Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Buchrezension

Gedenken ohne Grenzen

Christliche Erinnerung als gesellschaftlicher Motor: Aufschlussreiches über die Memorialkultur.
Buchrezension: Gedenken ohne Grenzen
Foto: Werner Neumeister | Dem frommen Stifter der Fuggerkapelle in Augsburg ging es nicht allein um Diesseitiges: Sehnsuchtsvoll schaut der Putto in die Ferne, als ahnte er, das Tod und Gericht unausweichlich sind.
Wer, gläubig oder nicht, durch Kirchen streift, sieht einen Ort der Erinnerungskultur: Für den Nichtgläubigen die Verbindung zu einer Zeit, als seine Vorfahren dort Gott die Ehre gaben, der Gläubige aber erspürt gleichsam die Aura der gefeierten Messen, der vertrauensvoll verrichteten Gebete. Wie Memorialpraxis Verbindungen über Zeit und Ort herstellen kann, welche Rolle künstlerische Vermittlung dabei spielt und wie so „Gedenken ohne Grenzen“ möglich wird, erschließt ein ungemein anregender Tagungsband in der Herausgeberschaft von Dieter J. Weiß, dem Landesgeschichtler an der Universität München, und seines Mitarbeiters Markus C. Müller. Noch die Barockzeit wusste, wie Michael Hetz und Markus C. Müller am Beispiel Ottobeurens klarmachen, dass alles miteinander zusammenhängt: Auf einem Fresko von 1766 sind nicht nur der Stifter aus dem Jahr 764, sondern auch der unmittelbare Vorgänger des damaligen Abtes, ein Kaiser, ein Bischof und Ordensgründer Benedikt zu sehen. Schriftzüge wie „Dotatio“, „Confirmatio“ und „Exemptio“ weisen den Personen ihre Rollen zu, auch die damals ganz neu errichtete Klosteranlage wird gezeigt. Ein Beispiel für das, was der Göttinger Mediävist Otto Gerhard Oexle mit seiner viel zitierten Definition von Memoria als „totalem sozialen Phänomen“ meinte. Drei Wesenszüge sind ihr eigen: Der Tod kann durch das Gedächtnis überwunden werden. Daraus erwächst ein existenzieller Auftrag, der die soziale Gruppe verpflichtet. Kommt man ihm nach, entsteht drittens eine Memorialkultur, die aber auf einer gemeinsamen Weltanschauung fußt. An einem Beispiel zeigt Markus C. Müller, wie stark das Vertrauen auf den Nutzen fortdauernden Erinnerns einmal war. Mathilde von Canossa, 1630 als erste Frau im römischen Petersdom bestattet, war im 12. Jahrhundert eine der mächtigsten Adligen Italiens. Als letzte ihrer Familie und zweimal unglücklich und ohne Erben verheiratet, trieb sie die Sorge um ihre Memoria um. Abteien, aber auch Hospitäler sollten dafür sorgen, dass sie und ihre Familie nicht in Vergessenheit gerieten. Besonders förderte sie Polirone bei Mantua: „Dafür sollte der Abt zu Lebzeiten Mathildes immer einen Armen am Haupttisch des Klosters speisen. Nach ihrem Tod sollte ihr Jahrtag mit der gleichen Feierlichkeit begangen werden wie das Gedächtnis der großen Äbte des Klosters“. Polirone, das bald acht Jahrhunderte bestand und zu einem der reichsten Klöster Italiens wurde, hat den Stiftungsauftrag stets treu erfüllt. Philipp T. Wollmann beschäftigt sich mit der Frage, ob und wie das Recht auf Memoria mit dem kirchlichen Begräbnis zusammenhängt. Als bayerischen Gedenkort in Rom stellt Jörg Voigt die deutschsprachige Nationalkirche in Rom Santa Maria dell’Anima vor. Man erfährt, wie viele bayerische Juristen im Dienst der Kurie arbeiteten, wie viele Buchdrucker von dort ihr Glück machten in Rom. Für einige von ihnen diente die Anima dann als Begräbnisplatz. Kulturtransfer zwischen Deutschland und Italien Ein besonders nachdrückliches Beispiel für transalpine Memorialverbindungen stellen die Fugger-Kapellen in Augsburg und Rom dar. Mit künstlerischer Ausstattung höchster Qualität und einander zitierend stellen die Grabkapellen in St. Anna in Augsburg „im welschen Stil“ und in der römischen Anima „more Alemannico“ einen Höhepunkt kulturellen Austausches vor dem Hintergrund familiärer Glorie dar. Becker macht auf die Verknüpfung mit der Liturgie aufmerksam, denn es sollte die Messe „praesente cadavere“ möglichst oft zelebriert werden, um von der Erlösungsmöglichkeit durch die Eucharistie Zeugnis zu geben. Christian Thomas Leitmeir nimmt sich die zahlreichen Requiem- und Memorial-Kompositionen des bayerischen Hofkapellmeisters Orlando di Lasso vor und stellt fest, dass sie, obwohl Auftragswerke, „pro defunctis“ oder „mortuorum“ gewidmet sind, also in der Mehrzahl, für alle verstorbenen Gläubigen. Aus Gründen schicklicher Bescheidenheit setzte sich die Mehrstimmigkeit beim Requiem erst spät durch, merkt er an. Der erwähnte Kulturtransfer zwischen Italien und dem Reich lässt sich musikalisch durch Partituren-Sendungen zur Nordseite der Alpen nachweisen. Barbara Eichner weist einmal mehr nach, dass Klöstern dabei eine führende Rolle zukam. Cordula Bauer hat im Stadtarchiv München gearbeitet und ist im Zusammenhang mit den dort früher wichtigen Bruderschaften auf das Phänomen der „Ewiggelder“ gestoßen, die meist mit einer Grundlast auf Häuser verbunden waren. Damit waren sie nicht an Personen, sondern an Grund und Boden gebunden und hatten insofern zwei Funktionen: Etwas vom „Ewiggeld“ konnte als Kredit in Anspruch nehmen, wer ein Haus kaufen oder umbauen wollte. Zugleich war damit aber eine konkrete Memorialpraxis für die Familie des ursprünglichen Bauherrn verbunden, sodass aus den Zinseinnahmen Messen gelesen wurden. Wie wichtig die Familienmemoria für lange Zeiten war, zeigt Britta Kägler am Beispiel im Ausland verstorbener Fürsten, deren gleich zweimal, am Sterbe- und am Begräbnisort, mit hohem Aufwand gedacht wurde. Matthias Simperl beleuchtet den Reliquienkult, der dazu führte, dass zahlreiche echte oder unechte Reliquien den Weg über die Alpen fanden. Mitherausgeber Dieter J. Weiß stellt Bamberg als fränkisches Rom zwischen Papst und Kaiser vor. Nebenbei weist er nach: „Das Mittelalter kannte eine Mobilität von Päpsten, wie sie erst wieder im 20. Jahrhundert erreicht wurde“. Die Bedeutung der Stadt im Reichsganzen macht Weiß auch an der Tatsache fest, dass immerhin fünf Prozent der im Mittelalter noch seltenen Heiligsprechungen auf das Bistum entfielen. Anhand der Andechs-Meranier im 13. Jahrhundert macht Michael Hetz klar, dass im Aufstieg begriffene Familien durch Zustiftungen Machtansprüche formulierten. Symbolische Pilgerfahrten in die Ewige Stadt Imaginiertes Gedenken durch die geistige Romfahrt – weil die echte lange nur wenigen möglich war – stellt Julia Burkhardt vor. Eine Memoria aufbauen konnte man, wie Andrea A. Verardi schreibt, indem man sich, wie es lange nur hohe Persönlichkeiten konnten, zur Wallfahrt nach Rom aufmachte. So brachte man sich in eine symbolische Verbindung mit den Apostelfürsten. Noch besser für die Hochgestellten war es, seine Kinder vom Papst in Rom taufen zu lassen. Es baute sich eine Beziehung zum Papst auf, die politisch nützlich sein konnte. Das Schweißtuch der Veronika ist quasi eine geronnene Memoria. Pater Uwe Michael Lang weist die schnelle Verbreitung von Votivmessen zum Antlitz Jesu nach, die sich zum Teil auch schlicht der unternehmerischen Initiative von Druckern verdankte. Ignacio García Lascurain Bernstorff berichtet schließlich von den samstäglichen Vorträgen im römischen Kolleg des Campo Santo Teutonico ab 1878. Viele Vorträge sind erhalten oder mindestens deren Titel. Deutlich wird, dass wichtige Themen der Politik Leos XIII. – der bewusst die Geschichtswissenschaften förderte, um wenigstens auf diesem Weg klarzumachen, wer eigentlich Herr im Hause von Italiens Hauptstadt war – behandelt wurden: Memorialpolitik ganz praktisch. Der spannende Sammelband stellt unausgesprochen die Frage, wie die heutige Kirche den Bogen in die Vergangenheit schlagen will, aus der ihr bei näherem Betrachten Selbststand und Weisung erwachsen können – wenn man dieser Vergangenheit traut. Markus C. Müller/Dieter J. Weiß (Hrsg.), Gedenken ohne Grenzen zwischen Bayern und Italien, Memorialpraxis und Heiligenverehrung in der Vormoderne, EOS Verlag, St. Ottilien, 2025, 490 Seiten, EUR 49,95 Der Rezensent ist Augustiner-Chorherr.

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