes Palästinensertuch, wie es einst die Autonomen trugen, vielmehr eine Miniaturversion in subversiv-femininer Seidenausführung. So ordentlich, so domestiziert und adrett geknotet, wie es sich vielleicht für die Stewardess einer exklusiven arabischen Airline ziemen mag.
Während die Models von Matières Fécales politische Gegensätze als modisches Statement inszenieren, instrumentalisiert Kleedörfer ein politisches Symbol für den eigenen Distinktionsgewinn. Der Nahostkonflikt wird im Weddinger Kiez als modisch anschlussfähiges Accessoire banalisiert. Die Mini-Kufiya signalisiert: Ich bin radikal, aber doch ganz niedlich und ein bisschen selbstironisch obendrein. Vor allem aber dient das heilvolle Halstuch dazu, das moralische Ego zu wärmen und das Fähnchen in den Wind zu hängen. Pionierarbeit à la mode, die Partei dankt! Auf den Demonstrationen in Kreuzberg und Neukölln setzt sich diese Massenästhetik fort. Längst sieht man dort „Pali-Jacken“: 80er-Jahre-Windbreaker oder Bomberjacken im charakteristischen Schwarz-Weiß-Grün der palästinensischen Flagge, plakativ illustriert mit dem roten Hamas-Dreieck. Das Kleidungsstück fungiert als visuelle Monstranz, die jeden inhaltlichen Diskurs überflüssig machen soll. Es ist die Uniformierung einer Generation, die das Bekenntnis über das Denken stellt.
Auf den Druck folgte Abbitte
Was aber geschieht, wenn der Schutzschild versagt und die harte Realität der Straße über die vermeintlich Unfehlbaren hereinbricht? Dann schlägt die Stunde der Bußfertigen, die sich im Falle des inkriminierten Neuköllner Linken-Abgeordneten allerdings in Kaiser Koçaks neuen Kleidern erschöpft. Ein eindrückliches Schauspiel lieferte der Politiker Ende September. Ferat Koçak geriet massiv in die Kritik, nachdem Chatnachrichten zwischen ihm und Firas Remmo, einem Mitglied der polizeibekannten Berliner Großfamilie Remmo, öffentlich geworden waren. Koçak schrieb: „Grüße mit Respekt zurück an deinen Vater.“ Später erklärte er, er habe zunächst nicht gewusst, mit wem er kommunizierte. Nachdem er den Zusammenhang erkannt hatte, hätte er vorsichtiger handeln müssen. Seinen Sitz im Innenausschuss des Bundestags gab er auf.
Als der Druck stieg, folgte die öffentliche Abbitte. Doch Koçak wählte für diesen Gang nach Canossa keine revolutionäre Kluft. Er trat im diskreten bordeauxfarbenen Pullover mit blütenweißem Hemd auf – perfekt inszenierte textile Semiotik. Der schlichte Pullover erfüllte die Funktion des modernen Büßergewands, selbstverständlich in einer bürgerlichen, sozialverträglichen Variante. Das schmiegsame Material sollte die Härte der Vorwürfe abfedern. In seiner Erklärung rechtfertigte Koçak den Chat-Gruß mit den Worten: „Das gehört sich in meiner Community so.“ Die Unterwelt-Geste wird flugs zum kulturellen Automatismus umgedeutet. Wer im braven Pulli um Entschuldigung bittet und dabei kulturelle Gepflogenheiten vorschiebt, signalisiert dem Publikum: Seht her, ich bin kein Komplize von Kriminellen. Ich bin ein reflektierter Bürger, der aus Naivität einen Fauxpas beging. Das edle Garn legt sich wie ein Filter über das hässliche Bild der Clan-Kontakte. Und wer nimmt nicht gern verlorene Schäfchen im demokratischen Schoße auf?
Die Rezensentin ist Journalistin und Essayistin und lebt in Berlin.
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