Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Buchrezension

Mit Verstand knien

Das Werk des normannischen Theologen Ralph von Battle liegt erstmals auf Deutsch vor.
Ralph von Battle zu Glaube und Verstand
Foto: Wiki commons | Die Ruinen von Battle Abbey in England. Ralph von Battle war Abt des Klosters, das nach der Schlacht von Hastings 1066 gegründet wurde.

Wieviel Demut geziemt dem Christen? Das Papst Benedikt XVI. zugeschriebene Wort von der „knienden Theologie“ darf keineswegs so verstanden werden, als fordere der Theologe Ratzinger eine nur demutsvolle, quasi gebückte Weise, über Gott nachzudenken. In einer Generalaudienz im Oktober 2009 sagte der Papst unter Bezugnahme auf Hans Urs von Balthasar vielmehr: „Theologie kann nicht allein im Knien und nicht allein im Sitzen gemacht werden.“ 

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Das ehrfurchtsvolle „Hören“ der monastischen Theologie des Mittelalters und das respektvolle „In-Frage-Stellen“ der scholastischen Theologie gehörten vielmehr zusammen: „Zwischen Glaube und Vernunft herrscht eine natürliche, in der Schöpfungsordnung begründete Freundschaft.“ Vor diesem Hintergrund muss man die vom Fuldaer Philosophen und Anselm-Kenner Bernd Goebel herausgegebenen Schriften des Abtes Ralph von Battle (1040–1124) lesen, einer zentralen Figur der normannischen Klosterreform in England im Umkreis des Anselm von Canterbury.

Impulse aus vorbildlichem Klosterleben und intellektuellem Glauben

Hier kann man erleben, wie ein vorbildliches Klosterleben – Ralph war Abt der nach der Schlacht von Hastings gegründeten Abtei Battle – und hohe Bildung zu einer intellektuellen Durchdringung des Glaubens fanden, die auch heute Impulse vermitteln kann. Die „Meditation eines gewissen Christen über den Glauben“, die Goebel nun vorgelegt hat, ist nicht mehr und nicht weniger als ein theologischer Systementwurf, „keine erbauliche Innenschau, die von Bibelzitaten durchdrungen ist, sondern eine diskursive Form der Besinnung“. 

Nach dem Sündenfall, den der Teufel durch Täuschung des Menschen herbeigeführt habe, war es angemessen, führt Ralph aus, dass nicht ein durch die Erbsünde befleckter Mensch „Rechtheit“ (rectitudo) und Genugtuung (satisfactio) für den Sündenfall leiste, sondern ein Sündenloser. Also war es „notwendig“, dass ein „vernunftbegabtes Wesen vom Himmel herabstiege und auf Erden als Mensch ohne Sünde geboren würde“. „Da beide, Mann wie Frau, verloren gegangen waren und erlöst werden mussten, wurde Gott von einer Frau als Mann geboren.“ 

Mensch, besitzt „keine geringen Spuren der Gottähnlichkeit“

So konnte die Erlösung des Menschengeschlechtes ihren Anfang nehmen. Dieser, der schwache Mensch, besitze „keine geringen Spuren der Gottähnlichkeit“. Ralph weiter: „Auch wenn das vernunftbegabte Geschöpf nämlich einen Anfang hat, was Gott nicht hat, weil er ewig ist, wird es durch Gabe des Schöpfers kein Ende mehr haben. Dies sage ich jedoch nicht vom Menschen gemäß dem Fleisch, sondern gemäß der Seele, nach der er unsterblich und unsichtbar wie der Engel fortbesteht.“

Was kommt dem Menschen im irdischen Leben zu? „Der Mensch ist ja darin nach dem Abbild Gottes gemacht, dass er vernunftbegabt gemacht wurde, damit er, so wie Gott, der die höchste Vernunft ist, alles auf vernünftige Weise tut“: Anspruch und Vision des Menschen bei Ralph von Battle, der mit einem Aufruf zur Selbstvervollkommnung begonnen hatte und, typisch für die monastische Theologie, mit einem Gebet schließt.

Der Heilige Geist und der Filioque-Streit

In weiteren Texten der Auswahl geht es um den Heiligen Geist. Der Filioque-Streit spielt mit hinein, also die Frage, ob der Geist nur vom Vater oder vom Vater und dem Sohn ausgeht. Letzteres nahm die Westkirche etwa ab dem 5. Jahrhundert an, um die Göttlichkeit auch des Sohnes zu unterstreichen, während die Ostkirche die Stellung des Vaters betont und im Filioque daher einen Angriff auf dessen „Monarchie“ sieht.

Ralphs Ansatz dazu, in den Worten von Goebel: „Die Identität des Heiligen Geistes als wechselseitige Liebe zwischen dem Vater und dem Sohn wird von Ralph als Grund für die Redeweise der lateinischen Kirche präsentiert, dass der Heilige Geist sowohl aus dem Vater als auch aus dem Sohn hervorgeht.“

Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht: „Diese Formel bedeute keine absolute Symmetrie in den Relationen der beiden anderen göttlichen Personen zum Geist; denn während der Sohn es ‚vom Vater habe‘, dass der Geist aus ihm hervorgeht, ‚habe der Vater dies von sich selbst‘.“ Jenes Hervorgehen (procedere) dürfe man aber nicht ein Geborenwerden nennen, weil der Heilige Geist – wenn der Geist aus dem Vater und aus dem Sohn geboren würde – dann als Sohn sowohl des Vaters als auch des Sohnes erschiene.

Verständliche spekulative Theologie

Dies aber, so Ralph unter Rückgriff auf Augustinus, sei absurd, weil das Sohnsein, sofern eine Beziehung dreier Personen gemeint sei, immer einen Vater und eine Mutter voraussetze. Der Sohn werde aus dem Vater geboren, sagt der Abt, der Heilige Geist aber gehe aus Vater und Sohn hervor, doch nicht durch Geborenwerden. Das ist spekulative Theologie hohen Grades, die aber stets die menschliche Natur zugrunde legt.

In seinen sorgfältigen Einführungen zu den einzelnen hier versammelten Werken des Abtes macht Bernd Goebel es dem Leser leicht, ihm auf den gedanklichen Pfaden dieses ebenso frommen wie klar denkenden Benediktiners zu folgen. Die erst seit den 1960er-Jahren zugeordneten Werke des Ralph von Battle werden, auf drei Bände berechnet, nun zum ersten Mal auf Latein und in meisterhafter deutscher Übersetzung zugänglich gemacht.


Ralph von Battle: Die Meditation eines gewissen Christen über den Glauben und andere Schriften zur Gottes- und Schöpfungslehre, Latein und Deutsch herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Bernd Goebel, EOS Verlag, St. Ottilien, 2026, 306 Seiten, EUR 29,95

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