„Bilder sind Wege“, hat der Münsteraner Theologe Jürgen Werbick seine 1992 erschienene Gotteslehre genannt. Bilder sind Wege, um sich Gott anzunähern und sein Geheimnis tiefer zu verstehen. Bilder tragen – wie Kunstwerke überhaupt – einen Sinnüberschuss in sich, durch den immer wieder neu ein Dialog mit dem Betrachter initiiert und der Weg des Verstehens weitergeführt wird.
Die in Würzburg tätige Historikerin und Philosophin Dagmar Dewald nähert sich über Bilder einem Thema, das zu den schwierigsten des christlichen Glaubens gehört: der Beschaffenheit der Leiblichkeit Jesu Christi nach seiner Auferstehung. Das Buch ist mit 157 Seiten relativ schmal, aber reich an Gedanken und sorgfältig reproduzierten Bildern und Bild-Details vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit.
Der Leib ist mehr als ein bloß stofflicher Körper
Das Thema des Leibes – der mehr ist als bloß stofflicher Körper, nämlich Raum personaler Selbstverwirklichung in der Beziehung zu Gott, Welt und Mitmensch – umfasst verschiedene Aspekte, die im ersten Kapitel bedacht, teilweise auch kurz definiert werden. Als „Fleisch“ ist der Leib in seiner Begrenztheit und Sterblichkeit, auch seiner Neigung zur Sünde gemeint. „Seele“ bedeutet das Lebensprinzip des Körpers, das diesen überdauert und so die Kontinuität zwischen dem irdischen Leib und der verklärten Leiblichkeit bei der allgemeinen Auferstehung im Endgericht garantiert. Nach dem Saat-Gleichnis des Apostels Paulus im ersten Korintherbrief (15, 42–53) trägt die irdische Existenz den Keim der kommenden leiblichen Vollendung bereits in sich.
Die Autorin macht deutlich, dass entgegen dem landläufigen Vorurteil, das Christentum sei zumindest in der Vergangenheit eine tendenziell leibfeindliche Religion gewesen, der Leib schon vom Schöpfungsbericht an die Einmaligkeit, Geschichtlichkeit und Beziehungsfähigkeit des Menschen positiv hervorhebt. Seine ewige Gemeinschaft mit Gott ist deshalb gar nicht ohne Leiblichkeit vorstellbar. In der irdischen Existenz freilich bleibt der Leib ein ambivalenter „Kampfplatz“, der Ort größten Glücks wie bittersten Scheiterns; der Leib ist erlösungsbedürftig, aber auch „heilsfähig“, ja, „heilsbegründend“. „Das Fleisch ist Dreh- und Angelpunkt des Heils“, sagt Tertullian.
Gottesbild des Alten Testaments
Einen relativ langen Anweg zum gestellten Thema des Auferstehungsleibes wählt das zweite Kapitel. Zunächst wird am Grabower Altarbild des Meisters Bertram von Minden (um 1380) die Darstellung des Gottesleibes im Vergleich zum Menschenleib betrachtet. Es geht dabei streng genommen um das Gottesbild des Alten Testaments, das in der christlichen Kunst aber immer schon im Licht des Neuen Testaments verstanden wird – nicht nur in Form von Anspielungen auf Jesus Christus selbst, sondern auch durch die Betonung der personalen, ja, emotionalen Beziehung Gottes zum Menschen, die auf echte Wechselseitigkeit, Austausch und Liebe schließen lässt.
Gottes Präsenz in der Schöpfung wird in Wort und Bild als eine leibliche aufgefasst, die dennoch von anderer Art ist als die Leiblichkeit des Menschen. Dewald spricht von einem „Herrlichkeitsleib“, der über die Grenzen von Raum und Zeit erhaben sei. Allerdings bleibt zu bedenken, dass der Auferstehungsleib Jesu der auferweckte Leib des menschgewordenen Sohnes Gottes ist und damit nicht einfach identisch mit der in leiblichen Bildern ausgesagten Gegenwart Gottes in seiner Schöpfung vor der Inkarnation.
Jesus als Mensch und Mann
So beginnt die Autorin den neutestamentlichen Teil ihrer Studie denn auch richtig mit der Analyse einiger Bildwerke, die das Leben des Menschen Jesus darstellen. In zum Teil drastischem Realismus zeigen die Künstler die Geburt, die Beschneidung oder das Stillen Jesu an der Brust seiner Mutter. Anders als manche Theologen heute behaupten, ist Gott eben nicht nur Mensch, sondern Mann geworden, weil Menschsein geschlechtliches Bestimmtsein und damit die Fähigkeit zu Ergänzung und Erfüllung durch das andere Geschlecht umfasst.
Maria vertritt als Frau das ganze Menschengeschlecht, indem sie ihre Mutterschaft in der Brautschaft Christus gegenüber vollendet, wie es viele Gemälde in zarter Diskretion darstellen – etwa wenn der Jesusknabe bei Bernard van Orley (um 1518) der Mutter ans Kinn fasst, was „für Brautwerbung oder hochzeitliche Vereinigung steht.“
Jesus als Auferstandener
Das zentrale Thema des Buches wird leider nur auf vierzehn Seiten besprochen. Die Erscheinungen des Auferstandenen wären reicher an Einsichten, als hier deutlich wird. Dewald behandelt zwei Aspekte: Den Auferstandenen erkennen können nur jene, die zu ihm gehören; die Wunden des Gekreuzigten bleiben auch am Leib des Auferweckten sichtbar. Ebenso wichtig wären das mehrfach berichtete Ostermahl der Jünger mit dem Auferstandenen, die verschiedenen Orte und Weisen, in denen er ihnen erscheint, das schrittweise Erkanntwerden, die Begegnung mit dem Auferstandenen unter dem Gesichtspunkt der Offenbarung, der Vergebung und der Liebe.
Maria Magdalena will Jesus anfassen, darf es aber nicht, Thomas hingegen wird die Berührung erlaubt – ob er sie tatsächlich wagt, lässt Johannes offen, während viele Künstler diesen Moment des „Kontakts“ zwischen irdischer und verklärter Leiblichkeit ausgestalten. Mit einer sehr detaillierten und vom Thema eher wegführenden Interpretation eines Gemäldes des Jan van Eyck endet die Studie; ein Literatur- und Abbildungsverzeichnis runden sie ab. Als unabgeschlossen empfindet die Autorin offensichtlich selbst ihr Werk, fordert sie doch in einem „Ausblick“ die Leser dazu auf, „Gegenfragen“ zu stellen und weiterführende „Anmerkungen“ zu machen.
Gewagte Spekulationen bei Bildbetrachtung
Zunächst wäre es methodisch besser gewesen, exegetische, dogmatische und kunstgeschichtliche Zugänge zu den einzelnen Fragen rund um die Leiblichkeit Jesu etwas mehr voneinander abzuheben, anstatt sie bunt durcheinander zu mischen. Bildaussagen auf derselben Ebene wie Glaubenslehren oder Bibelzitate zu behandeln, weist der Kunst eine Eindeutigkeit zu, die sie nicht besitzt, und verunklärt umgekehrt, was tatsächlich Lehre der Kirche ist und was künstlerisch freie Deutung des Credo.
Dewald lässt sich von der Macht der Bilder manchmal zu gewagten Spekulationen hinreißen, etwa dass sich auch die menschlichen Auferstehungsleiber noch liebend durchdringen können. Das verstößt eindeutig gegen Jesu Antwort auf die Sadduzäerfrage (Mk 12, 25). Rein spekulativ ist auch der Gedanke, dass die Muttermilch Mariens und das Blut Christi „aus demselben Stoff“ seien, was hinter die Ausschließlichkeit der Erlösung durch Jesus Christus zumindest ein Fragezeichen setzt.
Inhaltliche Mängel des Buches
Theologisch wäre der neue und endgültige Schritt, den Gott in seiner Liebesoffenbarung in der Einheit von Menschwerdung, Passion, Tod und Auferstehung Jesu Christi getan hat, noch mehr zu würdigen. Der Auferstehungsleib ist durch die Gewalt der gelebten Geschichte gezeichnet, was weder vom Herrlichkeitsleib Gottes im Alten Testament noch vom lichtstrahlenden Leib Jesu bei der Verklärung auf dem Tabor gilt.
Als theoretisches Fundament weiterer Überlegungen wäre aufzugreifen, was Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz aus einer phänomenologischen oder Eckhart Nordhofen aus einer religionsgeschichtlichen und -philosophischen Sichtweise erarbeitet haben. Von Joseph Ratzingers „Eschatologie“ her, die die Autorin mehrfach zitiert, könnte eine personal-dialogische, gemeinschaftsbezogene Anthropologie noch weiter vertieft und zur Plausibilisierung des Auferstehungsleibes herangezogen werden, der in vollendeter Gestalt die Bestimmung aller Menschen zu leibhaft-sinnlich vermittelter, von der Seele „geformter“ Kommunikation und Kommunion untereinander, letztlich zum erlösten Mitsein in Liebe, repräsentiert.
Schließlich fehlt im Buch ein Hinweis auf die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel, die doch viel eher als Analogie zum Auferstehungsleib Jesu herangezogen werden könnte als die von der Autorin genannte Reliquienverehrung von Heiligen. Bilder sind Wege, sie sind nicht das Ziel. Sie laden ein, im eigenen Verstehen der Glaubenswahrheiten voranzuschreiten. Dazu leistet das Buch von Frau Dewald einen wertvollen Beitrag, der zu weiterer Beschäftigung anregt.
Dagmar Dewald: Der Auferstehungsleib. Ein Blick über die Todesgrenze entlang mittelalterlicher Bildwerke. Verlag Friedrich Pustet Regensburg 2026,158 Seiten, EUR 22,-
Der Rezensent ist Lehrstuhlinhaber für Dogmatik und Ökumenischer Dialog an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie.
Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.










