Mein Gott, um Gottes Willen“ ist ein unvollständiges Zitat. Es stammt vom österreichischen Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) und fiel eine Woche, nachdem der ORF mit Clemens Pig einen neuen Generaldirektor erkor. In Gänze gehört zum Kanzlerwort eine wichtige Relativierung: „Mein Gott, um Gottes Willen. Hat er das halt gesagt.“
Wer hat was halt gesagt? Stockers ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti hatte sich im Vorfeld der ORF-Wahl ermutigend für eine Kandidatur Pigs ausgesprochen, des damaligen Chefs der nationalen österreichischen Presse-Agentur APA (Sie befindet sich im Besitz österreichischer Zeitungen und des ORF). Nicht nur in Gang, sondern zum Überkochen brachte der schwarze General damit eine Debatte um den Einfluss der Politik auf den wichtigsten Posten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Von da an war klar: Pig galt als der Kandidat, auf den sich die beiden Großparteien ÖVP und SPÖ geeinigt hätten. Formal musste der 35-köpfige Stiftungsrat des ORF den neuen Chef am Küniglberg noch wählen, was er mit der absoluten Mehrheit von 21 Stimmen auch tat.
Pathetische Verrenkungen
Weil man sich aber eine ausgemachte Sache nicht (mehr) leisten konnte, tat man alles, um den Prozess so transparent wie verschleiernd zu orchestrieren – und überspannte den Bogen: 75 Bewerber fanden sich aus freien Stücken, bei 13 Kandidaten entschied eine Findungskommission, dass sie die Kriterien für den Top-Job formal erfüllen würden, und neun Kandidaten wurden schließlich nach einem öffentlich im Fernsehen übertragenen Hearing zur Wahl zugelassen.
Als wäre das noch nicht genug ermüdende Offenbarung eigener Bemühtheit, nahm man sich für die Wahl selbst noch einmal flotte 15 Stunden Zeit. Während viele der beobachtenden Journalisten im Laufe des Befragungs- und Wahlmarathons ihren Arbeitsplatz bereits verlassen hatten, trat Pig, nachdem die Entscheidung auf ihn gefallen war, in der Nacht vom 11. auf den 12. Juni um 1.50 Uhr vor das schlafende Österreich. Ein Schauspiel fand ein Ende. Wobei Pig es eher als Epos beschrieb: „Ein langer Tag geht zu Ende, und ein neuer Morgen für den ORF bricht an“, sagte er lyrisch bemüht.
Neben dem Vorwurf der politischen Einflussnahme gab es eine Reihe von Gründen, die all die Verrenkungen und Pigs pathetische Prophezeiung von einem neuen Morgen erklären. Pigs Vorgänger Roland Weißmann war im März über eine Affäre mutmaßlicher sexueller Belästigung einer Mitarbeiterin gestolpert – eine Causa, die bis heute nicht restlos aufgeklärt ist. Danach übernahm die Interimschefin Ingrid Thurnher, ein ORF-Urgestein, wollte aber nicht länger als nötig und schon gar nicht auf Dauer bleiben.
Hinzu kam, dass sich Österreichs staatlicher Rundfunk so regelmäßig wie pünktlich auf eine Kostendebatte einstellen kann, wenn im Zuge des Transparenzberichts die Gagen der führenden Mitarbeiter veröffentlicht werden: Aktuell kassieren 62 ORFler über 170 000 Euro jährlich, die zehn Topverdiener allein über drei Millionen Euro. Dafür bezuschusst die Bevölkerung den Sender am Küniglberg – gewollt oder nicht – mit über 700 Millionen Euro Haushaltsabgabe im Jahr. Zu guter Letzt sitzt dem Sender sein schärfster politischer Gegner im Nacken und ist mit derzeit weit über 30 Prozent in Umfragen die mit großem Abstand stärkste Kraft im Land, die FPÖ.
Eine Gemengelage, die nicht nur den Druck erhöht, sondern eine Reformdebatte de facto erzwingt. Kommen soll die große Reform im Herbst, angeleitet von Medienminister und Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ). Was von Seiten der Regierung geplant ist, grenzt an ein rotes Staatsgeheimnis. Bisher gibt es nur die Problembeschreibung, aber keine Lösung. Aus der SPÖ heißt es: „Die Reform im Herbst wird ein wichtiger Schritt sein, um Transparenz, Qualität und Bürgernähe weiter zu stärken und gegen bekannt gewordene Missstände wie Machtmissbrauch, Übergriffigkeiten und unangemessenes Verhalten vorzugehen.“
Erste Pläne haben andere. Der kleinste Partner in Österreichs Dreier-Koalition, die Neos, wollen den parteipolitischen Einfluss zur Gänze aus dem ORF verdrängen. Die Kanzlerpartei ÖVP fordert, „den ORF schlanker, digitaler, transparenter, bürgernäher, regionaler und nachhaltiger zu gestalten“. Die Grünen in der Opposition wollen den Stiftungsrat verkleinern und künftig eine ORF-Doppelspitze. Und besagter Hauptgegner des ORF, die FPÖ, will dem Sender rundum gehörig ans Leder. Die Freiheitlichen fordern eine „ORF-Totalreform“ sowie einen „gertenschlanken Grundfunk – ohne jegliche Zwangsgebühren, ohne politische Einflussnahme, ohne links-woke Indoktrinationsberichterstattung, ohne Luxusgagen und ohne Privilegien“.
Wird es eher technokratisch?
Wenn sich der ORF ersparen will, dass einige der Forderungen bald Realität werden, muss er sich vorher selbst neu erfinden. Das läge jetzt in den Händen von Chef Pig. Der Medienmanager ist erfahren, schließlich stand er rund zehn Jahre an der Spitze der nationalen Nachrichtenagentur APA. Gänzlich fehlen ihm Berufsjahre mit Berührung zu TV und Radio. Was der Tag nach dem Morgen für den ORF unter einem Generaldirektor Pig bringt, ist eine Woche nach der Wahl noch übersichtlich: Pig will vier Direktoren unter sich besetzen – für Finanzen, Technologie, Programm und Publikum.
Die bisherige Radiodirektion wird eingespart. Das wirkt eher nach einem zurückhaltenden technokratischen Ansatz als nach einer mutigen Reform. Wichtig ist dem neuen ORF-Chef noch, dass die vier Direktionen paritätisch zwischen Mann und Frau besetzt werden, was übrigens auch in den neun Landesstudios gelten soll. In den letzten Monaten wurden vom Geld über Affären bis hin zur Verpolitisierung viele Klagelieder über den ORF gesungen. Wie man mit einer Geschlechterquote eines dieser Probleme lösen könnte, bleibt entweder eine spannende Frage mit einer überraschenden Antwort Pigs oder dessen ewiges Geheimnis.
Routiniert ist der oberste Manager des ORF aus Tirol im Ton. In seiner ersten Pressekonferenz in der Früh um 2 Uhr kündigte er an, was man schon oft gehört, was aber noch nie geholfen hat: Dass er „mit Dankbarkeit und Demut“ die Verantwortung annehme; dass er durch „gute Entscheidungen, Kommunikation und Glaubwürdigkeit“ Vertrauen aufbauen wolle und dass „die Herausforderungen für den ORF groß, vielfältig und gleichzeitig“ seien. Die Realität ist nüchterner: Wenn Pig Anfang 2027 sein Amt antreten wird, fehlen ihm erst einmal fast 100 Millionen Zuschuss, die die Regierung dem ORF gestrichen hat.
Österreich muss sparen, das eben präsentierte Doppelbudget der Regierung war ein zäher Kraftakt und bei einem löchrigen Budget muss auch der Öffentlich-Rechtliche Verzicht üben. Dass die Regierung unter Führung von Bundeskanzler Stocker beim ORF den Gürtel enger schnallt, ist für den neuen General unerfreulich, aber wahrscheinlich verkraftbar. Aufhorchen wird Pig müssen, wenn beim Kanzler wieder einmal der Ton die Musik macht. Sollte Stocker in den nächsten Monaten im Zusammenhang mit Pig noch einmal Sätze sagen wie „mein Gott, um Gottes Willen“ – ohne relativierenden Nachsatz – wird Pig wissen, dass es wirklich eng wird.
Der Autor arbeitet als Journalist in Wien.
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