Machen soziale Medien krank?

Die DAK-Gesundheit nimmt sich des Themas „Social Media“ an – sowohl in einer Studie als auch in einer bundesweiten Werbekampagne. Von Josef Bordat
Die DAK plädiert für ein gesundes Miteinander in digitalen Zeiten.
Foto: DAK | Die DAK plädiert für ein gesundes Miteinander in digitalen Zeiten.

Ganz schön krank, Leute!“ Das Plakat fällt auf. Es ist bunt und erinnert eher an Werbung für einen Club oder eine neue Bekleidungslinie für Jugendliche. Oder für ein neues Handy mit noch mehr Leistung. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Die Botschaft richtet sich an jugendliche Smartphone- und Social Media-Nutzer, vor allem an diejenigen, die exzessiv Gebrauch von Facebook & Co. machen. Und das werden immer mehr. Die Einrichtung, die hier wirbt, ist eine große Krankenkasse: die DAK-Gesundheit.

Sie wirbt damit nicht nur für sich, sondern für ein gesundes (oder zumindest gesünderes) Miteinander in der Gesellschaft. Damit will sich die DAK-Gesundheit gegen die negative Stimmung, den aggressiven Umgang und die Tendenz zur Abschottung in der eigenen „Filterblase“ aussprechen und gleichzeitig für eine Weiterentwicklung des Gesundheitssystems einsetzen. Die Plakatmotive und -slogans thematisieren die Risiken für die psychische Gesundheit im Kontext der Nutzung Sozialer Medien. Die Website gesundes-miteinander.de soll die einzelnen Themen vertiefen und neben weiteren Informationen auch Hilfestellungen für den Alltag bieten. Die bundesweit plakatierte Werbung, für die die Hamburger Agentur „Philipp und Keuntje“ verantwortlich zeichnet, fällt so sehr auf, dass sie Gesprächsthema ist. „Aufmerksamkeitsstark“ nennen das die Marketingfachleute. Auch Berlins Erzbischof Heiner Koch nimmt die Botschaft in seinem Grußwort zur „Woche der Brüderlichkeit“ (10. bis 17. März) auf: „Wir ,haten‘, ,shamen‘, ,trollen‘, ,dissen‘ und beschimpfen uns in der Anonymität des Netzes, aber zunehmend auch auf offener Straße, unter aller Augen. Ja, in der Tat, ganz schön krank, was da manchmal so abläuft. Hass macht nicht nur hässlich, sondern auch krank, an Leib und Seele.“

Dass die Krankenkasse mit ihrer Kampagne ins Schwarze zielt, weiß sie nicht zuletzt aus einer von ihr gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Suchtfragen vor einem Jahr in Auftrag gegebenen Studie, die sich mit der Social-Media-Abhängigkeit befasst. Für die DAK-Studie „WhatsApp, Instagram und Co. – so süchtig macht Social Media“ hat das Forsa-Institut 1 001 Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf bis siebzehn Jahren befragt. Das erschreckende Resultat: In Deutschland erfüllt jedes 40. Kind beziehungsweise jeder 40. Jugendliche der betreffenden Altersgruppe (2,6 Prozent) die Kriterien für eine Abhängigkeit nach der sogenannten „Social Media Disorder Scale“, einem in den Niederlanden entwickelten und international anerkannten Kriterienkatalog. Mädchen sind mit 3,4 Prozent häufiger betroffen als Jungen (1,9 Prozent). Die sozialen Probleme sind vielfältig: zu wenig Schlaf, Realitätsflucht und Streit mit den Eltern.

Dramatisch sind auch die gesundheitlichen Folgen. Besonders alarmierend, so der Suchtexperte Rainer Thomasius, sei der Zusammenhang zwischen Social Media-Sucht und Depressionen:

Wer von Sozialen Medien abhängig ist, dessen Risiko, an einer Depression zu erkranken, ist um den Faktor 4,6 höher als bei Nicht-Süchtigen. Besonders problematisch, ja, fast schon tragisch ist in diesem Zusammenhang, dass jeder dritte Befragte die Sozialen Medien nutzt, um nicht an unangenehme Dinge denken zu müssen; bei den Mädchen trifft dies sogar auf vier von zehn Befragten zu. Mit ihrem Nutzungsverhalten verstärken die jungen Menschen also unbewusst ihren Hang zu depressiver Verstimmung weiter, müssen über kurz oder lang noch mehr Realitätsflucht betreiben und so weiter. Das Internet als psychosoziale Abwärtsspirale.

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