Das freiheitliche Magazin „Der Sandwirt“ hat mit seinem Motto Recht: Im Wein liegt die Wahrheit, im Bier liegt die Freiheit. Und da diese Aussage wahr ist, hat sich der Autor Jaroslav Rudiš völlig folgerichtig eben diesem schmackhaften und nahrhaften Gerstensaft ausführlich gewidmet.
Nun hat der tschechische Journalist, der neben seiner Muttersprache auch auf Deutsch schreibt, mit der „Gebrauchsanweisung für Bier“ ein Werk vorgelegt, dessen wahrscheinlich einziges Manko sein Titel ist. Denn was wie ein Sachbuch klingt, ist in Wahrheit ein literarischer Reisebericht. Rudiš nimmt das Bier als Vorwand, um durch Mitteleuropa zu reisen, oder anders, er nimmt die Reise, um in Mitteleuropa Bier zu trinken. Wie dem auch sei, so viel es um das flüssig-sprudelnde Gold geht, so wenig geht es um das Getränk. Bier ist bei Rudi(s) weniger ein Durstlöscher oder Launemacher als vielmehr ein sozialer Ort, der Generationen, Länder, kurz: Geschichten von Menschen verbindet, die sich vielleicht nie begegnet wären.
Die Geschichte beginnt mit einem schlechten Bier
Was bei einem tschechischen Autor keine Überraschung darstellt: Das Herzstück des Buches ist das zweite Kapitel „Bierparadies Böhmen“, in dem er in Turnov im Alter von fünfzig Minuten, ja, nicht fünfzig Jahren, das erste Bier trank. Den Anfang macht Pilsen. Doch ausgerechnet mit einem schlechten Bier beginnt die Geschichte: 1838 wurden dort nämlich 36 Fässer Bier auf dem Marktplatz ausgeschüttet. Aus dieser kaum hinzunehmenden Katastrophe entstand die Idee einer modernen Brauerei und schließlich 1842 das Pilsner Urquell. Ein gewisser Joseph Groll aus Niederbayern brachte die untergärige Hefe nach Pilsen und schuf damit einen bis dato einzigartigen Bierstil, der sich anschließend über die ganze Welt verbreitete: das Pils.
Überhaupt ist Rudiš die böhmisch-bayerische Verbindung wichtig. Denn das Pilsener Bier ist eben nicht ausschließlich eine tschechische Erfolgsgeschichte. Groll kam aus Bayern, die technische Entwicklung hängt eng mit Bayern, aber auch mit Österreich zusammen, und die Eisenbahn verbreitet das Bier schließlich in alle Richtungen. Wahlweise auch mit Autoren, die dabei ein Pils trinken. Die Geschichte des Pils wird damit zu einer kleinen Geschichte Mitteleuropas. Und das ist oft so: Reiseerfahrungen ergeben sich eher „by the way“ und werden nicht von oben oktroyiert. Und wenn dabei das Getränk auch noch schmeckt, ist es natürlich noch besser.
Kafka, Kraus und Kaiser Franz Joseph
Nach Böhmen folgt das Bier in Österreich. In Wien begegnet Rudiš Franz Kafka, Karl Kraus und sogar Kaiser Franz Joseph, zumindest in seiner literarischen Fantasie. Eine Szene der tragischen Art spielt sich am Zentralfriedhof ab: Rudiš sucht Karl Kraus’ Grab, hat ein Bier aus dem Böhmischen Paradies dabei und ist haarscharf davor, in der Sommerhitze umzukippen. Das Bier rettet ihm das Leben, bevor er feststellt, dass er doch direkt vor dem gesuchten Grab steht.
Über Umwege gelangt er schließlich nach Franken. Rudiš beschreibt dies auf liebevolle und witzige Art, in die sich nicht nur gelernte Franken hineinfühlen können. Bier wird zu Musik, zu Literatur und zu Stadtgeschichte zugleich, und da möchte man zum Kühlschrank gehen, um ein eiskaltes Mönchshof mit Bügelverschluss zu genießen.
Mit „Gebrauchsanweisung für Bier“ ist Rudiš ein liebevoller literarischer Reisebericht durch Mitteleuropa gelungen. Und es ist auch eine verschmitzte Liebeserklärung an seine Heimat: „Manchmal gibt es eine Überraschung. Da holt mich mein Vater vom Bahnhof ab und bringt mich direkt ins Lokal. Meine Mutter sitzt am Tisch und trinkt ein schwarzes Bier. So wie damals, am 8. Juni 1972, als ich in Turnov geboren wurde und mit fünfzig Minuten das erste Bier meines Lebens trank.“
Jaroslav Rudiš: Gebrauchsanweisung für Bier, München: Piper, 2025, 256 Seiten, Flexocover mit Klappen, EUR 16,–
Der Rezensent lebt in Franken. Zu seinen Themenschwerpunkten gehören unter anderem jüdisches Leben und Reiseberichte.
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